Die sogenannte Inversion nach und

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 297 - 301
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Unsicherheit
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Als Inversion (Umkehrung, Umstellung) bezeichnet man es in der deutschen Grammatik, wenn in Hauptsätzen das Prädikat vor das Subjekt gestellt wird. Mit Inversion werden alle direkten Fragesätze gebildet, aber auch Bedingungssätze, wenn sie kein Fügewort haben (hätte ich dich gesehen), und Wunsch- und Aufforderungssätze. Aber auch Aussagesätze müssen die Inversion haben, sobald sie mit dem Objekt, mit einem Adverbium oder einer adverbiellen Bestimmung anfangen; es heißt: den Vater haben wir — dem $Seite 298$ Himmel haben wir — gestern haben wir — dort haben wir — schon oft haben wir — aus diesem Grunde haben wir — trotzdem haben wir — zwar haben wir — freilich haben wir — auch haben wir usw., nicht (wie im Französischen und im Englischen) gestern wir haben. Ebenso ist die Inversion in Aussagesätzen am Platze bei dem begründenden doch: habe ich es doch selber mit angesehen! Dagegen ist die Inversion völlig ausgeschlossen hinter Bindewörtern; es heißt: oder wir haben, aber wir haben, sondern wir haben, denn wir haben. Nur hinter und, das doch unzweifelhaft ein Bindewort ist, halten es viele nicht bloß für möglich, sondern sogar für eine besondre Schönheit, die Inversion anzubringen und zu schreiben: und haben wir. Der Amtsstil, der Zeitungsstil, der Geschäftsstil, sie wimmeln von solchen Inversionen nach und, viele halten sie für einen solchen Schmuck der Rede, daß sie selbst da, wo zwei Aussagesätze dasselbe Subjekt haben, es also genügte, zu sagen: die erste Lieferung ist soeben erschienen und liegt in allen Buchhandlungen zur Ansicht aus — nur um die Inversion anbringen zu können (!), das Subjekt wiederholen, und zwar in der Gestalt des schönen derselbe, und schreiben: die erste Lieferung ist soeben erschienen, und liegt dieselbe in allen Buchhandlungen zur Ansicht aus — die Fluchtlinie und das Straßenniveau werden vom Rate vorgeschrieben, und sind dieselben dieser Vorschrift entsprechend auszuführen. Bedarf es noch weiterer Beispiele? Wohl nicht. Sie stehen dutzendweise in jeder Zeitungsspalte. Der Beginn der Vorstellung ist auf sechs Uhr festgesetzt, und wollen wir nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen — der Verein hat sich in diesem Jahre außerordentlich günstig entwickelt, und finden die Bestrebungen desselben allgemeine Anerkennung — die alte Orgel war sehr baufällig geworden, und wurde die Reparatur dem Orgelbaumeister Herrn G. übertragen — der Austernfang ist in letzter Zeit sehr ergiebig gewesen, und wurden am Dienstag wieder 10000 Stück in die Stadt gebracht — sämtliche Stoffe $Seite 299$ sind von mir für Leipzig engagiert, und können daher dieselben Muster nicht von andrer Seite geboten werden — das Motorzweirad hat den Anhängewagen wieder in den Vordergrund gerückt, und steigt die Nachfrage nach letzterem (!) mehr und mehr — anders wird gar nicht geschrieben. Prof. Virchow ist hier eingetroffen, und fand — na, was fand er denn? eine begeisterte Aufnahme? Gott bewahre! — und fand ihm zu Ehren ein Festmahl statt. Es gibt aber auch Frauen und Mädchen, die imstande sind, in einem zweiseitigen Briefe sechs Inversionen anzubringen, und damit wunder was für ein feines Briefchen gedrechselt zu haben glauben!

Einigermaßen erträglich wird die Inversion nach und, wenn an der Spitze des ersten Satzes eine adverbielle Bestimmung steht, die sich zugleich auf den zweiten Satz bezieht, z. B.: hier hört das Rostocker Stadtrecht auf und fängt die gesunde Vernunft an — so werden unsre Reichen mit Wintergemüse versorgt und wird die Zahl der Genußmittel um einige überflüssige vermehrt — zum Glück gibt es noch anständige Meister und nehmen die Fabriken einen großen Teil der jungen Leute auf — selbstverständlich gehört Freigebigkeit gegen die Priester zu den Hauptbestandteilen der Frömmigkeit und ist Geiz gegen sie die größte aller Sünden — zur Pflege der Geselligkeit fand im Januar eine Christbescherung statt und wurden im Laufe des Sommers mehrere Ausflüge unternommen — nach der Schilderung Fletchers bestand am Ende des siebzehnten Jahrhunderts ein Fünftel der Bevölkerung aus Bettlern und befand sich die Hälfte des Grundbesitzes in den Händen einer trägen, nichtsnutzigen und gewalttätigen Menschenmasse — wo Hindernisse im Wege stehen (Adverbsatz), pflegt sich die Menge innerhalb des ersten Kreises zu halten, und kommt die Überschreitung des zweiten nur selten vor. Man hat diesen Fall besonders die „Inversion nach Spitzenbestimmung" genannt.

Auf keinem Kunstgebiete kann es ein so schlagendes Beispiel für die Verschiedenheit des Geschmacks geben, $Seite 300$ wie auf dem Gebiete der Sprache die Inversion nach und. Der Beamte, der Zeitungsschreiber, der Kaufmann hält sie für die größte Zierde der Rede; für den sprachfühlenden Menschen ist sie der größte Greuel, der unsre Sprache verunstaltet, sie geht ihm noch über seitens, über bezw., über diesbezüglich, über selbstredend, sie erregt ihm geradezu Brechreiz. Sie ist ihm so zuwider, daß er sie auch nach der „Spitzenbestimmung" nicht schreibt; selbst da gibt er lieber, um jeden Anklang an die widerwärtige Verbindung zu vermeiden, die Inversion, die der erste Satz mit Recht hat, im zweiten Satz auf und schreibt: übrigens hatte diese Ordnung nichts puritanisches an sich, und das Joch der Sittenzucht war nicht übermäßig schwer (statt: und war das Joch).

Das widerwärtige der Inversion liegt nicht nur in dem grammatischen Verstoß, sondern vor allem in der logischen Lüge: die Inversion sucht den Schein engerer, ja engster Gedankenverbindung zu erwecken, und doch haben die beiden Sätze, die so verbunden werden, inhaltlich gewöhnlich gar nichts miteinander zu tun. Darum ist auch die Inversion nur selten dadurch zu verbessern, daß man die beiden Hauptsätze in Haupt- und Nebensatz verwandelt, noch seltner dadurch, daß man Subjekt und Prädikat hinter und in die richtige Stellung bringt, sondern weist dadurch, daß man den Rat befolgt, den schon der junge Leipziger Student Goethe (offenbar nach einer Vorschrift aus Gellerts Kolleg über deutschen Stil) seiner Schwester Cornelie gab, wenn sie in ihren Briefen Inversionen geschrieben hatte: einen Punkt zu setzen, das und zu streichen und mit einem großen Anfangsbuchstaben fortzufahren.

Die Inversion ist aber auch eins der merkwürdigsten Beispiele des wunderlichen Standpunktes, den manche Sprachgelehrten zu der Frage über Richtigkeit und Schönheit der Sprache einnehmen. Es gibt Germanisten, die sagen: mir persönlich (!) ist die Inversion auch unsympathisch (!), aber „eigentlich falsch" kann man sie nicht nennen, denn sie ist doch sehr alt, sie findet sich schon im Althochdeutschen, im Mittelhochdeutschen, bei $Seite 301$ Luther, sehr oft im siebzehnten und im achtzehnten Jahrhundert, und ihre große Beliebtheit gibt ihr doch ein gewisses Recht. Als ob eine häßliche Spracherscheinung dadurch schöner würde, daß sie jahrhundertealt ist!//* Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nach denn und nämlich; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich schließt O. Erdmamn einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich werden."// Wer hat denn zu entscheiden, was richtig und schön sei in der Sprache: der sprachkundige, sprachgebildete, mit feinem und lebendigem Sprachgefühl begabte Schriftsteller, oder der Kanzlist, der Reporter und der „Konfektionär"? Ein Schriftsteller, der die Inversion nach und aufs strengste vermieden hat, ist Lessing. Ich denke, der wird genügen.


Zweifelsfall

Wortstellung: Inversion

Beispiel
Bezugsinstanz 18. Jahrhundert, alt, althochdeutsch, Behördensprache, Schriftsprache, Frau, Fachsprache (Germanistik), Geschäftssprache, gegenwärtig, Lessing - Gotthold Ephraim, Luther - Martin, mittelhochdeutsch, Zeitungssprache, Literatursprache, 17. Jahrhundert
Bewertung

"eigentlich falsch" kann man sie nicht nennen, am Platze, eine besondere Schönheit, erregt geradezu Brechreiz, es heißt, Frequenz/anders wird gar nicht geschrieben, Frequenz/große Beliebtheit, gewisses Recht, grammatischen Verstoß, größte Greuel, der unsre Sprache verunstaltet, häßliche Spracherscheinung, logischen Lüge, merkwürdigsten, möglich, nicht, richtig, richtige, Schmuck der Rede, schön, schönen, völlig ausgeschlossen, widerwärtige Verbindung, Zierde der Rede, zuwider

Intertextueller Bezug Goethe, Gellert: Kolleg über deutschen Stil, O. Erdmann: Aufsatz über die Geschichte der Inversion