Zerhackter Stil

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 327 - 328
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Unsicherheit
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Nicht weniger gilt es auf der Hut zu sein, daß nicht etwa aus der Auflösung zweier abhängiger Sätze in zwei selbständige die Auflösung ganzer Abschnitte und Erzählungen in lauter Einzelsätze werde. Daß diese Manier — das Gemache verdient keinen bessern, keinen deutschen Namen — aber wirklich schon sehr verbreitet ist, davon kann man sich beinahe so oft überzeugen, als man eine Erzählung zur Hand nimmt. Einige Proben statt vieler: Auf Madame Pompesa machte dieser Zusatz wenig Wirkung. Ihre Vorsicht war durch dies untrügliche Zeichen geweckt. In ihrer Seele wogte ein Meer stürmischer Empfindungen. Sie beschloß, ein wachsames Auge auf Herrn M. zu haben. — Das Verhängnis bricht jetzt über den armen Jüngling herein. Er ist im Gefängnis. Seine Mutter sucht ihn auf. Er erblickt sie. O Mutter, meine Mutter, schreit er auf. Dieser Ausruf preßt selbst den härtesten unter den Zuschauern Tränen heraus. Dazu ein Beispiel, daß Zeitungsberichte mit dem gleichen prickelnden Mittel gearbeitet werden: 25. April dieses Jahres ist, wie wir mitteilten, die Ordensgesellschaft der bewaffneten Brüder der Sahara ins Leben getreten. Dem Kardinal Lavigerie verdankt sie ihre Entstehung. Was er gesehen und erlebt während eines langjährigen Aufenthalts im schwarzen Erdteile, das schildert er seinen Zuhörern mit hinreißender Beredsamkeit. Er drängte noch kräftiger als zuvor, den Arabern in den Arm zu fallen. Seine Reden zündeten. Alle christlichen Mächte Europas einigten sich. Es trat die bekannte Brüsseler Konferenz zusammen, und den Beschlüssen, die damals gefaßt wurden, verdankt die neugegründete Einrichtung ihr Entstehen (!) —

Man sieht, wozu diese Art der Darstellung führt: zu einer Auflösung aller künstlerischen Abrundung und Abwechslung, zu einem zerhackten und zerrissenen Stile, der sich mit seinen Einzelsätzen tut, als wenn er nur lauter Gleichwichtiges zu sagen hätte, lauter Bedeutsames wie etwa eine Auslassung des allmächtigen großen Napoleon, der sich gern so vernehmen ließ und schließlich auch dazu berechtigt war. Ein Sprachkenner wie Bernhard Wities bemerkte in der M. Allgem. Zeitung 1907, Nr. 108, S. 271 von einer Darwinübersetzung treffend: „Die Zerlegung der von Carus stammenden Perioden in kleinere Sätze vereinfacht zwar den Stil, verwischt aber auch zuweilen die Schärfe des Gedankens“. Oft sind jedenfalls die stolz einherschreitenden Einzelsätze nichts als aufgebauschte Satzglieder wie in einer freilich allerschlimmsten P. Lindauschen Satzreihe: Es war im August des Jahres 1868. Es war um die Mittagsstunde, und in dem Redaktionsbureau der E. Zeitung herrschte eine drückende Hitze. Die Morgennummer war unter der Presse; und dann fingen zwei Sätze mit Ich hatte und nicht wohlklingender je einer mit Ich las und Ich gähnte $Seite 328$ an. Wäre es nicht abgerundeter und weniger zum — Gähnen, wenn sich die unbedeutsamen Ereignisse etwa so zusammenschlössen? In der Mittagsstunde eines Augusttages im Jahre 1868, deren Hitze gar schwül auch über dem Redaktionsbureau der E. Zeitung lagerte, hatte ich mir eben, da die Morgennummer noch unter der Presse war usw. Meister wie G. Freytag und C. F. Meyer haben freilich mit einem ganz einfachen Satzbau nicht geringe Erfolge erzielt, und wir dürfen wohl hoffen, daß von solchen Meistern aus anstatt gesuchter Lindauscher Sprunghaftigkeit und Zuspitzung eine naive Frische und Einfachheit noch auf weiteren Gebieten deutscher Darstellung als dem der Novelle und Erzählung heimisch werde. In Meisterhand ist dieser ,,Kleine-Sätzchen-Stil" jedenfalls ein Hauptmittel, uns endlich vollends herauszuheben aus den Geleisen der „Heiligenrömischenreichsdeutschernationsatzungeheuer“, die im Auslande verrufen waren und ganz auch heut noch nicht tot find.


Zweifelsfall

Hypotaxe oder Parataxe

Beispiel
Bezugsinstanz Wissenschaftssprache, Literatursprache, gegenwärtig, Lindau - Paul, Schreiber guten Stils, Meyer - Conrad Ferdinand, Freytag - Gustav, Bonaparte - Napoleon, Zeitungssprache
Bewertung

"Kleine-Sätzchen-Stil", abgerundeter, allerschlimmsten, das Gemache verdient keinen bessern, keinen deutschen Namen, ein Hauptmittel, uns endlich vollends herauszuheben aus den Geleisen der "Heiligenrömischenreichsdeutschernationsatzungeheuer", Frequenz/ganz auch heute noch nicht tot, Frequenz/sehr verbreitet, führt: zu einer Auflösung aller künstlerischen Abrundung und Abwechslung, gesuchter Lindauscher Sprunghaftigkeit und Zuspitzung, hoffen, daß heimisch werde, Manier, naive Frische und Einfachheit, Nicht weniger gilt es auf der Hut zu sein, nicht wohlklingender, nichts als aufgebauschte Satzglieder, prickelnden Mittel, stolz einherschreitenden, weniger zum - Gähnen, zerhackten und zerrissenen Stile

Intertextueller Bezug Bernhard Witties: M. Allg. Zeitung 1907, Nr. 108, S. 271