Welcher oder der?

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 80 - 81
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Unsicherheit
Text

Was unter den hinweisenden Fürwörtern derselbe, ist unter den rückbezüglichen welcher, das manche so ausschließlich brauchen, als wüßten sie garnichts von dem andern gefälligeren und natürlicheren: der, die, das. Und doch kann dies außer in Verbindung mit folgendem Hauptworte//2 Z. B. Dann erst griff er zum Äußersten, dem Prügel, welches Züchtigungsmittel er im allgemeinen verabscheute. — Relativisches der vor einem Hauptwort wagt immerhin Raabe: den Herrn Pastor, gegen den guten jungen Herrn ich sonst ja eigentlich nichts hatte; und ähnliches dieser ein sächsischer Bezirksschulinspektor: Unser Herr Oberbürgermeister hat den Vorsitz übernommen, diesem beizutreten auch Sie höflichst gebeten werden.// oder einem Fürworte wie letzterer, wo nur welcher möglich ist, heute//3 Ihrem Ursprunge nach ist freilich ein Unterschied in der Bedeutung zwischen der und welcher, also daß der auf einen Begriff in seiner Ganzheit hinweist, welcher, als entsprechend dem solcher, nur auf die einem Gegenstande anhaftende Eigenschaft und ihren Grad, wonach welcher besonders nach solcher und nach Substantiven mit unbestimmtem Artikel, auch nach derjenige stehn müßte. Wer noch Zeit und Gefühl $Seite81$ für den feinen Unterschied hat, mag auch noch scheiden nach Art der beiden Sätze: Es war ein rechter Herbsttag, und ein Tag ( = ein solcher Tag), welcher nur Nebel und Wolken und fallende Blätter sehen ließ, war gewiß nicht dazu angetan, ihre trostlose Stimmung zu bessern. Aber morgen wollten sie einmal fröhlich sein, als zu ihrem Hochzeitstage, den sie immer miteinander gefeiert hatten (H. Hoffmann). Nach Personennamen und besonders persönlichen Fürwörtern ist der wie richtiger, auch noch üblicher.// überall stehen. Selbst das ist nach S. 79 //* Vgl. unten § 286 einen Gebrauch des Wortes, der selbst darüber hinausgeht.// nicht so schlimm, daß bei seiner Wahl für das Auge zweimal die- $Seite81$ selbe Form nebeneinander zu stehen kommt: So wurde der Ehrenplatz, der der Gattin gebührt, ihr entzogen: die Schranken, die die Verhältnisse ... ziehen. Feinfühligen Stilisten unsrer neuhochdeutschen Klassik widerstrebt freilich solches Zusammentreffen: Lessing z. B. vermeidet nicht nur: die Tiefe, der der durch welcher der Sprudel entströmt, sondern auch Gleichheit des Relativs mit dem Artikel vor dem Hauptworte, er sagt also nicht: die Lücke, die er: sondern, welche er gelassen hatte. Auch Schiller und ähnlich Gellert sagt immer welche die, welche diese, und ebenso fast nur nach welchem, seit welchem, in welchem (oder worin) zur Vermeidung des Gleichklangs mit nachdem, seitdem, indem //* Vgl. hierzu Wunderlich, Satzbau § 196. Minor, Allerh. Sprachgrobheiten, S. 10 u. 28 und in Paul und Brs. Beiträgen zur Gesch. d. deutschen Spr. u. L. XVI. § 498, u. unten § 303 ff.//. Ob es im übrigen auf die Verehrer des papiernen Deutsch, die Züchter auch dieser Pflanze aus den Kanzleien, einen Eindruck machen wird, wenn sie erfahren, daß unser ältester neuhochdeutscher Sprachmeister Luther, der soviel mit der sächsischen Kanzlei zu tun hatte, dennoch in seiner Bibelübersetzung immer dreimal, in seinen freien Schriften gar sechsmal das Schlichte der, die, das gesetzt hat, ehe ihm jener Einfluß einmal ein welcher aufzudrängen vermochte? Der natürlich sprechende Mann aus dem Volke, das kann jeder täglich beobachten, bringt es sogar noch jetzt kaum über die Lippen oder doch nur so berechtigt und so selten, wie — nun wie ? — die volkstümlichen Erzähler der deutschen Märchen, die Brüder Grimm. Als alleinstehender Genetiv an der Spitze des Relativsatzes überwiegt gleichmäßig in Abhängigkeit von Haupt- wie Zeitwort dessen, deren; der Bauer, dessen Felder —; um dessen willen; der Tag, dessen sie sich nicht mehr erinnerte. Doch verwendet G. Keller, der auch den Formen von derselbe garnicht abgeneigt ist, gern die Form welcher: keine vornehmen Sitten, welcher man sie teilhaftig machte; und: eine tiefe Stille, während welcher. Auch die kürzere ältere Form der kommt neben deren noch vor: eine Art Mimikry, der er sich bediente; und: Lange Stille, während der Groner mit aller Anstrengung, deren er noch fähig war, nachdachte (DAZ. 28). Wer die Kraft der alten schlichteren Formen der, die, das noch fühlt, der wird sich auch freuen, wenn noch jetzt oder richtiger jetzt wieder öfter statt der Präposition mit dem Relativ, also statt auf welchem oder dem, an welche oder die usw. die zugleich hinweisenden Adverbien daran, darauf, darin, danach oder darnach u. a. auch relativ angewendet werden. Nur sinnerschwerend darf das nicht wirken. Sätze wie die folgenden verdienen diesen Vorwurf gewiß nicht: Gerechtigkeit ist die Grundfeste, darauf alle Königreiche ruhen. Er erkannte es an dem reinen Brusttone, danach Lüge und Heuchelei vergebens ringen.


Zweifelsfall

Konkurrierende Relativpronomina

Beispiel

derselbe, welcher, der, die, das, letzterer, Welches, diesem, solcher, derjenige, die, die Tiefe, der der Sprudel entströmt, die Tiefe, welcher der Sprudel entströmt, die Lücke, die er gelassen hatte, die Lücke, welcher er gelassen hatte, welche, welchem, welchem, welchem, nachdem, seitdem, indem, worin, Es war ein rechter Herbsttag, und ein Tag, welcher nur Nebel und Wolken fallende Blätter sehen ließ, was gewiß nicht dazu angetan, ihre trostlose Stimmung zu bessern., Es war ein rechter Herbsttag, und ein solcher Tag, welcher nur Nebel und Wolken fallende Blätter sehen ließ, was gewiß nicht dazu angetan, ihre trostlose Stimmung zu bessern., den, dessen, deren, dessen, dessen, dessen, welcher, eine tiefe Sille, während welcher, eine Art Mimikry, der er sich bediente, deren, auf welchem, dem, der, an welche, daran, darauf, darin, danach, darnach

Bezugsinstanz alt, Schulsprache, Kirchensprache, Grimm - Jacob, Grimm - Wilhelm, Schreiber guten Stils, Gellert - Christian Fürchtegott, Hoffmann - Hans, gegenwärtig, Behördensprache, Keller - Gottfried, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, Lessing - Gotthold Ephraim, Luther - Martin, neuhochdeutsch, Schriftsprache, Raabe - Wilhelm, Sachsen, Schiller - Friedrich, ursprünglich, Volk
Bewertung

nicht, richtiger, schlicht, sinnerschwerend, üblicher, widerstrebt

Intertextueller Bezug