Mißbrauch des Imperfekts

Aus Zweidat
Wechseln zu: Navigation, Suche
Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 99 - 104
Externer Link zum Kapiteltext

Nur für eingeloggte User:

Unsicherheit
Text

Ganz widerwärtig und ein trauriges Zeichen der zunehmenden Abstumpfung unsers Sprachgefühls ist ein Mißbrauch des Imperfekts, der seit einiger Zeit mit großer Schnelligkeit um sich gegriffen hat.

$Seite 100$ Das Imperfektum ist in gutem Deutsch das Tempus der Erzählung. Was heißt erzählen?

Mariandel kommt weinend aus der Kinderstube und klagt: Wolf hat mich geschlagen! Die Mutter nimmt sie auf den Schoß, beruhigt sie und sagt: erzähle mir einmal, wies zugegangen ist. Und nun erzählt Mariandel: ich saß ganz ruhig da und spielte, da kam der böse Wolf und zupfte mich am Haar usw. Mit dem Perfektum also hat sie die erste Meldung gemacht; auf die Aufforderung der Mutter, zu erzählen, springt sie sofort ins Imperfektum über. Da sehen wir deutlich den Sinn des Imperfekts. Erzählen heißt aufzählen. Das Wesentliche einer Erzählung liegt in dem Eingehen in Einzelheiten. Weiterhin besteht aber nun zwischen Imperfekt und Perfekt auch ein Unterschied in der Zeitstufe: das Imperfekt berichtet früher geschehene Dinge (man kann sich meist ein damals dazu denken), das Perfektum Ereignisse, die sich soeben zugetragen haben, wie der Schlag, den Mariandel bekommen hat. Wenn ich eine Menschenmasse auf der Straße laufen sehe und frage: was gibts denn? so wird mir geantwortet: der Blitz hat eingeschlagen, und am Markt ist Feuer ausgebrochen; d. h. das ist soeben geschehen. Wenn ich dagegen nach einigen Wochen oder Jahren über den Vorgang berichte, kann ich nur sagen: der Blitz schlug ein, und am Markte brach Feuer aus. Nur wenn ich etwas, was mir ein andrer erzählt hat, weiter erzähle, gebrauche ich das Perfektum; selbst dann, wenn mirs der andre im Imperfekt erzählt hat, weil ers selbst erlebt, selbst mit angesehen hatte, kann ich es nur im Perfekt weiter erzählen. Wollte ich auch im Imperfekt erzählen, so müßte ich auf die Frage gefaßt sein: bist du denn dabei gewesen?

Also mit dem Imperfekt wird erzählt, und zwar selbsterlebtes; es ist daher das durchgehende Tempus aller Romane, aller Novellen, aller Geschichtswerke, denn sowohl der Geschichtschreiber wie der Romanschreiber berichtet so, als ob er dabeigewesen wäre und die Dinge selbst mit angesehen hätte. Das Perfektum ist dagegen das Tempus der bloßen Meldung, der tatsächlichen Mit- $Seite 101$ teilung. Der Unterschied ist so handgreiflich, daß man meinen sollte, er könnte gar nicht verwischt werden.

Nun sehe man einmal die kurzen Meldungen in unsern Zeitungen an, die das Neueste vom Tage bringen, unter den telegraphischen Depeschen, unter den Stadtnachrichten usw. — ist es nicht widerwärtig, wie da das Imperfekt mißbraucht wird? Da heißt es: der Kaiser beauftragte Prof. Begas mit der Anfertigung eines Sarkophags des Fürsten Bismarck — Bahnhofsinspektor S. in R. erhielt das Ritterkreuz zweiter Klasse — in Heidelberg starb Professor X — Minister so und so reichte seine Entlassung ein — in Dingsda wurde die Sparkasse erbrochen — ein merkwürdiges Buch erschien in Turin. Wann denn? fragt man unwillkürlich, wenn man so etwas liest. Du willst mir doch eine Neuigkeit mitteilen und drückst dich aus, als ob du etwas erzähltest, was vor dreihundert Jahren geschehen wäre? Ein merkwürdiges Buch erschien in Turin — das klingt doch, als ob der Satz aus einer Kirchengeschichte Italiens genommen wäre.

Etwas andres wird es schon, wenn eine Zeitbestimmung der Vergangenheit hinzutritt, und wäre es nur ein gestern; dann kann der Satz den Charakter einer bloßen tatsächlichen Mitteilung verlieren und den der Erzählung annehmen. Es ist ebenso richtig, zu schreiben: gestern starb hier nach längerer Krankheit Professor X, wie: gestern ist hier nach längerer Krankheit Professor X gestorben. Im zweiten Falle melde ich einfach das Ereignis, im ersten Falle erzähle ich. Fehlt aber jede Zeitangabe, soll das Ereignis schlechthin gemeldet werden, so ist der Gebrauch des Imperfekts ein Mißbrauch.

Der Fehler ist aber nicht auf Zeitungsnachrichten beschränkt geblieben; auch unsre Geschäftsleute schreiben schon, und zwar immer öfter, in ihren Anzeigen und Briefen: ich verlegte mein Geschäft von der Petersstraße nach der Schillerstraße — ich eröffnete am Johannisplatz eine zweite Filiale u. ähnl. Ein Schuldirektor schreibt einem Schüler ins Zeugnis: M. besuchte die hiesige Schule und trat heute aus. Eine Verlagsbuchhandlung schreibt in der Ankündigung eines Werkes, $Seite 102$ dessen Ausgabe bevorsteht: wir scheuten kein Opfer, die Illustrationen so prächtig als möglich auszuführen; den Preis stellten wir so niedrig, daß sich unser Unternehmen in den weitesten Kreisen Eingang verschaffen kann. Wann denn? fragt man unwillkürlich. Sind diese Sätze Bruchstücke aus einer Selbstbiographie von dir? erzählst du mir etwas aus der Geschichte deines Geschäfts? über ein Verlagsunternehmen, das du vor zwanzig Jahren in die Welt geschickt hast? Oder handelt sichs um ein Buch, das soeben fertig geworden ist? Wenn du das letzte meinst, so kann es doch nur heißen: wir haben kein Opfer gescheut, den Preis haben wir so niedrig gestellt usw. Eine andre Buchhandlung schreibt auf die Titelblätter ihrer Verlagswerke: den Buchschmuck zeichnete Fidus. Zeichneetee! Wann denn?

Es kommt aber noch eine weitere Verwirrung hinzu. Das Perfekt hat auch die Aufgabe, die gegenwärtige Sachlage auszudrücken, die durch einen Vorgang oder eine Handlung geschaffen worden ist. Auch in dieser Bedeutung wird es jetzt unbegreiflicherweise durch das Tempus der Erzählung verdrängt. Da heißt es: die soziale Frage ist das schwierigste Erbteil, das Kaiser Wilhelm von seinen Vorfahren erhielt (statt: erhalten hat, denn er hat es doch nun!) — auch die vorliegende Arbeit führt nicht zum Ziel, trotz der großen Mühe, die der Verfasser auf sie verwandte (statt: verwendet hat, denn die Arbeit liegt doch vor!) — da die Ehe des Herzogs kinderlos blieb (statt: geblieben ist), folgt ihm sein Neffe in der Regierung — die letzten Wochen haben dazu beigetragen, daß das Vertrauen in immer weitere Kreise drang (statt gedrungen ist) — wir beklagen tief, daß sich kein Ausweg finden ließ (statt: hat finden lassen) — kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse hervorgingen usw. Der letzte Satz klingt, als wäre er aus irgend einer geschichtlichen Darstellung genommen, als wäre von Wahlen etwa zum ersten deutschen Parlament die Rede. Es sollen aber die letzten Reichstagswahlen damit gemeint sein, die den gegenwärtigen Reichstag geschaffen haben! Da muß es doch heißen: kein Wunder, daß aus den Wahlen solche $Seite 103$ Ergebnisse hervorgegangen sind, denn diese Ergebnisse bilden doch die gegenwärtige Sachlage.

Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber sein, woher der Mißbrauch des Imperfekts stammt. In Norddeutschland ist er durch Nachäfferei des Englischen entstanden und mit dem lebhaftern Betriebe der englischen Sprache aufgekommen. Der Engländer sagt: I saw him this morning (ich habe ihn diesen Morgen gesehen) — I expected you last Thursday (ich habe Sie vorigen Donnerstag erwartet) — Yours I received (ich habe Ihr Schreiben erhalten) — That is the finest ship I ever saw (das ist das schönste Schiff, das ich je gesehen habe) — Sheridan's Plays, now printed as he wrote them (wie er sie geschrieben hat). Wahrscheinlich weniger durch nachlässiges Übersetzen aus englischen Zeitungen, als durch schlechten englischen Unterricht, bei dem nicht genug auf den Unterschied der Sprachen in dem Gebrauche der Tempora hingewiesen, sondern gedankenlos wörtlich übersetzt wird, ist der Mißbrauch ins Deutsche hereingeschleppt worden. In Leipzig kann man schon hören, wie ein Geck, der den Tag zuvor aus dem Bade zurückgekehrt ist, einem andern Gecken zuruft: Jä, ich kam gestern zurück, ein Geck in der Gesellschaft sagt: Ich hatte schon den Vorzug (!) — ich habe schon die Ehre gehabt. In Süddeutschland aber kommt dazu noch eine andre Quelle. Dem bayrisch-österreichischen Volksdialekt fehlt das Imperfektum (mit Ausnahme von ich war) gänzlich; er kennt weder ein hatte, noch ein ging, noch ein sprach, er braucht in der Erzählung immer das Perfekt (bin ich gewesen — hab ich gesagt). Daher hat diese Form in Süddeutschland und Österreich den Beigeschmack des Dialektischen, und wenn nun der Halbgebildete Schriftdeutsch sprechen will, so gebraucht er überall das Imperfektum, weil er mit dem Perfekt in den Dialekt zu fallen fürchtet. In großen Dresdner Pensionaten, wo englische, norddeutsche und österreichische Kinder zusammen sind, kann man den Einfluß beider Quellen gleichzeitig beobachten.

Ein wunderliches Gegenstück zu dem Mißbrauch des Imperfekts verbreitet sich in neuern Geschichtsdarstellungen, $Seite 104$ nämlich die Schrulle, im Perfektum zu — erzählen! Nicht bloß vereinzelte Sätze werden so geschrieben, wie: der Enkel hat ihm eine freundliche und liebevolle Erinnerung bewahrt (statt: bewahrte ihm), nein, halbe und ganze Seiten lang wird das Imperfekt aufgegeben und durch das Perfektum ersetzt. Geschmackvoll kann man das nicht nennen.


Zweifelsfall

Verb: konkurrierende Tempora

Beispiel
Bezugsinstanz Geschäftssprache, Zeitungssprache, gesprochene Sprache, Bayern, Österreich, Dresden, England, Fachsprache (Geschichtswissenschaft), Kindersprache, Leipzig, neu, norddeutsch, Literatursprache, Österreich, Schriftsprache, Schulsprache, Sprachverlauf, süddeutsch, Telekommunikation, Behördensprache, Sprache des Buchhandels
Bewertung

widerwärtig, trauriges Zeichen, widerwärtig, richtig, Mißbrauch, unbegreiflicherweise, Nachäfferei des Englischen, gedankenlos, wunderlich, Schrulle

Intertextueller Bezug