Bedingen

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 380 - 383
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Lexikalische Konkurrenzen

Genannte Bezugsinstanzen: Gegenwärtig, Schriftsprache, Gesprochene Sprache, Sprachverlauf, 19. Jahrhundert
Text

Wie unter den Hauptwörtern das Wort Gesichtspunkt, so ist unter den Zeitwörtern das am unsinnigsten mißbrauchte Modewort jetzt bedingen. Der erste Band von Grimms Wörterbuch (1854) erklärt bedingen durch aushalten, bestimmen, ausnehmen. Im Sandersschen Wörterbuche (1860) sind folgende Bedeutungen aufgezählt und belegt: verpflichten, festsetzen, ausmachen, beschränken, von etwas abhängig machen, außerdem eine Anwendung, die bei Grimm noch fehlt: eine Sache bedingt die andre, oder passiv: eine Sache ist oder wird durch die andre bedingt; das Aktivum erklärt Sanders hier durch notwendig machen, erheischen, erfordern, das Passivum durch abhängig sein von etwas.

Nun vergleiche man damit den heutigen Sprachgebrauch (der Sinn, in dem das Wort gebraucht ist, soll stets in Klammern hinzugefügt werden). Da schreiben die einen: eine Laufbahn, die akademische Vorbildung bedingt (voraussetzt, verlangt, erfordert, erheischt, notwendig macht) — der große Aufwand, den die Aufführung dieser Oper bedingt (ebenso) — die angegebnen Preise bedingen die Abnahme des ganzen Werkes (machen zur Pflicht) — die Ausgaben für Saalmiete, Beleuchtung und Annoncen bedingen einen Berg von Kosten (verursachen) — unsre ganzen Zeitverhältnisse bedingen den zurückgegangnen Theaterbesuch (sind die Ursache, bringen mit sich, sind schuld an) — die Lage der Bergarbeiter zu studieren, ist es nötig, auch die Verhältnisse zu berühren, die diese Lage bedingen (schaffen, hervorbringen, hervorrufen, erzeugen) — der Sand- und Lehmboden bedingt eine besondre Flora (ebenso) — dieses Korsett bedingt eleganten Sitz (!) des Kleides (schafft, bewirkt) — der humanistische Charakter des akademischen Studiums bedingt das ganze Wesen unsrer Universitäten (ist von Einfluß auf) — bei Lessing bedingte stets die kritische Einsicht das dichterische Schaffen (ebenso) — Tatsache ist, daß gewisse Affekte den Eintritt des Stotteranfalls $Seite 381$ bedingen (herbeiführen) — die Stellung der Türen in den Wänden bedingt wesentlich die Nutzbarkeit der Räume (von ihr hängt ab)nur körperliches Leiden (Laokoongruppe!) bedingt eine so gewaltsame Anspannung aller Muskeln (macht erklärlich, macht begreiflich) — dieser Zweck bedingt sowohl die Mängel als die Vorzüge des Werkes (aus ihm erklären sich) usw.

Nun der passive Gebrauch. Da wird geschrieben: die hohen Ränder des Sees und der dadurch bedingte Reichtum malerischer Wirkungen (geschaffne) — diese durch die Lage Englands bedingte Gunst des Glückes (ebenso) — durch die Verkehrserleichterungen ist ein Rückgang des Kommissionsgeschäfts bedingt worden (bewirkt worden, herbeigeführt worden) — die durch die Großstadt bedingte Vermehrung der Arbeitsgelegenheit (bewirkte, verursachte) — die Krankheit wird durch den Genuß des schlechten Mais bedingt (entsteht) — der Ausfall der Wahlen ist durch unzählige nicht in der Macht der Regierung liegende Verhältnisse bedingt (hängt ab von) — die Zulassung zur Fakultät war durch den Nachweis des philosophischen Magistergrades bedingt (hing ab von) — der Erfolg des Mittels war durch die Zuverlässigkeit der Leute bedingt (ebenso) — die Überholung Leipzigs durch Berlin ist durch die Macht der äußern Verhältnisse bedingt (ist die Folge) — diese Aussichtslosigkeit war durch die seit drei Jahren gemachte Erfahrung bedingt (war entstanden, war die Folge) — Glück wird durch Leistungsfähigkeit bedingt (entsteht) — die Gefahr für den innern Frieden ist durch den Gegensatz zwischen Besitz und Besitzlosigkeit bedingt (liegt in, beruht auf, entsteht aus) — die durch den Reichtum bedingten Lebensgenüsse (ermöglichten) usw.

Überblicken wir die angeführten Beispiele, so ergibt sich folgendes. Die einen gebrauchen bedingen in dem Sinne von: zur Voraussetzung haben. A bedingt B — das heißt: A hat B zur Voraussetzung, A hängt von B ab, A ist undenkbar, wenn nicht B ist, A verlangt also, erheischt, erfordert B. Das ist die vernünftige und berechtigte Anwendung des Wortes: aus ihr erklärt sich das Wort Bedingung. Die Auf- $Seite 382$ führung der Oper bedingt großen Aufwand — das versteht jedermann; es heißt: die Oper ist ohne großen Aufwand nicht aufführbar, der Aufwand ist die Voraussetzung, die Bedingung einer guten Aufführung.

Nun gebrauchen aber andre das Wort in dem Sinne von bewirken und den zahlreichen sinnverwandten Wörtern (schaffen, erzeugen, hervorbringen, hervorrufen, verursachen, zur Folge haben). A bedingt B — das heißt dann: A ist die Ursache von B. B wird durch A bedingt heißt: B ist die Folge von A. Wie dieser Bedeutungswandel möglich sein soll, ist unverständlich; es ist schlechterdings nicht einzusehen, wie der Begriff der Voraussetzung zu dem der Hervorbringung soll werden können.

Es wird aber noch ein weiterer Schritt getan, namentlich in der passivischen Anwendung des Wortes. B wird durch A bedingt — das heißt nicht bloß: B wird durch A bewirkt, sondern B wird nur (!) durch A bewirkt, es kann durch nichts andres entstehen als durch A, also mit andern Worten: B hat A zur Voraussetzung. Und da wären wir denn glücklich bei der vollständigen Verrücktheit angelangt. Denn wenn es ganz gleichgültig ist, ob jemand sagt: A hat B zur Voraussetzung, oder B hat A zur Voraussetzung, B ist die Voraussetzung von A, oder A ist die Voraussetzung von B, wenn das beides (!) mit dem Satze ausgedrückt werden kann: A bedingt B (oder passiv: B wird durch A bedingt), mit andern Worten: wenn es ganz gleichgültig ist, ob jemand sagt bedingen oder bedingt werden, so ist das doch die vollständige Verrücktheit. Auf diesem Punkte stehen wir aber jetzt. Geschrieben wird: Glück wird durch Leistungsfähigkeit bedingt — die Zulassung zur Fakultät wurde durch den Magistergrad bedingt, also aktiv ausgedrückt: Leistungsfähigkeit bedingt Glück — der Magistergrad bedingte die Zulassung zur Fakultät. Gemeint ist aber: Glück bedingt (d. h. ist nicht denkbar ohne) Leistungsfähigkeit — die Zulassung zur Fakultät bedingte (d. h. war nicht zu erlangen ohne) den Magistergrad.

Man übertreibt nicht, wenn man den gegenwärtigen $Seite 383$ Gebrauch von bedingen etwa so bezeichnet: wenn der Deutsche eine dunkle Ahnung davon hat, daß zwei Dinge in irgend einem ursächlichen Zusammenhänge stehen, aber weder Neigung noch Fähigkeit, sich und andern diesen Zusammenhang klar zu machen, so sagt er: das eine Ding bedingt das andre. In welcher Reihenfolge er dabei die Dinge nennt, ob er sagt: Kraft bedingt Wärme oder: Wärme bedingt Kraft, ist ganz gleichgiltig; der Leser wird sich schon irgend etwas dabei denken.

Soll man sich denn aber nicht darüber freuen, daß dieses Wort eine so bewundernswürdige Verwandlungsfähigkeit erlangt hat? Wenn es vor vierzig Jahren, wie die Wörterbücher zeigen, nur einen kleinen Bruchteil der zahlreichen Bedeutungen hatte, die es heute hat, so ist das doch ein Beweis für die wunderbare Triebkraft, die noch in unsrer Sprache lebt. Aus einem einzigen Wort entfaltet sie noch jetzt einen solchen Reichtum! — Die Sache ist doch wohl anders anzusehen. Wenn zwanzig sinn- und lebensvolle Wörter und Wendungen, die zur Verfügung stehen, und die die feinste Schattierung des Gedankens ermöglichen, verschmäht werden einem hohlen, ausgeblasnen Wortbalg wie diesem bedingen zuliebe, so ist das weder Reichtum noch Triebkraft, sondern nur eine alberne Mode und zugleich ein trauriges Zeichen von der zunehmenden Verschwommenheit unsers Denkens.


Zweifelsfall

Lexikalische Konkurrenzen

Beispiel
Bezugsinstanz gegenwärtig, Schriftsprache, gesprochene Sprache, Sprachverlauf, 19. Jahrhundert
Bewertung

unverständlich, wunderbare Triebkraft, hohler, ausgeblasner Wortbalg, alberne Mode, trauriges Zeichen

Intertextueller Bezug Grimms Wörterbuch (1854): 1. Band, Sanderssches Wörterbuche (1860)