Die Familie Nachfolger

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 200 - 202
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Zweifelsfall Importplatzhalter

Genannte Bezugsinstanzen: Geschäftssprache, Leipzig, Sprache des Buchhandels
Text

Ebenso einfältig ist noch ein andrer Unfug, der auch auf bloße Nachäfferei des Französischen und des Englischen zurückzuführen ist. Der französische Geschäftsstil setzt père, fils und frères, der englische brothers als Apposition hinter den Personennamen: Dumas fils, Shakelford brothers. Im Deutschen ist das ganz unmöglich, wir können nur von dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm reden, nicht der Grimm Gebrüder. Aber unsre Kaufleute müssen natürlich das Fremde nachäffen; sie nennen sich Schmidt Gebrüder, Blembel Gebrüder, Ury Gebrüder. Sie gehen aber noch weiter. Während der Franzose sagt: Veuve Cliquot, schreibt der Deutsche: M. D. Schwennicke Witwe, ja selbst wo es $Seite 201$ sich gar nicht um ein Verwandtschaftsverhältnis handelt, leimt er ein Appellativ und einen Personennamen in dieser Weise zusammen, statt ein Attribut zu bilden; in unsrer Geschäftswelt wimmelt es schon von Firmen, die alle so aussehen, als ob ihre Inhaber den Familiennamen Nachfolger und dabei die seltsamsten Vornamen führten, wie: C. F. Kahnt Nachfolger, Johann Jakob Huth Nachfolger, ja sogar Gebrüder Hutzelmann Nachfolger und Luise Werner Nachfolger. In großen Städten findet man kaum noch eine Straße, wo nicht Mitglieder dieser weitverzweigten Familie säßen. Auch daraus ist eine richtige dumme Mode geworden. Während früher ein Geschäft, wenn es den Inhaber wechselte, die alte Firma meist unverändert behielt, um sich deren Ruf zu erhalten — in Leipzig gibt es Firmen, die noch heute so heißen wie vor hundert und mehr als hundert Jahren, und sie befinden sich nicht schlecht dabei! —, ist jetzt manchmal ein Geschäft kaum zwei, drei Jahre alt, und schon prangt der Nachfolge auf der Firma. Manchen will ja nun die Dummheit, den Personennamen dabei im Nominativ stehen zu lassen, nicht recht in den Kopf; man sieht das an der verschiednen Art und Weise, wie sie sich quälen, sie hinzuschreiben. Die meisten schreiben freilich dreist: Ferdinand Schmidt Nachfolger. Andre schreiben aber doch mit Komma: Ferdinand Schmidt, Nachfolger, was zwischen einem Schneider und einem Fleischer so aussieht, als ob die Beschäftigung dieses Biedermanns im Nachfolgen bestünde, andre ganz klein, als ob sie sich ein bißchen schämten: Ferdinand Schmidt Nachfolger. Nur auf das einzig vernünftige: Ferdinand Schmidts Nachfolger verfällt keiner.

Namentlich auch im deutschen Buchhandel hat das fruchtbare Geschlecht der Nachfolger schon eine Menge von Vertretern. Einer der wenigen, die den Mut gehabt haben, der abgeschmackten Mode zum Trotz dem gesunden Menschenverstande die Ehre zu geben, ist der Verleger der Gartenlaube: Ernst Keils Nachfolger. Dagegen überbietet alles an Sprachzerrüttung die Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger; das soll $Seite 202$ heißen: der Nachfolger der Cottaischen Buchhandlung! In solchem Deutsch prangt jetzt die Buchhandlung, in der einst Schillers und Goethes Werke erschienen sind!

Auf eins darf man gespannt sein: wenn die gesamte deutsche Geschäftswelt nur noch aus Nachfolgern bestehen wird — und dahin wird es ja in einiger Zeit kommen —, was dann?


Zweifelsfall

Zweifelsfall Importplatzhalter

Beispiel
Bezugsinstanz Geschäftssprache, Leipzig, Sprache des Buchhandels
Bewertung

einfältig, Unfug, Nachäfferei des Französischen und des Englischen, dreist, abgeschmackte Mode

Intertextueller Bezug