Die Ausstattung war eine glänzende

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 90 - 94
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Unsicherheit
Text

Eine hässliche Gewohnheit, die in unserm Satzbau eingerissen ist, ist die, das Prädikat, wenn es durch ein Adjektiv gebildet wird, nicht, wie es doch im Deutschen das richtige und natürliche ist, in der unflektierten, prädikativen Form hinzuschreiben, z. B.: das Verfahren ist sehr einfach, sondern in der flektierten, attributiven Form, als ob sich der Leser das Subjekt noch einmal dazu ergänzen sollte: das Verfahren ist ein sehr einfaches (nämlich Verfahren). Es ist das nicht bloß ein syntaktischer, sondern auch ein logischer Fehler, und daß man das gar nicht empfindet, ist das besonders traurige dabei.

Ein Adjektiv im Prädikat zu flektieren hat nur in einem Falle Sinn, nämlich wenn das Subjekt durch die Aussage in eine bestimmte Masse oder Sorte eingereiht werden soll. Wenn man sagt: diese ganze Frage ist eine rein ästhetische, eine rein wirtschaftliche — der Genuß davon ist mehr ein sinnlicher, kein rein geistiger — die Kirsche, die du mir gegeben hast, war eine saure — das Regiment dort ist ein preußisches — der Begriff der Infektionslehre ist ein moderner — die Macht, die das bewirken sollte, mußte $Seite 91$ eine weltliche sein — das Amt des Areopagiten war ein lebenslängliches — das Exemplar, das ich bezogen habe, war ein gebundnes — das abgelaufne Jahr war für die Geschäftswelt kein günstiges — so teilt man die Fragen, die Genüsse, die Kirschen, die Regimenter usw. in verschiedne Klassen oder Sorten ein und weist das Subjekt nun einer dieser Sorten zu. Es wäre ganz unmöglich, zu sagen: diese Frage ist rein ästhetisch oder: das Regiment dort ist preußisch. Die Kirsche ist sauer — das kann man wohl von einer unreifen Süßkirsche sagen, aber nicht wenn man ausdrücken will, daß die Kirsche zu der Gattung der sauern Kirschen gehöre. Das unflektierte Abjektiv also urteilt, das flektierte sortiert. An ein Sortieren ist aber doch nicht zu denken, wenn jemand sagt: meine Arbeit ist eine vergebliche gewesen. Es fällt doch dem Schreibenden nicht im Traume ein, die Arbeiten etwa in erfolgreiche und vergebliche einteilen und nun die Arbeit, von der er spricht, in die Klasse der vergeblichen einreihen zu wollen, sondern er will einfach ein Urteil über seine Arbeit aussprechen. Da genügt es aber doch, zu sagen: meine Arbeit ist vergeblich gewesen.

In der Unterhaltung sagt denn auch kein Mensch: die Suppe ist eine zu heiße, aber eine sehr gute — die Not ist eine große — der Kerl ist ein zu dummer. Der lebendigen Sprache ist diese unnötige und häßliche Verbreiterung des Ausdrucks ganz fremd, sie gehört ausschließlich der Papiersprache an, stellt sich immer nur bei dem ein, der die Feder in die Hand nimmt, oder bei dem Gewohnheitsredner, der bereits Papierdeutsch spricht, oder dem gebildeten Philister, der sich am Biertisch in der Sprache seiner Leibzeitung unterhält. Die Papiersprache kennt gar keine andern Prädikate mehr. Man sehe sich um: in zehn Fällen neunmal dieses schleppende flektierte Adjektiv, im Akten- und im Zeitungsdeutsch durchweg, aber auch in der wissenschaftlichen Darstellung, im Roman und in der Novelle. Lächerlicherweise ist das Adjektiv dabei oft durch ein Adverb gesteigert, so daß gar kein Zweifel darüber sein kann, daß ein Urteil ausgesprochen werden soll. Aber es wird nirgends mehr $Seite 92$ geurteilt, es wird überall nur noch sortiert: die Ausstattung ist eine überaus vornehme — die Organisation ist eine sehr straffe, fast militärische — der Andrang war ein ganz enormer — der Beifall war ein wohlverdienter — diese Forderung ist eine durchaus gerechtfertigte — die Stellung des neuen Direktors war eine außerordentlich schwierige — in einigen Lieferungen ist die Bandbezeichnung eine falsche — der Erfolg mußte von vornherein ein zweifelhafter sein — die persönliche Selbständigkeit war in der Schweiz eine weit größere als in Deutschland — das Zeugnis Verschiedner ist keineswegs immer ein einmütiges — sein Standpunkt ist ein gänzlich verkehrter — diese Anschauung vom Leben der Sprache ist eine durchaus verkehrte — die Verfrachtung ist eine außerordentlich zeitraubende und kostspielige — Napoleons Lage war am 16. Oktober eine wenig günstige — leider ist dieser Standpunkt ein völlig undurchführbarer — die wirtschaftliche Lage des Landes ist eine sehr erfreuliche — die Aussicht auf die kommende Session ist eine sehr trübe — dieses Gedicht ist ein dem ganzen deutschen Volke teures (!) — der Text im Merkur ist ein von Ramler verballhornter (!) — allen Verehrern Moltkes dürfte der Besitz dieses Kunstblattes ein sehr willkommner (!) sein usw. Ebenso dann auch in der Mehrzahl: die Meinungen der Menschen sind sehr verschiedne — die Pachtsummen waren schon an und für sich hohe — die mythologischen Kenntnisse der Schüler sind gewöhnlich ziemlich dürftige — ich glaube nicht, daß die dortigen Verhältnisse von den unsrigen so grundverschiedne (!) seien. Ist das Prädikat verneint, so heißt es natürlich kein statt nicht: die Schwierigkeiten waren keine geringen — die Kluft zwischen den einzelnen Ständen war keine sehr tiefe — die Rührung ist keine erkünstelte — die Grenze ist keine für alle Zeiten bestimmte und keine für alle Orte gleiche — bei Goethe und Schiller ist der Abstand von der Gegenwart kein so starker mehr. Eine musterhafte Buchkritik lautet heutzutage so (das Beispiel ist nicht erfunden!): ist der Inhalt des $Seite 93$ Lexikons ein sehr wertvoller und die Behandlung der einzelnen Punkte eine vorzügliche, so hält die Ausstattung gleichen Schritt damit, denn sie ist eine sehr gediegne.//* Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte Verbindungen, wie: eine offne Frage, ein zweifelhaftes Lob, ein frommer Wunsch, ein blinder Lärm, auseinanderzerrt, das Prädikat zum Subjekt macht und schreibt: die Frage war lange Zeit eine offne — dieses Lob ist doch ein sehr zweifelhaftes — dieser Wunsch wird wohl ewig ein frommer (!) bleiben — der Lärm war zum Glück nur ein blinder (!).//

Von dem einfachen mit der Kopula gebildeten Prädikat geht aber der Schwulst nun weiter zu den Verben, die mit doppeltem Akkusativ, einem Objekts- und einem Prädikatsakkusativ, verbunden werden. Auch da heißt es nur noch: diesen Kampf kann man nur einen gehässigen nennen (statt: gehässig nennen!) — mehr oder minder sehen wir alle die Zukunft als eine ernste an (statt: als ernst an) — ich möchte diesen Versuch nicht als einen durchaus gelungnen bezeichnen — ich bin weit davon entfernt, diese Untersuchung als eine abschließende hinzustellen — das, was uns diese Tage zu unvergeßlichen macht (statt: unvergeßlich macht!) und passiv: der angerichtete Schade wird als ein beträchtlicher bezeichnet — abhängige Arbeit löst sich los und wird zu einer unabhängigen (statt: wird unabhängig) — bis die Bildung der Frauen eine andre und bessere wird (statt: anders und besser) — unsre Kenntnis der japanischen Industrie ist eine viel umfassendere und gründlichere geworden — durch diese Nadel ist das Fleischspicken ein müheloseres (!) geworden. Selbst an die Stelle eines Adverbs drängt sich bei gedankenlosen Zeitungsschreibern dieses prädikative Adjektiv: Das Gericht sah den Fall als einen außerordentlich milden an!

Besonders häßlich wird die ganze Erscheinung, wenn statt des Adjektivs oder neben dem Adjektiv ein aktives Partizip erscheint, z. B.: das ganze Verfahren ist ein durchaus den Gesetzen widersprechendes. Hier liegt ein doppelter Schwulst vor: statt des einfachen $Seite 94$ verbum finitum widerspricht ist das Partizip gebraucht: ist widersprechend, und statt des unflektierten Partizips nun auch noch das flektierte: ist ein widersprechendes. Aber gerade auch solchen Sätzen begegnet man täglich: das Ergebnis ist insofern ein verstimmendes — da die natürliche Beleuchtung doch immer eine wechselnde ist — der Anteil war ein den vorhandnen männlichen Seelen entsprechender — die Mache ist eine verschiedenartige, der Mangel selbständiger Forschung aber ein stets wiederkehrender — die Stellung des Richters ist eine von Jahr zu Jahr sinkende — das schließt nicht aus, daß der Inhalt der Sitte ein verwerflicher, d. h. dem wahren Besten der Gesellschaft nicht entsprechender sei (statt: verwerflich sei, d. h. nicht entspreche) — die Armierung ist eine sehr schwache und absolut nicht ins Gewicht fallende — die Sprache des Buchs ist eine klare, einfache und allgemein verständliche, vom Herzen kommende und zum Herzen gehende — im ganzen ist das Werk freilich kein den Gegenstand erschöpfendes — auch: der Zweck des Buchs ist ein durchaus anzuerkennender (statt: durchaus anzuerkennen).

Es ist kein Zweifel, daß diese breitspurig einherstelzenden Prädikate jetzt allgemein für eine besondre Schönheit gehalten werden. Wer aber einmal auf sie aufmerksam gemacht worden oder von selbst aufmerksam geworden ist, der müßte doch jeden Rest von Sprachgefühl verloren haben, wenn er sie nicht so schnell als möglich wieder abschüttelte.


Zweifelsfall

Adjektiv: prädikativer oder attributiver Gebrauch

Beispiel
Bezugsinstanz Behördensprache, Sprache des Buchhandels, Goethe - Johann Wolfgang, Literatursprache, Schriftsprache, Ungelehrte, Zeitungssprache, Literatursprache, Schiller - Friedrich, gesprochene Sprache, Gebildete, Wissenschaftssprache, Zeitungssprache
Bewertung

hässlich, das richtige und natürliche, nicht bloß ein syntaktischer, sondern auch ein logischer Fehler, besonders traurig, ganz unmöglich, unnötige und häßliche Verbreiterung, lächerlicherweise, Unsinn, Schwulst, gedankenlos, besonders häßlich, doppelter Schwulst, breitspurig einherstelzende Prädikate,

Intertextueller Bezug