Die Verneinungen

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 264 - 267
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Unsicherheit
Text

In dem Gebrauche der Verneinungen ist es zunächst eine häßliche Gewohnheit der Amts- und Zeitungssprache, statt keiner immerzu sagen: einer nicht, z. B. dieser Orden wird auch an solche Personen verliehen, die einen Hofrang nicht besitzen — diesem Unterschied ist eine $Seite 265$ größere Tragweite nicht beizumessen — der Angeklagte hatte trotz seiner Bemühungen eine feste Stellung nicht gefunden — die Deputation fand gegen alles dieses etwas nicht einzuwenden — der Rat wird davon in Kenntnis gesetzt, daß einer Überlassung dieser Akten ein Bedenken nicht entgegensteht — von der Opposition hatte sich ein Redner, um diese scharfen Angriffe zurückzuweisen und mit gehörigem Material die Irrtümlichkeit der ganzen Anklage zu widerlegen, nicht gemeldet — das Patent schließt sich der Ansicht an, daß in dem vorgelegten Maschinenteil eine wesentliche, zur Erleichterung der Anwendung beitragende und eine größere Sicherheit der in diesem gefährlichen Betriebe beschäftigten Arbeiter verbürgende neue Erfindung nicht gemacht sei. Eine solche Trennung — eine Nachahmung des Lateinischen — ist nur dann am Platze, wenn das Hauptwort betont und einem andern Hauptworte gegenübergestellt wird, z. B.: ein Erfolg ist bis jetzt noch nicht zu beobachten gewesen — wo Erfolg vorangestellt und vielleicht den vorher besprochnen Bemühungen gegenübergestellt ist.

Eine doppelte Verneinung gilt jetzt fast allgemein in der guten Schriftsprache als Bejahung. Es ist das aber — dessen wollen wir uns bewußt bleiben — eine ziemlich junge „Errungenschaft" des Unterrichts. In der ältern deutschen Sprache bestand, wenn auch nicht geradezu die Regel, so doch weit und breit die Gewohnheit, daß man den Begriff der Verneinung, um ihn zu verstärken, verdoppelte, ja verdreifachte. Diese Gewohnheit hat sich, auch bei den besten Schriftstellern, bis weit in das achtzehnte Jahrhundert erhalten, und der Volksmund übt sie zum Teil noch heute. Nicht bloß Luther schreibt: ich habe ihr keinem nie kein Leid getan,//* Freilich war kein ursprünglich gar kein verneintes, sondern ein unbestimmtes Fürwort (irgend ein). Luther hat es sicherlich noch so gefühlt.// auch Lessing schreibt noch: keinen wirklichen Nebel sahe Achilleus nicht, auch Goethe noch; man sieht, daß er an nichts keinen Anteil nimmt, auch Schiller noch; nirgends kein Dank für diese unendliche Arbeit, und der Volks $Seite 266$ mund fragt noch heute: hat keener kee Streichhelzchen nich? Wir mögen es bedauern, daß unter dem Einflusse der lateinischen Grammatik diese — falsche darf man nicht sagen, sondern nur andre Art, zu denken, ganz verdrängt worden ist, auch in der Volksschule, die hier ebenfalls unter dem Banne der lateinischen Grammatik steht; aber nachdem das einmal durchgeführt ist, und die doppelte Verneinung fast allgemein wie im Lateinischen (nemo non) als Bejahung empfunden wird, ist es nun auch ausgeschlossen, sie noch in der alten Weise zu verwenden. Es gilt das besonders auch bei den Nebensätzen, die mit ehe, bevor, bis und ohne daß anfangen, und bei Infinitivsätzen nach einem verneinten Hauptsatze. Es ist also entschieden anstößig, zu schreiben, wie es so oft geschieht: die Hauptfrage kann nicht erledigt werden, ehe nicht (oder: bis nicht) die Vorfrage erledigt ist (wenn nicht oder solange nicht wäre richtig) — es gehört keine große Menschenkenntnis dazu, das nicht auf den ersten Blick zu sehen. Namentlich hinter warnen erscheint ein verneinter Infinitiv, wie in den bekannten Zeitungsanzeigen: ich warne hiermit jedermann, meiner Frau nichts zu borgen in dgl., geradezu lächerlich, denn warnen, d.h. abraten, abmahnen, enthält ja schon den Begriff der Verneinung.

Daß eine Verneinung eines mit un zusammengesetzten Hauptworts oder Eigenschaftsworts (kein Unmensch, nicht ungewöhnlich, nicht unmöglich, nicht unwahrscheinlich) nur eine Bejahung, und zwar eine eigentümlich gefärbte vorsichtige Bejahung ausdrücken kann, darüber ist sich wohl jedermann klar. Man sollte aber mit dieser doppelten Verneinung, der sogenannten Litotes (Einfachheit), wie man sie mit einem Ausdrucke der griechischen Grammatik bezeichnet, recht sparsam sein. Es gibt Gelehrte — es sind dieselben, die auf jeder Seite zwei-, dreimal meines Erachtens, nach meinem Dafürhalten lispeln, als ob nicht alles, was sie sagen, bloß ihr „Erachten" wäre! —, die nicht den Mut haben, auch nur eine einzige Behauptung, ein einziges Urteil fest und bestimmt hinzustellen, sondern sich um alles mit dem ängstlichen nicht unherumdrücken. Es $Seite 267$ gibt aber auch Leute, die so in diese Litotes verliebt sind, daß sie sie gedankenlos sogar da brauchen, wo sie die Verneinung meinen, z. B.: das wirkt nicht unübel — dieser Effekt war ein (!) von dem Juden nicht unerwarteter — endlich fand sich ein Tag, an welchem (wo!) keiner der drei Herren unbehindert war, und ähnl.//* Solche Fälle erinnern an die Scherzwendung der Studentensprache: das kann man nicht anders leugnen, die aber wohl mehr auf der Vermengung zweier Redensarten beruht, wie auch: das dürfte dir vergeblich gelingen.// Ist es doch sogar einem so scharfen Denker wie Lessing begegnet, daß er in der Emilia Galotti geschrieben hat: nicht ohne Mißfallen (wo er schreiben wollte: nicht ohne Wohlgefallen, oder: nicht mit Mißfallen). Sehr häufig, viel häufiger, als es bei unserm heutigen hastigen und gedankenlosen Lesen bemerkt wird, findet sich namentlich die törichte Verbindung nicht unschwer: der Leser wird nicht unschwer erkennen — es wird das nicht unschwer zu beweisen sein — man wird sich nicht unschwer vorstellen können. Schon unschwer allein ist ein dummes Wort, wie alle solche unnötig gekünstelten Verneinungen.//** Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei schon nicht mehr traurig sagen, sondern unfroh!// Nun vollends nicht unschwer! Und das soll heißen: leicht! Erscheint nicht ein solches Hineinfallen in einen logischen Fehler wie eine gerechte Strafe für dumme Sprachziererei? Auch wenn jemand schreibt: der Besitzer sieht in dieser Bronze nichts weniger als ein Werk des Lysipp, es ist aber nur eine römische Nachahmung — so schreibt er gerade das Gegenteil von dem, was er sagen will; er will sagen: der Besitzer sieht in der Bronze nichts Geringeres als ein Werk des Lysipp, es ist aber nichts weniger als das, es ist nur eine römische Nachahmung. Auch wenn man gespreizt sagt: das ist nicht zum geringsten Teile der Tätigkeit unsers Vereins zu danken (anstatt einfach: zum größten Teile), kann man sich nicht beschweren, wenn ein Schalk das Gegenteil von dem heraushört, was man sagen will.


Zweifelsfall

nicht und sein Gebrauch

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Behördensprache, Schreiber guten Stils, Literatursprache, Sprachverlauf, Gelehrte, Goethe - Johann Wolfgang, Schriftsprache, gegenwärtig, neu, Lessing - Gotthold Ephraim, Luther - Martin, Schiller - Friedrich, Studentensprache, ursprünglich, Volk, Schulsprache, Zeitungssprache
Bewertung

am Platze, ängstlichen, ausgeschlossen, dummes Wort, einfach, entschieden anstößig, falsche darf man nicht sagen, sondern nur andere Art, zu denken, Frequenz/ganz verdrängt, Frequenz/oft, Frequenz/sehr häufig, gedankenlos, gerechte Strafe für dumme Sprachziererei, gespreizt, häßliche Gewohnheit, Hineinfallen in einen logischen Fehler, sollte mit dieser sehr sparsam sein, unnötig gekünstelten, Ziererei

Intertextueller Bezug