Jeden Zwanges oder jedes Zwanges?

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 24 - 27
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Adjektiv: starke oder schwache Flexion

Genannte Bezugsinstanzen: 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Alt, Gegenwärtig, Gesprochene Sprache, Luther - Martin, Schriftsprache, Literatursprache, Sprachgelehrsamkeit
Text

Zu den unbehaglichsten Kapiteln der deutschen Grammatik gehört die Deklination zweier miteinander verbundner Nomina, eines Substantivs und eines Adjektivs. Heißt es: jeden Zwanges oder jedes Zwanges? sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme? großer Gelehrter oder großer Gelehrten? ein schönes Ganzes oder ein schönes Ganze? von hohem praktischen Werte oder von hohem praktischem Werte? So unwichtig die Sache manchem vielleicht erscheint, so viel Verdruß oder Heiterkeit (je nachdem) bereitet sie dem Fremden, $Seite 25$ der Deutsch lernen möchte, und so beschämend ist es für uns Deutsche selbst, wenn wir dem Fremden sagen müssen: Wir wissen selber nicht, was richtig ist, sprich, wie du willst! Mit einigem guten Willen ist aber doch vielleicht zu klaren und festen Regeln zu gelangen.

Die Adjektiva können stark und auch schwach dekliniert werden. In der schwachen Deklination haben sie, wie die Hauptwörter, nur die Endung en, in der starken haben sie die Endungen des hinweisenden Fürwortes: es, em, en. Nach der starken Deklination gehen sie, wenn sie allein beim Substantiv stehen, wenn weder ein Artikel noch ein Pronomen vorhergeht (oder wenn das vorhergehende Pronomen selber unflektiert gebraucht wird, wie: welch vorzüglicher Wein, solch vorzüglicher Wein); in allen andern Fällen gehn sie nach der schwachen Deklination. Es muß also heißen: gerades Wegs, guter Hoffnung, schwieriger Fragen, dagegen des geraden Wegs, der guten Hoffnung, der schwierigen Fragen, dieser schwierigen Fragen, welcher schwierigen Fragen, solcher schwierigen Fragen, auch derartiger und folgender schwierigen Fragen, beifolgendes kleine Buch (denn derartiger steht für solcher, folgender und beifolgender für dieser).

So ist auch die ältere Sprache überall verfahren; Luther kennt Genitive wie süßen Weines fast noch gar nicht. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert aber drang, obwohl Sprachkundige eifrig dagegen ankämpften, bei dem männlichen und dem sächlichen Geschlecht im Genitiv des Singulars immer mehr die schwache Form ein, und gegenwärtig hat sie sich fast überall festgesetzt; man sagt: frohen Sinnes, reichen Geistes, weiblichen Geschlechts, größten Formats. Höchstens gutes Muts, reines Herzens, gerades Wegs wird bisweilen noch richtig gesagt. Bei den besitzanzeigenden Adjektiven (mein, dein, sein, unser, euer, ihr) hat sich die starke Form überall unangetastet erhalten (meines Wissens, unsers Lebens), dagegen ist es bei den Zahlbegriffen (jeder, aller, vieler, keiner, mancher) ins Schwanken gekommen, $Seite 26$ Wie man sagt: größtenteils und andernteils, so sagt man auch jedenfalls und allenfalls neben keineswegs, keinesfalls, jedes Menschen, keines Worts, alles Lebens, alles Ernstes. Nur wenige schreiben noch richtig: trotz alles Leugnens, trotz manches Erfolgs, trotz vieles Aufwands; die meisten schreiben: trotz allen Leugnens usw.

Bei jeder erklärt sich das Schwanken vielleicht daraus, daß jeder wie ein Adjektiv auch mit dem unbestimmten Artikel versehen werden kann (ein jeder Mensch), eine Verbindung, die manche Schriftsteller bis zum Überdruß lieben, als ob sie das bloße jeder gar nicht mehr kennten.

Die Schule sollte sich auch hier bemühen, die alte, richtige Form, wo sie sich noch erhalten hat, sorgfältig zu schützen und zur Schärfung des Sprachgefühls zu benutzen. Und wo ein Schwanken besteht, wie bei jeder, da sollte doch kein Zweifel sein, wie man sich zu entscheiden hat. Falsch ist: die Abwehr jeden Zwanges; richtig ist nur: die Abwehr jedes Zwanges oder eines jeden Zwanges (wie die Bekämpfung solches Unsinns oder eines solchen Unsinns).

Merkwürdig ist, daß sich nach solcher die schwache Deklination noch nicht so festgesetzt hat, wie nach welcher. Während jeder ohne Besinnen sagt: welcher gute Mensch, welches guten Menschen, welche guten Menschen, auch solcher vollkommnen Exemplare, hört man im Nominativ und Akkusativ der Mehrzahl viel öfter solche vollkommne Exemplare. Es kommt das wohl daher, daß auch solcher oft mehr etwas Adjektivisches hat. Ebenso ist es bei derartiger (für solcher) und folgender (für dieser). Jeder wird im Nominativ vorziehen: folgende schwierige Fragen, dagegen im Genitiv wahrscheinlich folgender schwierigen Fragen (wie dieser schwierigen Fragen).

Manche Leute glauben, daß Adjektiva, deren Stamm auf m endigt, nur einen schwachen Dativ bilden könnten, weil mem schlecht klinge, daß es also heißen müsse: mit warmem Herzen, mit geheimen Kummer, mit stummen Schmerz, mit grimmen Zorn, von vor- $Seite 27$ nehmen Sinn, bei angenehmen Wetter, bei gemeinsamen Lesen — ein ganz törichter Aberglaube.


Zweifelsfall

Adjektiv: starke oder schwache Flexion

Beispiel
Bezugsinstanz 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, alt, gegenwärtig, gesprochene Sprache, Luther - Martin, Schriftsprache, Literatursprache, Sprachgelehrsamkeit
Bewertung

beschämend, ganz törichter Aberglaube

Intertextueller Bezug