Wechsel zwischen dem 3. und dem 4. Falle. Es traf ihm oder ihn an den Kopf

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 194 - 196
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Verb: Valenz

Genannte Bezugsinstanzen: Schanz - Frida, Grimm - Jacob, Löns - Hermann, Hauff - Wilhelm, Süddeutsch, Mundart, Greinz - Rudolf, Huch - Rudolf, Uhland - Ludwig, Ursprünglich
Text

Innere Verwandtschaft des vierten Falles, der den als Ziel unmittelbar Getroffenen bezeichnet, und des dritten, der den Beteiligten bezeichnet, ist der Grund der Lebhaftigkeit, mit der der Grenzstreit auch zwischen diesen beiden Fällen noch immer hin und her wogt. Am lebhaftesten noch bei allen den Zeitwörtern, die bedeuten, daß eine Person oder ein persönlich gedachter Gegenstand durch eine innerliche oder äußerliche Einwirkung getroffen wird, aber nur an einem besonders bezeichneten Teile. Es sind namentlich folgende: beißen, boxen, brennen, drücken, fassen, greifen, hauen, kitzeln, klopfen, kneifen und kneipen, küssen, packen, pfeifen, puffen, schießen, schlagen, schneiden, speien, spucken, stoßen, streichen, streicheln, streifen, treffen, treten, werfen, zwicken. — Wenn solche Zeitwörter von altersher den 4. Fall bei sich haben und dieser die schlechthin, als Ganzes getroffene Stelle angibt, so bleibt dieser auch bei besonderer Bezeichnung des von der Berührung getroffenen Teiles bewahrt, zumal dann, wenn die Wendung ein abschließendes Ergebnis oder einen augenblicklichen Erfolg bezeichnet oder ein sachliches, keine bewußte Handlung ausübendes Subjekt hat. So steht neben: einen fassen, - packen, - puffen, - küssen: er faßt ihn um den Leib, er packte ihn am Kopfe, er puffte ihn in die Seite, er küßte ihn auf die Stirn, und es heißt: den Feind aufs Haupt (d. h. erledigend, abschließend) schlagen. Den augenblicklichen Eindruck gibt der 4. Fall wieder bei: einen kitzeln, - kneifen, - kneipen, - streicheln, - zwicken. Das Sachsubjekt fordert den 4. Fall in Wendungen wie: die Nadel sticht mich in den Rücken; mich hat etwas ins Bein (am Bein) gebissen. Bei treffen überwiegt durchaus der Akkusativ selbst bei Sachsubjekt: Das (diese Nachricht) traf ihn ins Herz. Sonst zieht übertragene Bedeutung oder intransitiver Gebrauch auch neben einen sonst den Akkusativ fordernden Zeitwort den Dativ nach sich, durch den die Wendung so mehr bildlichen Charakter erhält. Man vergleiche für den ersten Fall: Das drückt mir aufs Herz, das sticht mir in die Augen; einem ins Herz -, in die Seele schneiden; der Wahrheit ins Gesicht schlagen, wie auch: Mit dieser Behauptung schlägst du dir selbst ins Gesicht; einem an die Ehre greifen. Der andere Fall liegt in solchen Wendungen vor: Mir schossen die Tränen in die Augen, wie ein Feuerstrom schoß mirs ans Herz, die Fingernägel schnitten ihr ins Fleisch, die Flammenröte schlug ihm ins Gesicht, die Brandung schlug ihm ans Ohr. Natürlich erhält sich $Seite 195$ der 3. Fall auch bei gleichzeitiger Verhältnisbestimmung neben den Zeitwörtern, neben denen er auch für sich allein und kein 4. Fall möglich war, wie speien, spucken, pfeifen: Die Bevölkerung spie den deutschen Gefangenen ins Gesicht, er spuckt ihm auf die Glatze, der Schrot pfiff ihm um den Kopf. — Ebenso gehört der 3. Fall neben sonst transitive Zeitwörter, wenn die Handlung nicht wie bei Verbindung mit dem bloßen (4.) Fall, die ganze Person oder doch einen ganz bestimmten Körperteil trifft. Also zwar: Der Vater strich den Jungen (mit der Rute), aber: die Mutter strich ihm begütigend über das Haar, einem in die Tasche, ans Kinn greifen und erst recht: einer Dame auf die Schleppe, auf das Kleid treten und ebenso bei Rückbeziehung aus das Subjekt: ich strich mir übers Haar, was greifst du dir ans Herz?, damit schneidest du dir ins eigene Fleisch (bildlich !).

Neben diesen durch die Leitkraft der Zeitwörter oder die Bildkraft der Wendungen ziemlich eindeutig geregelten Fügungsweisen bleibt immerhin eine Anzahl von Fällen übrig, in denen — wesentlich bei eigentlicher, sinnlicher Anpassung — der 4. und 3. Fall gleich möglich sind. Aus den Zusammenstellungen von Schwartz//1 Diese Gesichtspunkte für die Erklärung und Wahl des vierten und dritten Falles wesentlich nach Behaghel, Ztschr. des Allg. D. Sprachvereins 1915, S. 224—228, und H. Schwartz, Zur nhd. Verbalrektion, Ztschr. f. deutsche Philol. 17, 79. —// seien herausgehoben: Der Hund biß ihn und: beißt endlich gar ihm ins Bein, — hieb ihn der Mönch mit seinem Stock über den Kopf und: hieb er dem Grafen dreimal über has Gesicht, — er schlägt mich mit der Faust ins Gesicht, da schlug er seinen Neffen auf die Schulter und: er schlug mir auf die Schulter; schlägt dem Passagier mit der Peitsche ins Gesicht. Dazu sei gegenüber der Fügung: er klopfte ihn auf die Schulter (H. Löns 1918 und R. Greinz) aus Fr. Schanzens Warnung vor der Betonung Böcklin das Verspaar gefügt: Da komm ich mit dem Stöcklin und klopf ihm auf das Röcklin! Oft wirkt gegenüber den allmählich herausgebildeten Formen-Unterschieden auch die ursprüngliche, in sinnlicher Anschauung bewahrte Fügung fort, so in der dauernden Beliebtheit von: einen (neben: einem) vor den Kopf stoßen, oder landschaftlicher Brauch, so südwestdeutsch er in dem 4. Fall bei brennen zumal in der Bedeutung schießen: Da brannt' ich ihn auf das Fell (Uhland); den ersten, der sich aus der Ecke wagt, brenne ich auf die Stirne (Hauff). Es brannte mich auf der Seele (Grimm), oder endlich Einfluß eines sinnverwandten Zeitwortes: Der Ziegel schlug (— fiel) ihm grad auf den Kopf.

Ergänzung im bloßen Falle und Verhältnisbestimmung stehen oft in Wechselwirkung, und zwar so, daß neben dem 3. Fall eine Richtungsangabe (Verhältniswort mit 4. Fall), neben dem 4. Fall dagegen das Verhältniswort mit dem 3. Fall erscheint, also gegenüber der ungewöhnlichen Weise ich faßte mich an den Kopf bei Rud. Huch vielmehr: er faßte (griff) ihm an den — oder: er faßte ihn an dem Kragen, der Arzt schnitt ihn am Arme oder: — schnitt ihm in den Arm. Doch allgemein läßt sich nur sagen, daß neben dem 3. Fall die Richtungsangabe vorherrscht, neben dem 4. dagegen ebensogut eine Angabe der Ruhelage möglich ist: die Last drückte ihm auf den Rücken. Der Strolch faßte ihm nach der (an die) Kehle, — doch auch: die Arbeit brennt ihm auf den Nägeln neben: auf die Nägel. — Die Schuld drückt ihn schwer auf dem oder: auf das Gewissen. — Die Zweige streiften ihm an das Gesicht, aber: sie streiften ihn im Gesicht. — Der Angriff traf $Seite 196$ ihn in die — oder: in der Flanke, aber nur: der Angriff traf ihm in die Flanke.


Zweifelsfall

Verb: Valenz

Beispiel
Bezugsinstanz Schanz - Frida, Grimm - Jacob, Löns - Hermann, Hauff - Wilhelm, süddeutsch, Mundart, Greinz - Rudolf, Huch - Rudolf, Uhland - Ludwig, ursprünglich
Bewertung

bleibt bewahrt, erhält sich, erst recht, es heißt, Frequenz/dauernden Beliebtheit, Frequenz/überwiegt, Frequenz/vorherrscht, gehört, gleich möglich, mehr bildlichen Charakter erhält, möglich, nur, ungewöhnlichen

Intertextueller Bezug Behaghel: Ztschr. des Allg. D. Sprachvereins 1915, S. 224-228, H. Schwartz: Zur nhd. Verbalrektion, Ztschr. f. deutsche Philol. 17, 79