Fort oder weg?

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 385 - 387
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Gebrauch von fort und weg

Genannte Bezugsinstanzen: Niederdeutsch, Berlin, Literatursprache, Schreiber guten Stils, Uhland - Ludwig, Schulsprache
Text

Nichts weiter als eine Modeziererei ist es auch, daß man das Adverbium weg verdrängen und überall fort an seine Stelle setzen möchte. Die Mode stammt aus dem Niederdeutschen, hat sich zunächst in das Berliner Deutsch eingedrängt und dann von da aus weitergefressen.

Unleugbar gibt es eine Anzahl von Zeitwörtern, bei denen es keinen fühlbaren Unterschied macht, ob sie mit weg oder mit fort zusammengesetzt werden. Aber ebenso sicher gibt es eine Anzahl andrer, bei denen bisher in der Anwendung von weg und fort nicht bloß ein feiner, sondern ein ziemlich grober Unterschied gemacht worden ist, den alle guten Schriftsteller beobachtet haben und noch beobachten. Fort nämlich (verwandt mit vor und vorn) steht in dem Sinne von vorwärts, wobei stets ein bestimmtes Ziel vorschwebt, wenn es auch nicht $Seite 386$ genannt ist; es wird überdies nicht bloß vom Raume, sondern auch von der Zeit gebraucht. Weg dagegen (dasselbe wie Weg) wird nur räumlich gebraucht und bedeutet: aus dem Wege, auf die Seite, wobei man nicht an ein Ziel, sondern an ein Verschwinden denkt. Wer verreisen will, kann sagen: mein Koffer ist glücklich fort, in einer Stunde fahre ich; es kann aber auch vorkommen, daß er sagen muß: ich kann nicht fahren, mein Koffer ist weg. In einer Volksmasse wird jemand mit fortgerissen, d. h. in die Strömung hinein, auch von Begeisterung wird jemand fortgerissen, z. B. dem hohen Ziele zu, zu dem uns der Künstler führen will; aber eine Mauer, ein Haus, ein Damm wird weggerissen. Wer aus der großen Stadt auf ein einsames Dorf zieht, kommt sich anfangs wie weggesetzt vor, aber nicht wie fortgesetzt. Der Bruder sagt zur Schwester: setze deine Malerei (das Malgerät) jetzt weg, wir wollen Klavier spielen; nach einer Stunde aber: es ist genug, setze deine Malerei (das Malen) nun fort. Wenn ich ein Bild abzeichne, auf dem auch ein Sperling dargestellt ist, so kann ich den Sperling weglassen; wenn ich aber einen lebendigen Sperling in der Hand habe, so kann ich ihn fortlassen. Auf sumpfiger Landstraße kann man schlecht fortkommen, aber bei einem gewagten Geschäft kann man schlecht wegkommen. Von zwei Hunden, die aus einem Napfe saufen sollten, kann ich sagen: der große hat dem kleinen alles weggesoffen; ein bekannter § 11 aber lautet: es wird fortgesoffen. Wie jemand das Bedürfnis nach diesen Unterscheidungen verlieren kann, ist unbegreiflich. Aber die Zahl derer, die sich einbilden, weg sei gemein, fort sei fein, wird immer größer; man sagt nur noch: die beiden letzten Sätze der Symphonie wurden fortgelassen — wo wurden sie denn hingelassen? die Mauern auf der Akropolis sind fortgebrochen worden — wo sind sie denn hingebrochen worden? Sie hatte das Bild fortgeschlossen — der Damm wurde durch Überschwemmung fortgerissen — es ist eine nicht fortzuleugnende (!) Tatsache — ich habe darüber fortgelesen (!) — meine Bleistifte kommen mir immer $Seite 387$ fort (!) — er hat mir meine Mütze fortgenommen (!) — so ist es richtig Berlinisch, und wer ein feiner Mann sein will, der schwatzt es mit. Vielleicht setzt man sich auch noch über einen schweren Verlust fort oder spricht sich fortwerfend über jemand aus, und in den Berliner Gymnasien singt man vielleicht nächstens in Uhlands Gutem Kameraden: ihn hat es fortjerissen, er liegt zu meinen Füßen.


Zweifelsfall

Gebrauch von fort und weg

Beispiel
Bezugsinstanz Niederdeutsch, Berlin, Literatursprache, Schreiber guten Stils, Uhland - Ludwig, Schulsprache
Bewertung

Modeziererei, unbegreiflich

Intertextueller Bezug