Anders, andersartig und anders geartet

Aus Zweidat
Wechseln zu: Navigation, Suche
Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 390 - 391
Externer Link zum Kapiteltext

Nur für eingeloggte User:

Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Lexikalische Konkurrenzen

Genannte Bezugsinstanzen: Neu, Alt, Sprachverlauf
Text

Ein entsetzlicher Schwulst greift neuerdings unter gewissen Eigenschaftswörtern um sich: man fühlt nicht mehr oder tut so, als ob man nicht mehr fühlte, daß diese Eigenschaftswörter eben die Art, die Eigenschaft eines Dinges bezeichnen, sondern glaubt, das noch besonders ausdrücken, richtiger: ausquetschen zu müssen, indem man das Wort Art zu Hilfe nimmt. Bildungen wie gutartig, bösartig und großartig sind ja schon alt und haben mit der Zeit einen Sinn angenommen, der sich von dem einfachen gut, böse und groß unterscheidet, wiewohl zwischen einem bösen Hund und einem bösartigen Hund, einer großen Auffassung und einer großartigen Auffassung ein recht geringer Unterschied ist. Aber schon fremdartig und verschiedenartig ist doch oft nichts als eine überflüssige Verbreiterung von $Seite 391$ fremd und verschieden. Oder wäre es wirklich nicht mehr deutlich, wenn man sagt: es ist dem innersten Wesen des Deutschen fremd — oder wenn man Gaslicht und elektrisches Licht verschiednes Licht nennt? Vollends unnötiger Schwulst aber ist in den meisten Fällen das neumodische andersartig für anders. Oder ist es etwa nicht mehr zu verstehen, wenn jemand sagt: die Befriedigung, die wir aus der Kunst schöpfen, ist eine ganz andre, als die, die uns die Natur gewährt? (Vgl., was S. 359 über eigen und eigenartig gesagt ist.)

Man begnügt sich aber schon nicht mehr mit den Zusammensetzungen von artig — es scheint das noch nicht schwülstig genug zu sein —, sondern hat das herrliche Partizip geartet erfunden und schreibt nun nicht bloß von einer anders gearteten Zeit und anders gearteten Verhältnissen, sondern auch von einer so gearteten Begabung (statt von einer solchen), von ähnlich gearteten Unternehmungen (statt von ähnlichen) usw. Ist der heutige Sextaner anders geartet als der frühere? — man sah der Ausführung zwar mit anders gearteter, aber nicht geringerer Spannung entgegen — wären alle Deutschen Österreichs so geartet wie die Siebenbürger Sachsen — das Schöffengericht hat in einem ganz ähnlich gearteten Falle auf Freisprechung erkannt — mit der besondern Veranlassung war auch eine besonders geartete Zuhörerschaft gegeben — so spreizt man sich und ist dabei womöglich noch stolz auf seinen Scharfsinn, der den Unterschied zwischen ähnlich und ähnlich geartet ausgedistelt hat.

Vielleicht erleben wirs noch, daß auch anders geartet nicht mehr genügt, daß man sagt: die Befriedigung, welche (!) wir aus der Kunst schöpfen, ist eine ganz andersartig geartete, als diejenige, welche (!) uns die Natur gewährt. Breiter könnte dann der Ausdruck beim besten Willen nicht genudelt werden.


Zweifelsfall

Lexikalische Konkurrenzen

Beispiel
Bezugsinstanz Neu, Alt, Sprachverlauf, Neu
Bewertung

entsetzlicher Schwulst, überflüssige Verbreiterung, vollends unnötiger Schwulst, noch nicht schwülstig genug, breit genudelt

Intertextueller Bezug