Haben und besitzen

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 391 - 397
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

haben oder besitzen

Genannte Bezugsinstanzen: 17. Jahrhundert, Leipzig, Sprachverlauf, Zeitungssprache, Schriftsprache, Gesprochene Sprache, 18. Jahrhundert, Alt, Goethe - Johann Wolfgang, Gegenwärtig
Text

Wohin es führt, wenn man ein kurzes Zeitwort immer gedankenlos und aus bloßer Neigung zur Breite $Seite 392$ durch ein längeres ersetzt, zeigt am besten der Mißbrauch von besitzen für haben. Auch er ist jetzt, wie der Mißbrauch des Zeitworts bedingen (vgl. S. 380), zu völliger Verrücktheit ausgeartet.

Die Grundbedeutung von haben ist halten, in der Hand haben. Aus ihr hat sich dann leicht die des Eigentums, des Besitzes entwickelt, wie sie deutlich in Habe vorliegt. Aber damit ist die Anwendung des Wortes nicht erschöpft: mit haben läßt sich fast jeder denkbare Zusammenhang, jedes denkbare Verhältnis zwischen zwei Dingen ausdrücken. Besitzen dagegen bedeutet ursprünglich auf etwas sitzen. Das erste, was der Mensch besaß, war unzweifelhaft der Grund und Boden, auf dem er saß. Noch im siebzehnten Jahrhundert besaß der Richter die Bank, der Reiter das Pferd, die brütende Henne die Eier. Vom Grund und Boden ist das Wort dann auf andre Dinge übertragen worden, die unser Eigentum sind, vor allem auf das Haus, das auf dem Grund und Boden errichtet ist — auch dieses besitzt man noch im eigentlichen Sinne des Wortes, man sitzt darin, man ist Insasse des Hauses —, dann auch auf alle fahrende Habe, auf allen Hausrat und endlich auf das liebe Geld. Damit ist aber die sinngemäße Anwendung des Wortes erschöpft.

Bedenklich ist es schon, Kinder als Besitztum der Eltern zu bezeichnen: er besaß vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Eltern haben Kinder, aber sie besitzen sie nicht. Dasselbe gilt von dem Verhältnis des Herrn zum Diener, des Herrschers zu den Untertanen, des Freundes zum Freunde. Es ist abgeschmackt, zu schreiben: er hatte viele sympathische Züge, und doch besaß er keinen Freund. Wer die Abgeschmacktheit nicht fühlen sollte, der kehre sich die Verhältnisse um; wenn Eltern Kinder, ein Herrscher Untertanen „besitzt," dann „besitzen" auch Kinder Eltern und Untertanen einen Herrscher. In der Tat schrickt man auch davor schon nicht mehr zurück; man schreibt: er besaß Eltern, die töricht genug gewesen waren, in seinen Kinderjahren die Keime der Genußsucht in seinem Herzen zu pflegen — Tycho Brahe besaß auch entfernte Verwandte in $Seite 393$ Schweden — Preußen besitzt in den Hohenzollern ein Herrschergeschlecht, um das es jedes andre Land beneiden kann. Ist das richtig, dann kann man schließlich auch einen Onkel, einen Großvater, einen Gönner, einen Widersacher „besitzen," eine Stadt kann einen Bürgermeister, eine Kompagnie einen Hauptmann „besitzen."//* Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathaus besitzt denselben Baumeister wie die Pleißenburg!//

Ebenso bedenklich ist es, einen Teil unsers eignen Selbst, also entweder den Körper oder den Geist oder einen Teil des Körpers als unser Besitztum zu bezeichnen und zu schreiben: er besaß einen kräftigen, wohlgebauten Körper — sie besaß eine feine, schmale, wohlgepflegte Hand (in Romanen sehr beliebt!) — ich habe dir treu gedient, ohne daß du ein Auge dafür besaßest — er besaß ein Ohr für den Pulsschlag der Zeit — die Soldaten möchten bedenken, daß die Schwarzen auch ein Herz besäßen. Derselbe Fall ist es, wenn Bestandteile einer Sache als Besitztum der Sache bezeichnet werden, z. B.: die Peterskirche besitzt eine Menge kleiner Türmchen — der Turm besitzt auf jeder Seite eine Uhr — die spanisch-maurischen Fayencen besaßen eine Zinnglasur — das Buschweidenröschen besitzt einen unterirdischen wurzelartigen Stengel — diese Schaftstiefel besitzen Doppelsohlen, oben von Leder, unten von Blech — wir reden von Fensterscheiben, die doch meist vier Ecken besitzen.

Unzählig aber sind nun die Fälle, wo gar äußere oder innere Eigenschaften einer Person oder Sache, Zustände, Empfindungen, Geistestätigkeiten und ähnliches unsinnigerweise als Besitztum der Person oder Sache hingestellt werden. Da schreibt man z. B.: dieser Orden wird auch an solche Leute verliehen, die keinen Hofrang $Seite 394$ Sachlichkeit, ja auch die nötige Wahrheitsliebe — unsre Juden besitzen nicht die Feinheit der Empfindung, vor dieser deutlichen Ablehnung zurückzutreten — einige Tanzweisen der nordischen Völker besitzen mit denen der alten Deutschen große Ähnlichkeit — der hochgeehrte Rat wolle die Güte besitzen, unser Gesuch wohlwollend in Erwägung zu ziehen — das moderne Theater besitzt einen bestimmten Charakter — entscheidend ist die Frage, ob die bedeutendern Künstler diese Kennzeichen des Klassizismus besitzen oder nicht — fast alle englischen Offiziere besitzen Spitznamen — beide Bauten besitzen einen langgestreckten, rechteckigen Grundriß — der Mann besitzt die stattliche Größe von 2,26 Metern — die Passage besitzt eine Länge von dreiundvierzig Metern — die Zigarre besitzt einen schönen, angenehmen Brand — diese Sprachen besaßen nur die Stellung von Mundarten — man muß sich bewußt bleiben, daß diese Unterscheidung keinen theoretischen, sondern nur einen praktischen Wert besitzt — der Name dieses Künstlers besitzt für uns alle einen vertrauten Klang — das Genie besitzt eine Verwandtschaft mit dem Wahnsinn — priesterlicher Gesang kann nicht die Töne besitzen, aus denen das leise Erzittern des frommen Herzens spricht — für die moderne Revolution besitzen Dichter und Denker kaum eine geringere Bedeutung, als die Männer der Tat — man besitzt in Preußen volles Verständnis für den sächsischen Standpunkt — die Herren Auer und Liebknecht besitzen gewiß ein großes Interesse daran, das festzustellen — die Landstreicher zerfallen (!) in solche, deren Streben darauf gerichtet ist, bald wieder Arbeit zu finden, und solche, die dieses Streben nicht besitzen — die Behörden besaßen keine Ahnung von den ihnen obliegenden Pflichten — wer mit dem Volksleben nicht die geringste persönliche Fühlung besitzt — er besaß die moralische Überzeugung von ihrer Unschuld — er hatte die Kühnheit, eine eigne Meinung zu besitzen (warum nicht auch: er besaß die Kühnheit?) — zu dem praktischen Blick seiner Mutter besaß er unbedingtes Vertrauen — die Neuberin besaß jedenfalls mehr Begeisterung für die Kunst als Pollini — jeder $Seite 395$ Preuße, bet die Befähigung zu den Gemeindewahlen besitzt — Leute, die gern Konjekturen machen, besitzen hier ein ergiebiges Arbeitsfeld — nun erst besaßen die Künstler den Malgrund, auf dem sie bequem arbeiten konnten — da er keine Beweise vorgebracht hat, muß man annehmen, daß er keine Beweise besaß — gegen die Diphtheritis besitzen die Naturärzte eine Behandlung von ausgezeichnetem Heilerfolg — der Entschlafne besitzt ein volles Anrecht darauf, daß wir ihn durch Worte dankbarer Erinnerung ehren — es traten Persönlichkeiten auf, die zum Klagen nicht den geringsten Grund besaßen. In Leipzig kann man sogar schon auf der Straße hören: Nee, so ’ne Frechheet zu besitzen!

Ein Recht auf eine Sache kann gewiß unter Umständen als eine Art wertvollen Besitztums aufgefaßt werden. Dasselbe gilt von Kenntnissen und Fertigkeiten. Aber das meinen doch die gar nicht, die gedankenlos so etwas hinschreiben, wie daß der Entschlafne (!) ein Anrecht auf dankbare Erinnerung besitze. Haben kann auch ein Entschlafner noch alles mögliche, besitzen kann er schlechterdings nichts mehr. Aber auch der Lebende kann alle die andern schönen Dinge, wie Begeisterung, Streben, Interesse, Verständnis, Vertrauen, Kühnheit, „Frechheet," wohl haben, aber nicht besitzen, Güte haben ist ja nur eine verbreiternde Umschreibung von gut sein, Ähnlichkeit haben eine Umschreibung von ähnlich sein. Das sind aber Eigenschaften, keine Besitztümer.

Vollends lächerlich ist es, wenn Eigenschaften oder Zustände, die einen Schaden oder Mangel bilden, als Besitztümer bezeichnet werden. Und doch wird auch geschrieben: das Leiden, das er besaß, war eine Blasenfistel — beim Verhör stellte sich heraus, daß er eine tiefe Wunde am Jochbein sowie eine Schußwunde oberhalb der Herzgegend besaß. Ja sogar Schulden werden als Besitztum hingestellt: das Reich und die Einzelstaaten besitzen gegenwärtig etwas über zehn Milliarden Staatsschulden. Nettes Besitztum!

Aber auch das bloße Dasein, Vorhandensein, Bestehen einer Sache an irgend einem Orte, in einem bestimmten $Seite 396$ örtlichen Umkreis oder sonstigen Bereich läßt sich wohl mit haben ausdrücken, aber nicht mit besitzen. In Leipzig sind sechs Bahnhöfe, oder: in Leipzig gibt es sechs Bahnhöfe — dafür kann man auch sagen: Leipzig hat sechs Bahnhöfe. Aber zu schreiben: Leipzig besitzt sechs Bahnhöfe, ist Unsinn. Leipzig besitzt eine Anzahl Waldungen, Rittergüter, auch öffentliche Gebäude, aber seine sechs Bahnhöfe hat es nur. Ebenso verhält sichs in folgenden Sätzen: Mecklenburg besitzt bekanntlich noch eine ständische Vertretung — diese Richtung besaß in Berlin eifrige Anhänger — die englischen Universitäten besitzen keine pädagogischen Seminare — die Neue Züricher Zeitung besitzt einen Berichterstatter — die Fabrik kann nicht den Anspruch erheben, ein besonders ausgewähltes Arbeitermaterial zu besitzen — die katholische Kirche besitzt Segensformeln. Auf die Spitze getrieben erscheint der Unsinn, wenn die Angabe des Ortes wegfällt und nur gesagt werden soll, daß eine Sache überhaupt dasei. Anstatt: es ist das die älteste Nachricht, die es hierüber gibt — kann man auch sagen: es ist das die älteste Nachricht, die wir hierüber haben, wir, nämlich alle, die sich mit der Sache beschäftigen. Welch törichtes Gespreiz aber, dafür zu schreiben: es ist das die älteste Nachricht, die wir darüber besitzen — wir besitzen zwei Bücher, die sich in größerer und geringerer Ausdehnung mit Meißner beschäftigen — Weltrichs Buch ist die beste wissenschaftliche Biographie Schillers, die wir besitzen.

Die Neigung, besitzen zu schreiben, wo haben gemeint ist, ist freilich nicht von heute und gestern, sie findet sich schon im achtzehnten Jahrhundert. Man denke nur an die Worte des Schülers im Faust:

Denn was man schwarz auf weiß besitzt,

Kann man getrost nach Hause tragen,

oder an den Goethischen Spruch:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,

Hat auch Religion;

Wer jene beiden nicht besitzt,

Der habe Religion.

$Seite 397$ Sieht man sich aber die Stellen, wo so geschrieben ist, näher an, so sieht man, daß es meist mit Absicht geschehen ist, weil eben die Sache, um die sichs handelt, als eine Art von Besitztum hingestellt werden soll, oder es ist der Abwechslung, des Reims, des Rhythmus wegen geschehen. //* Anders in „Künstlers Erdewallen," wo es von dem Kunstschatz des Reichen heißt: Und er besitzt dich nicht, er hat dich nur.// Zur gedankenlosen Mode ist es erst in unsrer Zeit ausgeartet. Nun hat es aber auch so um sich gegriffen, daß man auf alles gefaßt sein muß. Es ist gar nicht undenkbar, daß wir noch dahin kommen, daß einer auch Recht oder Unrecht, Glück oder Unglück besitzt, Zeit zu einer Arbeit, Luft zu einer Reise besitzt, Hunger oder Durst besitzt, schlechte Laune besitzt, das Scharlachfieber besitzt, einen Floh besitzt usw.


Zweifelsfall

haben oder besitzen

Beispiel
Bezugsinstanz 17. Jahrhundert, Leipzig, Sprachverlauf, Zeitungssprache, Schriftsprache, Gesprochene Sprache, 18. Jahrhundert, alt, Goethe - Johann Wolfgang, Gegenwärtig
Bewertung

immer gedankenlos, Mißbrauch, zu völliger Verrücktheit ausgeartet, bedenklich, Abgeschmacktheit, ebenso bedenklich, unsinnigerweise, gedankenlos, vollends lächerlich, Unsinn, Auf die Spitze getrieben erscheint der Unsinn, welch törichtes Gespreiz,Frequenz/unzählig, zur gedankenlosen Mode ausgeartet

Intertextueller Bezug