In fast allen oder fast in allen?

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 307 - 310
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

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Genannte Bezugsinstanzen: Wustmann - Gustav, Schriftsprache, Sprachverlauf, Volk
Text

Der dritte Verstoß betrifft die Stellung der Präpositionen. Durch alle gebildeten Sprachen geht das Gesetz, daß die Präpositionen (an, bei, nach, für, in, vor, mit) unmittelbar vor dem Worte stehen müssen, das sie regieren. Das ist so natürlich und selbstverständ- $Seite 308$ lich wie irgend etwas, es kann nicht anders sein. In der griechischen Grammatik spricht man von Procliticae (d. h. vorn angelehnten).//* Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann erfunden.// Man versteht darunter gewisse einsilbige Wörtchen, die, weil sie eben einsilbig sind und für sich allein noch nichts bedeuten, keinen eignen Ton haben, sondern — wie durch magnetische Kraft — an das Wort gezogen werden, das ihnen folgt. Dazu gehören auch einige einsilbige Präpositionen. Das ist aber durchaus keine Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, sondern solche Wörter gibt es in allen Sprachen, auch im Deutschen, und zu ihnen gehören auch im Deutschen die Präpositionen. Weil aber die Präpositionen solche Procliticae sind, die mit dem Worte, das von ihnen abhängt, innig verwachsen, so ist es unnatürlich, zwischen die Präposition und das abhängige Wort//** Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das ist gar ein merkwürdiger Mensch, das ist ganz was feines.// (Eigenschaftswort, Fürwort, Zahlwort) ein Adverb zu schieben. Auch dieses Gesetz geht durch alle Sprachen, denn es ist in der Natur der Präpositionen begründet.

Da ist nun aber der große Logiker darüber gekommen und hat sich überlegt: fast in allen Fällen — das kann doch nicht richtig sein! das fast gehört doch nicht zu in, es gehört ja zu allen! Also muß es heißen: in fast allen Fällen. Und so wird denn wirklich seit einiger Zeit immer häufiger geschrieben: die von fast allen Grammatikern gerügte Gewohnheit — es geht eine Bewegung durch fast sämtliche Kulturstaaten — mit fast gar keinen Vorkenntnissen — mit nur echten Spitzen — das Stück besteht aus nur drei Szenen — wir haben es mit nur wenigen Lehrstunden zu tun — wir fuhren durch meist anmutige Gegend — die Kritik, die in meist schlechten Händen ist — es waren gegen etwa vierzig Mann — mit einer Besatzung von oft sechs bis acht Mann — in bald einfacherer, bald prächtigerer Ausstattung — das Buch ist in wohl sämtliche europäische Sprachen übersetzt — andre Kritiker von freilich geringerer Autorität — nach genau $Seite 309$ einem Jahrhundert — in genau derselben Form — mit genau derselben Geschwindigkeit — nach längstens zwei Jahren — für wenigstens ein paar Wochen — Unterricht in wenigstens einer zweiten lebenden Sprache — die ordnungsliebendern Elemente sehen sich zu wenigstens tatsächlicher Achtung vor dem Gesetze gezwungen — die Kosten belaufen sich auf mindestens tausend Pfund — die Schulden müssen mit mindestens einem Prozent jährlich abgetragen werden — fünf Präpositionen mit jedesmal verschiedner Funktion — eine Anfrage würde das in vielleicht überraschendem Maße bestätigen — überall ist die Technik auf annähernd gleicher Höhe — er wurde auf zunächst sechs Jahre zum Stadtrat gewählt — mit sozusagen absolutem Maßstabe — mit allerdings nur geringer Hoffnung auf Erfolg — Japan war mit alles in allem vier Artikeln vertreten — er stand mit ihm in so gut wie keiner Verbindung — sie sind um zusammen etwa vier Millionen Mark betrogen worden; sogar: ein besondrer Anstrich von erst Farbe und dann Lack.

Es ist eine Barbarei, so zu schreiben. Man hat das Gefühl, als wollte einem jemand in den Ellbogen oder zwischen zwei Fingerglieder einen Holzkeil treiben, wenn man so etwas liest, ja es ist, als müßte es der Präposition selber wehtun, wenn sie in solcher Weise von dem Worte, mit dem sie doch zusammenwachsen möchte, abgerissen wird. Was ist eine Logik wert, die zu solcher Unnatur führt! Man versuche es nur, man setze in all den angeführten Beispielen das Adverb an die richtige Stelle, nämlich vor die Präposition: meist durch anmutige Gegend — wohl in sämtliche Sprachen — wenigstens für ein paar Wochen — annähernd auf gleicher Höhe — zunächst auf sechs Jahre usw., empfindet wohl jemand die geringste logische Störung?//* Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer haben sie ohne Änstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer $Fußnote auf nächster Seite fortgeführt$ Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wieder herstellen müssen! Das ist aber nie geschehen, und es ist deshalb nie geschehen, weil es das Natürliche und Selbstverständliche ist, das Adverb vor die Präposition zu stellen.//

$Seite 310$ Nur die Adverbia, die zur Steigerung der Adjektiva dienen: so, sehr, viel, weit, stehen hinter der Präposition: mit so großem Erfolg — in sehr vielen Fällen — mit viel geringern Mitteln — nach weit gründlichern Vorbereitungen. Bei allen Adverbien aber, die den Adjektivbegriff einschränken, herabsetzen oder sonstwie bestimmen, ist die Stellung hinter der Präposition unnatürlich.


Zweifelsfall

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Beispiel
Bezugsinstanz Wustmann - Gustav, Schriftsprache, Sprachverlauf, Volk
Bewertung

als müßte es der Präposition selber wehtun, Barbarei, das Natürliche, es kann nicht anders sein, Frequenz/immer häufiger, Frequenz/Tausendmal, häßliche, Man hat das Gefühl, als wollte einem jemand in den Ellbogen oder zwischen zwei Fingerglieder einen Holzkeil treiben, wenn man so etwas liest, muß es heißen, natürlich, nicht richtig, richtige, selbstverständlich, Selbstverständliche, Unnatur, unnatürlich, Verstoß

Intertextueller Bezug Gottfried Hermann