Derer und deren

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 44 - 44
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Relativpronomen: Konkurrierende Flexionsformen

Genannte Bezugsinstanzen: 18. Jahrhundert, Neu, Schriftsprache, Leipzig, Neuhochdeutsch, Literatursprache, Fachsprache (Druckereiwesen), Ungebildete
Text

Die Genitive der Mehrzahl derer und deren sind der alten Sprache überhaupt unbekannt, sie hat nur der; beide sind — ebenso wie die Genitive der Einzahl dessen und deren — erst im Neuhochdeutschen gebildet worden und als willkommne Unterscheidungen des betonten und lang gesprochnen Determinativs und Relativs der (der) von dem gewöhnlich unbetonten und kurz gesprochnen Artikel der (der) festgehalten worden. Derer steht vor Relativsätzen (und verdient dort den Vorzug vor dem schleppenden derjenigen); deren ist Demonstrativum: die Krankheit und deren Heilung (d. i. ihre Heilung) und Relativum: die Krankheiten, deren Heilung möglich ist. Falsch ist es also, wenn Relativsätze angefangen werden: in Betreff derer, vermöge derer.

Ein ganz neuer Unsinn, den man jetzt bisweilen lesen muß, ist dessem und derem: der Dichter, dessem löblichen Fortschreiten ich mit Freuden folge — die Geschäfte werden inzwischen von dessem Stellvertreter besorgt — die fremde Kunst, bei derem Studium der Deutsche seine eigne Kunst vergaß — für die Behörden zu derem alleinigen Gebrauch ausgefertigt. Der Dativ, der in diesen Sätzen steht, hat gleichsam den vorangehenden abhängigen Genitiv angesteckt und dadurch diese Mißbildungen geschaffen. Die Verirrung geht aber wohl öfter in den Köpfen der Setzer als in denen der Schriftsteller vor; bei der Korrektur lesen die Verfasser über den Unsinn weg, und so wird er mit gedruckt. Auch dergleichem findet sich schon: er ist zu Verschickungen und dergleichem gebraucht worden.//** Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt. Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in Leipzig: der Gasthof zum drei Schwanen, der Riß zum Schlachthöfen. Man meinte natürlich zun, getraute sich das aber nicht zu schreiben.//