Vorsilbe ge- im zweiten Mittelworte

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 96 - 97
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Unsicherheit
Text

Beim zweiten Mittelworte herrscht bisweilen Unsicherheit über die Notwendigkeit der Vorsilbe ge-, ja auch über ihre Stellung. Von den weitaus meisten Fällen aus, wo sie vorhanden ist, schließt mancher, aber noch heute trügerisch, daß sie überall notwendig und z. B. er hat es offenbart, alle Hähne waren kapaunt falsch sei. Wer so urteilt, hat die für oder gegen ge- entscheidende Kraft nicht erkannt, das ist die größere oder geringere Tonstärke der ersten Silbe. Denn nur weil die erste Silbe der vielen Verben auf -ieren unbetont ist $Seite 97$ und so durch Vorsetzung von ge- eine unangenehme Häufung tonschwacher Silben entstehen würde, haben diese Verben nie ge- vor sich (jetzt wird lautiert, früher wurde buchstabiert), und ebenso wenig alle untrennbar zusammengesetzten Zeitwörter: es ist entschieden, er wird immer beobachtet; das überlegte Handeln. Selbst neben dem einfach zusammengesetzten anstrengen: ich strenge an, habe angestrengt steht von der doppelten Zusammensetzung mit unbetontem über- das Mittelwort er ist überanstrengt //1 P. Pietsch, ge- beim Mittelwort der Vergangenheit, Zeitschr. des Allg. deutschen Sprachvereins 1906, S. 135 ff. u. 357 ff. faßt die Regel einfach so: Hat die erste Silbe des Zeitworts den Hauptton, so tritt ge- davor; hat ihn eine andere Silbe, so bleibt es weg; bei den trennbar zusammengesetzten Zeitwörtern entscheidet die Betonung des einfachen Zeitwortes, — wonach sich auch die ebenfalls vorkommende Form überangestrengt (Heer) rechtfertigt. — Von sich überessen wurde sowohl übergéssen gebildet, weil das zweite g in gegéssen nicht mehr als selbständige Vorsilbe empfunden wurde, als auch überessen mit gründlicher Tilgung der doppelten Vorsilbe.// Diese Kraft hat also der Berichterstatter über die kapaúnten Hähne noch empfunden trotz der gegenüber früheren Sprachstufen so ausgedehnten Herrschaft des ge-, nicht minder für Zusammensetzungen von solchen Wörtern Kriegsschriftsteller, die von zusammenkartätschten Kolonnen schreiben, oder H. Heine bei seiner ausposaúnten Herrlichkeit, Fr. Th. Vischer bei seinem austrompeteten Hühnerauge Garibaldis, sowie neuerdings Ganghofer: Liebkost von dem Glanz des Lenzmorgens, möchte sie alle Wintersorgen abwerfen, und umgekehrt W. v. Polenz: der Genásführte, freilich auch — kaum richtig: nasgeführt werden; Th. Storm 8. 12. 84: Über Heyses Drama ,Simson' hab ich mit ihm mehrfach gebriefwechselt; Schirokauer in dem Ausdruck: jetzt hat es sich ausgegnädigefraut. Th. Mann wieder hat gegenüber dem herrschenden das ist (wohl) durchdacht sinnlichere Kraft zurückgewonnen (1919) mit der Fügung: da er sich selbständig bis zum kosmopolitischen Radikalismus durchgedacht hatte. Ähnliche Beweglichkeit der Sprache verrät es, wenn H. Löns schreibt: Er hätte alle 4 Gemälde übergestrichen (= ausgestrichen)', über Bierbaum: Das Gedicht ist von ihm durchstrichen. Eben daß die Betonung von offenbaren schwankt, indem in Nord- und Mitteldeutschland offenbaren, in Süddeutschland offenbaren gesagt wird, ist auch der Grund für das Nebeneinander der Formen offenbart und der gewiß weniger wohlklingenden geoffenbart. Nicht minder ist bei den mit miß- zusammengesetzten Wörtern das Schwanken der Betonung schuld an dem Schwanken zwischen Formen mit und ohne ge-, und, was auch auf demselben Grunde beruht, zwischen der Vor- und Zwischenstellung der Infinitiv-Präposition zu.


Zweifelsfall

Verb: Flexion komplexer Verben

Beispiel

offenbart, kapaunt, buchstabiert, entschieden, beobachtet, überlegt, angestrengt, überanstrengt, ausposaunt, austrompeteten, liebkost, Genasführte, nasgeführt, gebriefwechselt, ausgegnädigefraut, durchdacht, durchgedacht, übergestrichen, durchstrichen, offenbart, geoffenbart

Bezugsinstanz Zeitungssprache, Bierbaum - Otto Julius, alt, Ganghofer - Ludwig, Heine - Heinrich, gegenwärtig, Literatursprache, Löns - Hermann, Mann - Thomas, mitteldeutsch, norddeutsch, Polenz - Wilhelm von, Schirokauer - Arno, Storm - Theodor, Vischer - Friedrich Theodor
Bewertung

falsch, Frequenz/ausgedehnt, Frequenz/ebenso wenig, Frequenz/herrschend, Frequenz/meiste Fälle, Frequenz/nie, kaum richtig, sinnlicher, trügerisch, unangenehm, Unsicherheit, weniger wohlklingend

Intertextueller Bezug