Zusammensetzungen auf -artig, -los, -voll, -reich u. a. statt einfacher Bildungen auf -lich und -ig

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 26 - 26
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Unsicherheit
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Besonders oft gewinnt man den Eindruck, als ob das Gefühl für die Kraft selbst häufiger und lebendiger Ableitungssilben erschreckend abnähme; so häufig treten dafür absonderliche oder doch bei aller Gebräuchlichkeit oft unnötig breite Zusammensetzungen ein. Kindlich, neu, alt scheinen zu schwach und man sagt, offenbar ohne zu empfinden, wie häßlich: kindartige Offenheit, neuartiges Verfahren, altartiges Pulver, foltervolles Bewußtsein schlimmer als folterndes; die rechte Hosentasche, das ja als richtige aufgefaßt werden könnte, wird zur rechtseitigen. Vollends in aller Munde sind unzählige unnötige Zusammensetzungen auf -los, voll- und -reich. Lichtvoll klingt offenbar erleuchteter als klar, bedenkenlos und grimm-, wonne-, würde-, wollustvoll muß für unser stumpfes Sprachgefühl doch viel deutlicher sein als grimmig, wonnig, würdig, wollüstig, so schließen die Liebhaber jener Wörter wenigstens von sich auf uns alle. Doch wir verbitten uns das, wie wir auch nicht glauben, daß jetzt alles anmutreich statt anmutig heißen müsse, und daß vernunftlos, bedenkenlos, bewegungslos, fraglos, hindernislos, vorsichtslos besser seien als unvernünftig, unbedenklich, unbeweglich, unbehindert, unfraglich und unvorsichtig. Noch auffälliger wird das Zuviel, wenn sich mehr oder minder deckende Wörter zusammengefügt werden; und doch sind Wörter wie Treffsicherheit, Spekulationsbetätigung in Papieren, hierorts und hierstadts, das letzte bei einem Gymnasiallehrer selbst unmittelbar neben der Ortsangabe: Görlitz, d.... Sept. 90, ordentlich Mode, so daß man sich schon auch über Mädchenkind nicht zu sehr verwundern darf. — Bisheran statt bisher, bis jetzt ist eine überflüssige Verlängerung W. Bölsches, und reglos statt regungslos bei Keller und Jensen eine falsche Bildung vom Verb statt vom Substantiv. Anders ist natürlich zu urteilen, wenn die Neubildung Neues bezeichnet, wie etwa schwereloses Fliegen, ein Fliegen ohne das Gefühl der Schwere. Auch unwertig (ohne größern Wert, B. v. Münchh.) sagt anderes als wertlos oder unwert, und der ungarländische Reformierte den zwar in Ungarn geborenen oder doch lebenden Deutschen, nicht den ungarischen, d. i. madjarischen. Allgemeiner liefern wachsend beliebtere Zusammensetzungen auf -haft leichtere Gebilde als solche mit -artig, so element-, gestalt-, form-, juwelen-, kind-, leichen-, rausch-, schicksal-, sinn[en]-, vermächtnis- und wildnishaft, während lachhaft auf studentische Rede und die Satzaussage beschränkt geblieben ist.