Der Infinitiv. Zu und um zu

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 158 - 162
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Infinitivkonstruktionen mit und ohne (um) zu

Genannte Bezugsinstanzen: Alt, Goethe - Johann Wolfgang, Gegenwärtig, Neu, Sprache der Kunst, Gesprochene Sprache, Familie, Ursprünglich, Zeitungssprache
Behandelter Zweifelfall:

Subjunktion: Semantik

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Alt, Neu, Zeitungssprache
Behandelter Zweifelfall:

Wiederaufnahme bei Pronomen

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache
Text

In den Infinitivsätzen werden mannigfaltige Fehler gemacht. Vor allem reißt eine immer größere Verwirrung in dem Gebrauche von zu und um zu ein, und zwar so, daß sich um zu immer öfter an Stellen drängt, wo nur zu hingehört. Und doch ist zwischen beiden ein großer Unterschied. Der Infinitiv mit um zu bezeichnet den Zweck einer Handlung; der Infinitiv mit zu dagegen dient zur Begriffsergänzung des Hauptworts oder Zeitworts, von dem er abhängt. In einem Satze wie: die $Seite 159$ schönen Tage benutzte ich, die Gegend zu durchstreifen, um meine Gesundheit zu kräftigen — ist der Sinn von zu und um zu deutlich zu sehen. Ich benutzte die schönen Tage — das verlangt eine Ergänzung. Wozu denn? fragt man; das bloße benutzte sagt noch nichts. Die notwendige Ergänzung lautet: die Gegend zu durchstreifen. Aber das ist kein Zweck; der Zweck wird dann noch besonders angegeben: um meine Gesundheit zu kräftigen.//* In der ältern Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das bloße zu ausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mit um zu ist die jüngere.//

Solche ergänzungsbedürftige Begriffe gibt es nun in Menge. Von Hauptwörtern gehören dazu: Art und Weise, Mittel, Macht, Kraft, Lust, Absicht, Versuch, Zeit, Alter, Geld, Gelegenheit, Ort, Anlaß usw., von Zeitwörtern: imstande sein, genug (groß genug, alt genug) sein, genügen, hinreichen, passen, geeignet sein, angetan sein, dasein, dazu gehören, dienen, benutzen usw. Auf alle diese Begriffe darf nur der Infinitiv mit zu folgen.//** In der ältern Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das bloße zu ausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mit um zu ist die jüngere.// Dennoch wird jetzt immer öfter geschrieben: es wurde eine günstige Gelegenheit benutzt, um sich einen Weg durch die Feinde zu bahnen — hierin sehen wir das beste Mittel, um einem Mißbrauch der Staatssteuer vorzubeugen — als er endlich Kraft und Lust fühlte, um sich an monumentalen Aufgaben zu versuchen — sogar eine Übung mit dem Zeitwort muß den Anlaß geben, um den Rachekrieg zu predigen — wo ist in der Türkei ein Mann, um so umfassende Aufgaben durchzuführen? — wenn man wirklich einmal die Zeit gewinnt, um ein aus dem Drange des Herzens geschaffnes Werk zu vollenden — nach den Vorbereitungen für die Schule behielt sie noch Zeit übrig, um deutsche Gedichte zu lesen — alle waren in dem Alter, $Seite 160$ um die Gefahr zu begreifen — wie viele Schulbibliotheken haben kein Geld, um sich Rankes Weltgeschichte zu kaufen — er hatte das nötige Geld, um durch Reisen seinen Wissensdurst zu befriedigen — es gehört schon eine bedeutende Einnahme dazu, um sich eine anständige Wohnung verschaffen zu können — manche Aufzeichnungen scheinen mir nicht geeignet, um einen Platz in diesen Denkwürdigkeiten zu finden — die Zeitlage ist nicht dazu angetan, um diese Forderung zu bewilligen — den Aufenthalt in Berlin benutzte ich, um mich auch den ältern Fachgenossen vorzustellen — die Arbeiter sind nur dazu da, um den Hausbesitzern eine möglichst hohe Grundrente zu sichern — sind diese Gründe wirklich genügend, um das Bestehen einer solchen Einrichtung zu rechtfertigen? — ist unsre Sprache noch jung genug, um(!) neue Wörter zu erzeugen? — ein Jahrhundert ist lang genug, um(!) in der Sprache erhebliche Änderungen hervorzurufen — der deutsche Geist war stark genug geworden, um(!) die fremden Ketten zu brechen — ich muß abwarten, ob ihm mein Wesen Interesse genug einflößen wird, um(!) sich mit mir abzugeben. Eine Zeitung schreibt: die englische Regierung wird nichts tun, um die Gemeinsamkeit in dem Vorgehen der Mächte zu stören. Das kann doch nur heißen: sie wird sich untätig verhalten, damit Sie das gemeinsame Vorgehen der Mächte störe. Es soll aber heißen: sie wird alles unterlassen, was das gemeinsame Vorgehen stören könnte. Solches Unheil richtet das dumme um an!

Namentlich hinter den Verbindungen mit genug hat um zu gewaltig um sich gegriffen, obwohl sich die lebendige Sprache meist noch mit dem bloßen zu begnügt, und die Mutter zu ihrem Jungen ganz richtig sagt: du bist alt genug, das zu begreifen! Vollends verdrängt worden ist aber das ursprüngliche einfache zu nach den mit zu verbundnen Adjektiven: Gott ist zu hoch, um sich um die Kleinigkeiten der Welt zu kümmern — der Stoff ist viel zu umfänglich, um ihn in öffentlichen Vorlesungen zu behandeln — sie haben zu wenig Bildung, um ihre Taktlosigkeiten zu $Seite 161$ erkennen — die Mannschaft ist zu gering, um einen festen Stützpunkt für die Schulung der Rekruten abzugeben. Auch hier genügt überall das einfache zu und hat auch früher genügt. (Freilich heißt es auch schon im Faust: Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.)

Wie die angeführten Beispiele zeigen, ist es nicht nötig, daß das Subjekt des Infinitivsatzes immer dasselbe sei wie das des Hauptsatzes. Doch ist es gut, darin vorsichtig zu sein. Es braucht bei Verschiedenheit des Subjekts nicht immer solcher Unsinn herauszukommen, wie in dem Satze: ohne Gefahr zu ahnen, geriet ein vom Abhange rollender Stein unter das Vorderrad des Wagens. Es sind auch solche Sätze schlecht, wie: die Kurfürstin ließ den Hofprediger rufen, um sie mit den Tröstungen der Religion zu erquicken; der Fehler wird hier nur durch den Gegensatz der Geschlechter verschleiert. Man setze statt der Kurfürstin den Kurfürsten, und sofort entsteht Unsinn, sofort müßte der Infinitivsatz geändert und geschrieben werden: um sich von ihm mit den Tröstungen der Religion erquicken zu lassen. Erträglich sind aber folgende Sätze: der achteckige Aufbau soll wegfallen, um Turm und Schiff besser in Einklang zu bringen — das Fechten mit der blanken Waffe sollte fleißig geübt werden, um nötigenfalls mit der eignen Person eintreten zu können — zur Zeit liegt die Fregatte im Trockendock, um sie für die Winterreise vorzubereiten. Hier schwebt beim Infinitiv ein unbestimmtes Subjekt (man) vor.

Vorsichtig muß man auch mit einer Anwendung des Infinitivs mit um zu sein, die manche sehr lieben, nämlich der, von zwei aufeinander folgenden Vorgängen den zweiten als eine Art von Verhängnis oder Schicksalsbestimmung hinzustellen und dabei in die Form eines Absichtssatzes zu kleiden, z. B.: der Herzog kehrte nach F. zurück, um es nie wieder zu verlassen. Der Sinn ist: es war ihm vom Schicksal bestimmt, es nie wieder zu verlassen, während seine Absicht vielleicht war, es noch recht oft zu verlassen. Man kann diesen Gebrauch das ironische um zu nennen. Es entsteht aber sehr oft $Seite 162$ ein lächerlicher Sinn dabei, z. B.: er wurde in dem Kloster Lehnin beigesetzt, um später in den Dom zu Kölln an der Spree überführt (!) zu werden — er schloß sich der Emin-Pascha-Expedition an, um ein trauriges Ende dabei zu finden — täglich wird eine Masse von Konzert- und Theaterberichten geschrieben, um schnell wieder vergessen zu werden — beim Eintreffen der Feuerwehr brannte das Gebäude bereits vollständig, um schließlich einzustürzen — die Einzeichnungen beginnen im Jahre 1530, um schon im Jahre 1555 wieder ihr Ende zu finden — vor etwa dreißig Jahren sind die Niersteiner Quellen versiegt, um erst neuerdings wieder hervorzubrechen. Das Richtige wären hier überall zwei durch und verbundne Hauptsätze.

Mit dem Hilfszeitwort sein verbunden kann der Infinitiv mit zu sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit ausdrücken; das ist zu erreichen heißt: das kann erreicht werden; das ist zu beklagen heißt: das muß beklagt werden. Daher muß man sich vor Zweideutigkeiten hüten, wie: ein Fräulein sucht Stelle bei einem geistlichen Herrn; gute Zeugnisse sind vorzulegen.


Zweifelsfall

Subjunktion: Semantik

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, alt, neu, Zeitungssprache
Bewertung

lächerlicher Sinn, Unheil, dumm

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Wiederaufnahme bei Pronomen

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache
Bewertung

solcher Unsinn, schlecht, erträglich

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Infinitivkonstruktionen mit und ohne (um) zu

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Goethe - Johann Wolfgang, alt, gegenwärtig, neu, Sprache der Kunst, gesprochene Sprache, Familie, ursprünglich, Zeitungssprache
Bewertung

darf nur folgen, das Richtige, Erträglich, Fehler, Fehler, Frequenz/die manche sehr lieben, Frequenz/immer öfter, Frequenz/vollends verdrängt, ganz richtig, genügt, ist es gut, darin vorsichtig zu sein, kann niemals angeschlossen werden, lächerlicher Sinn, müßte geändert werden, schlecht, Schnitzer, Unheil, Unsinn, Vorsichtig muß man sein

Intertextueller Bezug