Hin und her

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 341 - 343
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Adverbien und adverbiale Verbpartikeln: Lokaldeixis

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Gesprochene Sprache, Gebildete, Zeitungssprache, Redewendung/Sprichwort, Umgangssprache, Gegenwärtig
Text

Auch für den Unterschied von hin und her scheinen nur wenig Menschen noch ein Gefühl zu haben; daß hin die Richtung, die Bewegung von mir weg nach einem andern Orte, her die Richtung, die Bewegung von einem andern Orte auf mich zu bedeutet — man vergleiche geh hin! mit komm her! —, wie wenige $Seite 342$ wissen das noch! In ihrem Sprachgebrauch wenigstens, dem mündlichen wie dem schriftlichen, wird hinein und herein, hinaus und heraus, hinan und heran, hinauf und herauf fortwährend zusammengeworfen. Ein klassisches Beispiel dieser Verwirrung ist die gemeine Redensart: er ist reingefallen. Daß jemand in eine Grube hereingefallen sei, kann man doch nur sagen, wenn man selber schon drinliegt. Die aber, die mit Vorliebe diese Redensart im Munde führen, fühlen sich doch stolz als draußen stehend, sie stehen oben am Rande der Grube und blicken schadenfroh auf das Opfer, das unten liegt. Das Opfer ist also hineingefallen oder neingefallen. Wer auf der Straße bleibt, kann nur sagen: Geh hinauf und wirf mir den Schlüssel herunter! Wer oben am Fenster steht, kann nur fragen: Willst du heraufkommen, oder soll ich dir den Schlüssel hinunterwerfen? Aber der Volksmund, auch der der Gebildeten, drückt jetzt beides durch rauf und runter aus, es gilt das offenbar jetzt für feiner als nauf und nunter. Wenn auch niemand drin ist, ich will doch einmal reinsehen — so sagen auch gebildete Leute. Wenn zwei an einem Graben stehen, der eine hüben, der andre drüben, so kann jeder von beiden fragen: Willst du herüberspringen, oder soll ich hinüberspringen? Heute springen beide nur noch rüber: Willst du rüberspringen, oder soll ich rüberspringen? Die Herren von der Feder aber machens nicht um ein Haar besser, auch sie verwechseln hin und her. Nicht bloß der Zeitungschreiber schreibt: bis in die jüngste Zeit hinein, auch der Historiker: auf die Sturm- und Drangzeit folgte die klassische Periode, die in unser Jahrhundert hineinragt. Jeder ist aber doch drin in seinem Jahrhundert! In einen Raum oder Zeitraum, worin wir uns befinden, kann doch etwas nur hereinragen. Etwas andres ist es, wenn von einer Erscheinung des sechzehnten Jahrhunderts gesagt wird, sie lasse sich bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein verfolgen; das ist richtig, denn wir sind nicht drin im siebzehnten Jahrhundert. Umgekehrt aber wird geschrieben: wir fragen nicht, was in das Bild alles hereingeheimnist ist (hinein!) — über das $Seite 343$ Zellensystem kommt der Architekt nun einmal nicht heraus (hinaus!).

Nun ist es freilich eine merkwürdige Erscheinung, daß bei allen Zeitwörtern mit übertragner Bedeutung, bei denen man die Vorstellung einer äußern Richtung nur noch undeutlich oder gar nicht mehr hat, hin durch her vollständig verdrängt worden ist; man sagt z. B.: sich herablassen, mit Verachtung herabblicken, den Preis herabsetzen, ein Buch herausgeben, in seinen Vermögensverhältnissen herunterkommen u. a. Die Neigung, her dem hin vorzuziehen, ist also augenscheinlich in der Sprache vorhanden. Man sollte aber doch meinen, daß überall da, wo noch deutlich eine äußere Richtung ausgedrückt wird, eine Verwechslung unmöglich sei. Wie kann man also sagen, daß die Steuern heraufgeschraubt werden? Wir stehen doch unten und möchten auch gern unten bleiben; also werden die Steuern hinaufgeschraubt. Wir erhielten Befehl, an den Feind heranzureiten — wer kann so schreiben? Der Feind kann wohl an uns heranreiten, wir aber an den Feind doch nur hinan. Eine bittre Pille oder einen Vorwurf — schluckt man sie herunter oder hinunter? Da man sein Ich lieber im Kopfe denkt als im Magen, so kann man sie doch nur hinunterschlucken.

Auch sonst, nicht bloß bei hin und her, wird der örtliche Gegensatz jetzt oft verwischt. Hüben und drüben wird allenfalls noch unterschieden, aber haußen und hinnen getraut sich kaum noch jemand zu schreiben; jetzt heißt es: sie holen von draußen, was drinnen fehlt. Aber wo bin ich denn, der Schreibende? Irgendwo muß ich mich doch denken.


Zweifelsfall

Adverbien und adverbiale Verbpartikeln: Lokaldeixis

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, Gesprochene Sprache, Gebildete, Zeitungssprache, Redewendung/Sprichwort, Umgangssprache, gegenwärtig
Bewertung

nicht um ein Haar besser, merkwürdige Erscheinung

Intertextueller Bezug