Im oder in dem? zum oder zu dem?

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 244 - 249
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Präposition: Verschmelzung mit bestimmtem Artikel

Genannte Bezugsinstanzen: Schulsprache, Schriftsprache, Neu, Behördensprache, Gesprochene Sprache, Sprachverlauf, Ursprünglich, Gegenwärtig
Behandelter Zweifelfall:

Ellipsen in koordinierten Präpositionalphrasen

Genannte Bezugsinstanzen: Brentano - Clemens, Gesprochene Sprache
Text

Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchen Fällen der bestimmte Artikel mit der Präposition verschmolzen $Seite 245$ werden darf, und in welchen Fällen nicht, wann es also heißen darf: im, vom, zur, aufs, ins (oder, wenn jemand ohne Apostroph nicht leben kann, auf’s, in’s, vielleicht auch i’m, zu’r?), und wann: in dem, von dem, auf das usw. Dennoch ist die Sache sehr einfach und eigentlich selbstverständlich.

Der bestimmte Artikel der, die, das hat ursprünglich demonstrativen oder determinativen Sinn, er bedeutet dasselbe wie dieser, diese, dieses, oder wie das schöne Kanzleiwort derjenige, diejenige, dasjenige. In dieser Bedeutung wird er ja auch noch täglich gebraucht, er wird dann gedehnt gesprochen und betont; deer, deem, deen (man nehme nur seine Ohren zu Hilfe, nicht immer bloß die Augen!), während er als bloßer Artikel unbetont bleibt und kurz gesprochen wird. Nun ist es doch klar, daß die Verschmelzung mit der Präposition nur da Eintreten kann, wo wirklich der bloße Artikel vorliegt. Verschlungen oder verschluckt werden kann immer nur ein Wort, das keinen Ton hat. Es ist also richtig, zu sagen: du wirst schon noch zur Einsicht kommen, wenn gemeint ist: zur Einsicht überhaupt, zur Einsicht schlechthin, oder: ich habe im guten Glauben gehandelt. Sowie aber durch einen nachfolgenden Nebensatz eine bestimmte Einsicht, ein bestimmter guter Glaube bezeichnet wird, so ist doch eben so klar, daß dann der Artikel einen Rest seiner ursprünglichen demonstrativen oder determinativen Kraft bewahrt hat, und dann kann von einer Verschlingung mit der Präposition keine Rede sein. Es kann also nur heißen: als er nach Jahren zu der Einsicht kam, daß er nicht zum Künstler geboren sei — ich habe in dem guten Glauben gehandelt, daß ich in meinem Rechte wäre. Und doch muß man fort und fort so fehlerhafte Sätze lesen, wie: die Bauern kamen zum Bewußtsein, daß sie auf weitere Schenkung von Grund und Boden nicht rechnen dürften — im Bewußtsein, daß es der Reichshauptstadt an einem Mittelpunkte künstlerischer Bestrebungen fehle — er kam zur Überzeugung, daß alles Suchen vergeblich sei — die Vergleichung seiner Landsleute mit den Deutschen von ehemals führte Melanchthon zur $Seite 246$ Erklärung, daß die Deutschen leider ihren Vorfahren unähnlich geworden seien — folgende Erwägung führt zur Vermutung, daß die Ohnmacht Gretchens einem geschichtlichen Fall nachgebildet sei — vielleicht wird die praktische Beschäftigung zur Erkenntnis gelangen, daß die Rückkehr zum historischen Ausgangspunkte geboten sei — er sah sich zum Geständnis genötigt, daß er sich getäuscht habe — das Komitee empfahl seinen Kandidaten im festen Vertrauen, daß ein paar Schlagwörter genügen müßten. In allen diesen Sätzen ist die Verschmelzung der Präposition mit dem Artikel ein grober Fehler. Es ist unbegreiflich, wie jemand dafür kein Gefühl haben kann.

Die nähere Bestimmung kann aber auch durch einen Infinitiv mit zu, durch einen Relativsatz, durch ein Attribut ausgedrückt werden — auch dann darf der Artikel nicht verschlungen werden. Also auch folgende Sätze sind falsch: er stand im Rufe, es mit der klerikalen Partei zu halten — er starb im Bewußtsein, die teuersten Güter des Vaterlandes verteidigt zu haben — unter Eigentum verstehen wir die volle Herrschaft über eine Sache bis zur Befugnis, sie zu vernichten — er hielt am Gedanken fest, sich sobald als möglich von dieser Last zu befreien — die Kommission steht im Verdacht, sich gegen alle naturalistischen Ausschreitungen kühl zu verhalten — er wurde vom Verdacht, ein preußischer Spion zu sein, freigesprochener war vom reinsten Willen erfüllt, Versöhnung mit Gott zu finden — im Augenblicke, wo er mich sah — daß Goethe den Hans Sachsischen Ton auch zur Zeit anschlug, wo er sich sonst meist der neuern Formen bediente — er ist nicht sparsam im Lobe, das den polnischen Pferden gebührt — im Deutschen, das heute geschrieben wird (in dem Deutsch, das!) — sie tranken fleißig vom Weine, der auf der reichbesetzten Tafel stand — diese Arie gehört zum Besten, was Verdi geschrieben hat — Fischer hat es nie zur Volkstümlichkeit Scheffels gebracht — ein unbewachter Augenblick stürzte ihn vom Thron seiner Tugendgröße — im Alter von 60 Jahren — zum ermäßigten $Seite 247$ Preise von 15 Mark — vom Streit um Kleinigkeiten — im Bande über Leibniz — im Essay über Auerbach — im Hause Berliner Straße Nr. 70. Im Augenblicke und zur Zeit können nur allein stehen, beides bedeutet dann soviel wie jetzt; ebenso auch: im Alter, im Hause. Auch im Essay kann nur allein stehen, der Essay wäre dann als Gattung etwa dem Roman gegenübergestellt: dergleichen kann man sich wohl im Roman erlauben, aber nicht im Essay; von einem bestimmten Essay aber kann es nur heißen; in dem Essay über Auerbach. Ja es gibt sogar Fälle, wo gar kein Zusatz hinter dem Hauptwort zu stehen braucht und doch die Verschmelzung des Artikels mit der Präposition ein Fehler ist: wenn nämlich nach dem ganzen Zusammenhange nicht das Ding an sich, sondern ein bestimmtes Ding gemeint ist. So ist z. B. falsch: die Beziehungen, in denen Otto Ludwig zur Stadt und ihren Bewohnern stand — wenn Leipzig unter der Stadt gemeint ist; es muß heißen: zu der Stadt und ihren Bewohnern. Zur Stadt könnte nur im Gegensatz zum Lande gesagt sein.//* Nur bei viel gebrauchten Redensarten, an deren eigentliche Bedeutung niemand mehr denkt, wie: im Stande, im Begriff, im Interesse, im Sinne, im Lichte, im Spiegel, zum Besten, ist im Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die Heimat der Indogermanen in dem Lichte der urgeschichtlichen Forschung — Napoleons Tod in dem Spiegel zeitgenössischer Dichtung — wir sind in dem Begriff, abzureisen — ich bin nicht in dem Stande, einen Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist wieder in Stand gesetzt worden, und: der Verfasser will uns in den Stand setzen, selbst an der Forschung teilzunehmen. Bei dem bloßen in Stand (d. h. in'n Stand) ist der Artikel verschlungen (vergl. in Händen haben, in Kauf nehmen).//

Eine Unsitte ist es daher auch, zu schreiben, wie es immer mehr Mode wird: im selben Angenblick — die vom selben Verlag ausgegebnen Kupferstiche — die Erfüllung dieser Aufgaben kann beim selben Objekt verschieden erreicht werden. Wer sorgfältig schreiben will, kann nur schreiben: in demselben Augenblick, von demselben Verlag, bei demselben Objekt.

Wo wirklich der bloße Artikel vorliegt, da sollte aber $Seite 248$ auch nun überall die Verschmelzung vorgenommen werden: nicht bloß in der lebendigen Sprache — da fehlts ja nicht daran —, sondern auch auf dem Papiere, und zwar ohne den Apostroph, diesen Stolz des ABCschützen! Kein Mensch sagt: an das Land steigen, der Kampf um das Dasein, eine Anstalt in das Leben rufen, einen Vorgang an das Licht ziehen, einen hinter das Licht führen, eine Sache über das Knie brechen, in das Auge fallen, einem in das Gesicht sehen, etwas in das Werk setzen, eine Sache in das reine bringen, sich auf das hohe Pferd setzen, sich auf das beste, auf das bequemste einrichten, sondern: ans Land, ums Dasein, ins Leben, ans Licht, aufs beste, aufs bequemste (wie: aufs neue). Also schreibe und drucke man auch so. Dagegen ist wieder falsch: sich aufs hohe Pferd des Sittenrichters setzen — denn hier ist ein bestimmtes hohes Pferd gemeint. Ebenso ist zu unterscheiden: im öffentlichen Leben eine Rolle spielen und: in dem öffentlichen Leben Deutschlands eine Rolle spielen.

Wenn von einer Präposition mehrere Substantiva abhängen und beim ersten die Präposition mit dem Artikel verschmolzen worden ist, so ist es sehr anstößig, bei den folgenden Substantiven den Artikel aus der Verschmelzung wieder herauszureißen und mit Weglassung der Präposition zu schreiben: in gewisser Entfernung vom Brandplatz oder dem Platze des sonstigen Unglücksfalles — von Platos realen Begriffen bis zur Goldmacherkunst und der Telepathie — Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl (Brentano). Die Verschmelzung vom wirkt im Sprachgefühl fort auf das folgende Wort: man hört also unwillkürlich: vom dem Platze. In solchen Fällen ist es unbedingt nötig, entweder auch die Präposition zu wiederholen, also: in gewisser Entfernung vom Brandplatz oder vom Platze des sonstigen Unglücksfalles, oder die Verschmelzung von vornherein zu unterlassen und zu schreiben: von dem Brandplatze oder dem Platze des sonstigen Unglücksfalles. Ebenso ist es bei der Apposition. Es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: im Süden, dem taurischen Gouvernement — $Seite 249$ am 12. Januar 1888, dem dreihundertsten Geburtstage Riberas; hier muß es auch bei der Apposition wieder im und am heißen. Doppelt anstößig wird der Fehler, wenn die Substantiva im Geschlecht oder in der Zahl verschieden sind, z. B. im Berliner Tageblatt und der geistesverwandten Presse — das am Ananias und der Sapphira vollzogne Strafwunder - die vom Anarchismus und der Sozialdemokratie drohenden Gefahren — von der Universität herab bis zur Volksschule und dem Kindergarten — das hängt vom guten Willen und der Zahlungsfähigkeit der Untertanen ab — Eingang zum Garten und der Kegelbahn. Auch hier muß überall die Präposition wiederholt werden. Der Gipfel der Nachlässigkeit ist es, die Wiederholung der Präposition dann zu unterlassen, wenn der bestimmte Artikel mit der artikellosen Form wechselt: z. B. zur Annahme von Bestellungen und direkter Erledigung derselben; es muß heißen: zu Annahme und zu direkter Erledigung.


Zweifelsfall

Ellipsen in koordinierten Präpositionalphrasen

Beispiel
Bezugsinstanz Brentano - Clemens, Gesprochene Sprache
Bewertung

sehr anstößig, Nachlässigkeit, doppelt anstößig, Fehler, Gipfel der Nachlässigkeit

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Präposition: Verschmelzung mit bestimmtem Artikel

Beispiel
Bezugsinstanz Schulsprache, Schriftsprache, neu, Behördensprache, gesprochene Sprache, Sprachverlauf, ursprünglich, Gegenwärtig
Bewertung

sehr einfach, richtig, fehlerhaft, grober Fehler, ein Fehler, falsch

Intertextueller Bezug