Die Stiefeln oder die Stiefel

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 17 - 19
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Unsicherheit
Text

Von den Hauptwörtern auf el und er gehören alle Feminina der schwachen Deklination an; daher bilden sie den Plural: Nadeln, Windeln, Kacheln, Kurbeln, Klingeln, Fackeln, Wurzeln, Mandeln, (Sicheln, Regeln, Bibeln, Wimpern, Adern, Nattern, Leitern, Klaftern, Scheuern, Mauern, Kammern; alle Maskulina und Neutra dagegen gehören zur starken Deklination, wie Schlüssel, Mäntel, $Seite 18$ Wimpel, Zweifel, Spiegel, Achtel, Siegel, Kabel, Eber, Zeiger, Winter, Laster, Ufer, Klöster.//* Ausgenommen sind nur Mutter und Tochter, die zur starken, und Bauer, Vetter und Gevatter, die zur gemischten Deklination gehören. In der Sprache der Technik aber, wo Mutter mehrfach im übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich die Muttern (die Schraubenmuttern).// Die Regel läßt sich sehr hübsch bei Tische lernen: man vergegenwärtige sich nur die richtigen Plurale von Schüssel und Teller, Messer, Gabel und Löffel, Semmel, Kartoffel und Zwiebel, Auster und Flunder. Sie gilt, wie die Beispiele zeigen, ebenso für ursprünglich deutsche wie für Lehnwörter, und sie ist so fest, daß, wenn ein Lehnwort (wie es im Laufe der Sprachgeschichte oft vorgekommen ist) aus einem Geschlecht in ein andres übergeht, sofort auch die Pluralbildung wechselt. Im sechzehnten Jahrhundert sagte man noch in der Einzahl die Zedel (schedula), folglich in der Mehrzahl die Zedeln, im achtzehnten Jahrhundert noch in der Einzahl die Aurikel (auricula), folglich in der Mehrzahl die Aurikeln; heute heißt es der Zettel, das Aurikel und folglich die Mehrzahl die Zettel, die Aurikel. Also sind Formen wie Buckeln, Möbeln, Stiefeln, Titeln, Ziegeln, Aposteln, Hummern falsch. Nur Muskel, Stachel, Pantoffel und Hader (Lump, Fetzen) machen eine Ausnahme (die Muskeln, die Stacheln, die Pantoffeln, die Hadern), doch auch nur scheinbar, denn diese Wörter haben seit alter Zeit neben ihrer männlichen auch eine weibliche Singularform (ital. pantofola) oder, wie Hader, eine schwache männliche Nebenform (des Hadern), und die hat bei der Pluralbildung überwogen. Ein gemeiner Fehler ist: die Trümmern (in Trümmern schlagen); die Einzahl heißt: der oder das Trumm (in der Bergmannsprache noch heute gebräuchlich), die Mehrzahl die Trümmer. Wer noch gewohnt ist, Angel als Maskulinum zu gebrauchen (Türangel ebenso wie Fischangel), wird die Mehrzahl bilden: die Angel; wer es weiblich gebraucht, sagt die Angeln. Ebenso ist es mit Quader; wer Quader männlich gebraucht, $Seite 19$ wird in der Mehrzahl sagen: die Quader, wer es für weiblich hält, kann nur sagen: die Quadern. Der Oberkiefer und der Unterkiefer heißen zusammen die Kiefer; im Walde aber stehen Kiefern. Die Schiffe haben Steuer (das Steuer), der Staat erhebt Steuern (die Steuer).

In der niedrigen Geschäftssprache machen sich jetzt übrigens auch noch andre falsche schwache Plurale breit. In Leipziger Geschäftsanzeigen muß man lesen: Muffen, Korken (auch Korkenzieher), Stutzen (Federstutzen), auch Korsetten und Jaquetten (als ob die Einzahl Jaquette und Korsette hieße!). Anständige Kaufleute werden sich vor solcher Gassensprache hüten. Muff, Kork, Stutz gehören zur starken Deklination: der Muff, des Muffs, die Muffe.


Zweifelsfall

Substantiv: Pluralbildung bei Wörtern auf -er und -el

Beispiel
Bezugsinstanz Sprachverlauf, 16. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Fachsprache (Technik), Gegenwärtig, Leipzig, Geschäftssprache, Ursprünglich, alt, Fachsprache (Handwerk), Niedere Sprache, gesprochene Sprache
Bewertung

unbedenklich, richtig, falsch, gemeiner Fehler, Gassensprache

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Substantiv: Genusvarianz

Beispiel
Bezugsinstanz 16. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Gegenwärtig, Sprachverlauf, alt, Fachsprache (Handwerk), gesprochene Sprache
Bewertung

falsch

Intertextueller Bezug