Der Buchtitelfehler

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 211 - 213
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Kongruenz bei Appositionen

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Literatursprache, Gegenwärtig, 19. Jahrhundert
Text

Ein besonders häufiges Beispiel einer fehlerhaften Apposition findet sich auf Buchtiteln. Gewiß auf der Hälfte aller Buchtitel wird jetzt zum Verfassernamen, der ja immer hinter von, also im Dativ steht, das Amt oder der Beruf des Verfassers im Nominativ gesetzt! Noch in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war diese Nachlässigkeit fast unbekannt; da schrieb man noch richtig: von Joseph Freiherrn von $Seite 212$ Eichendorff, von H. Stephan, kgl. preußischem Postrat. Jetzt heißt es: von C. W. Schneider, Reichstagsabgeordneter von H. Brehmer, dirigierender Arzt von Dr. Schäfer, zweiter Arzt von F. Kobeker, kaiserl. russischer Geheimrat von W. Brinkmann, Geheimer Sanitätsrat von Egbert von Frankenberg, diensttuender Kammerherr von Havestadt und Contag, Regierungsbaumeister von Dr. Leonhard Wolff, städtischer Musikdirektor von E. R. Edler von Kutas von J. Hartmann, königl. preußischer Generalleutnant z. D. von Adolf Winds, königl. sächsischer Hofschauspieler von Dr. Friedrich Harms, weiland ordentlicher Professor an der Universität Berlin von L. Schmidt, korrespondierendes Mitglied des Vereins usw. Besonders häufig erscheinen der Dozent, der Privatdozent und der Architekt in solchen fehlerhaften Appositionen; es ist, als ob die Herren ganz vergessen hätten, daß sie nach der schwachen Deklination gehen (dem Dozenten, dem Architekten). Mitunter sind ja die Verfasser so vorsichtig, das Wort, auf das es ankommt, abzukürzen, z. B. von Heinrich Oberländer, königl. Schauspieler. Namentlich der ordentl. und der außerordentl. Professor gebrauchen gern diese Vorsicht und überlassen es dem Leser, sich die Abkürzung nach Belieben zu ergänzen. Die meisten Leser ergänzen aber sicher falsch.//* Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die Apposition voranstellt: von Privatdozent Dr. Albert Schmidt, von ordentl. Professor E. Max, was doch unzweifelhaft von ordentlicher (!) Professor gelesen werden soll.// Hat zum Überfluß noch der Name des Druckers oder des Verlegers eine Apposition, so kann es vorkommen, daß auf einem Buchtitel der Fehler zweimal steht, oben beim Verfassernamen und unten noch einmal am Fuße: Druck von Gustav Schenk, königlicher Hoflieferant!

Aber auch in andern Fällen, nicht bloß wo sich der Verfasser eines Buches nennt, wird der Fehler oft begangen. Man schreibt auch: Erinnerungen an Botho von Hülsen, Generalintendant der königlichen Schauspiele. Auf Briefadressen kann man lesen: Herrn Dr. Müller, $Seite 213$ Vorsitzender des Vereins usw. Es ist, als ob alle solche Appositionen, die Amt, Beruf, Titel angeben, zusammen mit dem Personennamen als eine Art von Versteinerungen betrachtet würden. Daß von den Dativ, an den Akkusativ regiert, dafür scheint hier alles Bewußtsein geschwunden zu sein. Erst kommt die Präposition, dann der Name, und dann, unflektiert und, wie es scheint, auch unflektierbar, der Wortlaut der Visitenkarte.


Zweifelsfall

Kongruenz bei Appositionen

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, Literatursprache, gegenwärtig, 19. Jahrhundert
Bewertung

eher schlimmer, falsch, Fehler, fehlerhaften, Frequenz/besonders häufig, Frequenz/die meisten, Frequenz/oft, Nachlässigkeit, Nicht besser, richtig

Intertextueller Bezug