Mißhandelte Redensarten

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 271 - 277
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Funktionsverbgefüge und ihr Gebrauch

Genannte Bezugsinstanzen: Alt, Neu, Stettenheim - Julius
Text

Für eine große Anzahl von Tätigkeitsbegriffen fehlt es im Deutschen an einem geeigneten Zeitwort; wir können sie nur durch Redensarten ausdrücken, die aus einem Zeitwort und einem Hauptworte bestehen. Oft ist aber auch ein Zeitwort vorhanden, und doch geben viele, weil sie die Neigung haben, sich breit auszudrucken, einer umschreibenden Redensart den Vorzug. Solche Redensarten — unentbehrliche und entbehrliche — sind z. B. Fühlung haben, Gebrauch machen, Klage führen, Rechenschaft ablegen, Kenntnis nehmen, Platz greifen, Wandel schaffen, Lärm schlagen, Dank $Seite 272$ wissen, in Kenntnis setzen, zur Verfügung stellen und hundert andre.

Diese Redensarten haben nun meist etwas formelhaftes. Da sie einfache Verbalbegriffe ersetzen, so werden sie auch wie einfache Verba gefühlt. Daraus folgt aber mit Notwendigkeit zweierlei: erstens, daß sie in passivischen Sätzen und in Nebensätzen, wo das Zeitwort am Ende steht, nicht zerrissen werden dürfen: zweitens, daß sie, ebenso wie wirkliche Verba, nur mit Adverbien bekleidet werden können. Gegen beide Gesetze wird fort und fort verstoßen.

Da schreibt man z. B.: er wurde in Kenntnis von dem Geschehenen gesetzt. Falsch! Es muß heißen: er wurde von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt, denn die Redensart in Kenntnis setzen vertritt ein einfaches Verbum und darf nicht zerrissen werden. Andre Beispiele solches gefühllosen Zerreißens sind: wenn eine der brennenden Fragen in Beziehung zur technischen Hochschule gesetzt wurde — es ist nicht mehr als billig, daß wir einen Begriff von Talenten wie Kjelland, Lie usw. erhalten — weil die Regierung nicht die Hand zu einer dauernden Spaltung in den Münchner Künstlerkreisen bieten wollte — wenn auch dieser Realismus die Brücke zwischen der Dichterin und der großen Menge schlug — wer sich eine Vorstellung von der eigentümlichen Persönlichkeit Stiers, die unsern heutigen Anschauungen in vieler Beziehung befremdlich erscheint, machen will. Der Fehler ist umso störender, als durch das Zerreißen der Redensart der Ton von dem Hauptwort auf das Zeitwort verlegt wird (die Hand bieten, anstatt: die Hand bieten — die Brücke schlug, anstatt: die Brücke schlug), auf das Zeitwort, das meist ziemlich bedeutungslos und nur ein äußerliches Hilfsmittel zur Bildung der Redensart ist. Läßt man die Redensart zusammen, so bleibt auch der Ton an der richtigen Stelle.

Die andre Art, solche Redensarten zu mißhandeln, besteht darin, daß man das Hauptwort herausreißt und mit einem Attribut bekleidet, anstatt die Redensart zusammenzulassen und sie als Ganzes mit einem Adverb oder einem adverbiellen Ausdruck zu bekleiden. Der $Seite 273$ häufigste Fall ist der, daß man zu dem Hauptwort ein Adjektiv setzt, z. B.: es ist sehr zu befürchten, daß er dabei ernstlichen Schaden nehmen werde. Schaden nehmen ist eine Redensart, die einen einfachen passiven Verbalbegriff vertritt (geschädigt werden, beschädigt werden). Man kann nicht ernstlichen, man kann nur ernstlich Schaden nehmen, wie man nur ernstlich geschädigt werden kann. Mit andern Worten: nicht der Schade ist ernstlich, sondern das Schadennehmen, der ganze Begriff. Der Minister nahm von den Einrichtungen der Schule eingehende Kenntnis — derselbe Fehler! Kenntnis nehmen ist eine Redensart, die einen einfachen aktiven oder passiven Verbalbegriff vertritt (kennen lernen, belehrt werden, unterrichtet werden). Man kann von einer Sache weder eingehende, noch gründliche, noch flüchtige, noch oberflächliche Kenntnis nehmen, man kann nur eingehend, gründlich, flüchtig, oberflächlich Kenntnis nehmen. In folgenden Beispielen soll das Richtige immer gleich in Klammern hinzugesetzt werden: seiner Abneigung unverhohlenen Ausdruck geben (unverhohlen Ausdruck geben) — wir werden sein Andenken stets in hohen Ehren halten (hoch in Ehren halten) — sie nahm immer noch einen merkwürdigen Anteil an dem Herrn (merkwürdig Anteil) — es ist nicht leicht, zu dieser Frage richtige Stellung zu nehmen (richtig Stellung zu nehmen) — gegen das Rabattwesen wurde scharfe Stellung genommen (scharf Stellung genommen) — der König besuchte das Geschäft, um die Geschenke in kritischen Augenschein zu nehmen (kritisch in Augenschein zu nehmen) — die Prüfungsordnung ist in volle Kraft getreten (vollständig in Kraft getreten) — von seinen literarischen Arbeiten legen die Briefe ausgiebige Rechenschaft ab (ausgiebig) — sie denken nicht daran, mit diesen Hirngespinsten ernsthafte Politik zu treiben (ernsthaft Politik zu treiben) — über meine Tätigkeit war ein entstellender Bericht erstattet worden (entstellend Bericht erstattet worden) — die Stimme des Unmuts im Lande soll nicht zu weiterm Ausdruck kommen $Seite 274$ (weiter zum Ausdruck kommen) — wir können diesen Gerüchten keinen rechten Glauben schenken (nicht recht Glauben schenken) — allen gröbern Ausschreitungen muß ein energisches Halt geboten werden (energisch Halt geboten) — die gegnerische Presse hat gewaltigen Lärm geschlagen (gewaltig Lärm geschlagen) — hier wäre Grund vorhanden, bessernde Hand anzulegen (bessernd Hand anzulegen) — die Zeit schafft oft unerwartet schnellen Wandel (schnell Wandel) — er brachte die Angelegenheit zum ausführlichen Vortrag (ausführlich zum Vortrag) — ich erlaube mir, mein Lichtenhainer in empfehlende Erinnerung zu bringen (empfehlend in Erinnerung zu bringen).

Ebensowenig wie Eigenschaftswörter dürfen natürlich Zahlwörter oder besitzanzeigende Adjektiva in solche Redensarten eingefügt werden. Da schreibt einer über die Tagespresse: man muß zwischen ihren Zeilen lesen. Unsinn! Man muß bei ihr zwischen den Zeilen lesen! Denn zwischen den Zeilen lesen ist eine formelhafte, unveränderliche Redensart, die nur durch einen adverbiellen Zusatz (bei ihr) näher bestimmt werden kann. Ein andrer schreibt: der erste Sturm sollte gegen das Großkapital gelaufen werden. Doppelter Unsinn! Erstens weil der Sturm gezählt, zweitens weil die Redensart zerrissen ist. Es muß heißen: zu erst sollte gegen das Großkapital Sturm gelaufen werden. Ebenso ist doppelt fehlerhaft: wir müssen fleißigern Gebrauch von der Rute machen (richtig: wir müssen fleißiger von der Rute Gebrauch machen) — die Zeit, wo der Fürst noch unmittelbare Fühlung mit dem Volke hatte (richtig: unmittelbar mit dem Volke Fühlung hatte) — besondern Dank wird der Leser dem Herausgeber für die kurzen Einleitungen wissen (richtig: besonders wird der Leser dem Herausgeber für die kurzen Einleitungen Dank wissen) — besondre Obacht mußte darauf gegeben werden, daß sich keiner der Buße entzog (richtig: besonders mußte darauf Obacht gegeben werden) — von konservativer Seite wird laute Klage über die antisemitischen Demagogen $Seite 275$ geführt (richtig: wird laut über die antisemitischen Demagogen Klage geführt).

Ein Attribut kann ja aber auch in der Form eines abhängigen Genitivs auftreten; auch in dieser Form kommt der Fehler sehr oft vor. Man schreibt: die Jahre, wo die Hilfslehrer zur Verfügung des Provinzialschulkollegiums stehen — sämtliche Verhafteten wurden zur Verfügung des französischen Botschafters gestellt — wenn sich die Kammer zur Verfügung der größten Schwindelei des Jahrhunderts stellt (muß heißen: dem Provinzialschulkollegium zur Verfügung stehen usw.) — die Streitfragen, die auf der Tagesordnung ihrer Wissenschaft stehen (muß heißen: in ihrer Wissenschaft auf der Tagesordnung stehen) — es sollen ganz bestimmte Gegenstände zur Beratung der Konferenz gestellt werden (muß heißen: der Konferenz zur Beratung gestellt werden) — die Dame, in deren Mund die Erzählung gelegt ist (muß heißen: der die Erzählung in den Mund gelegt ist). Auch in diesen Fällen wird überdies die Redensart zerrissen, in den meisten entsteht ein Gallizismus.

So wenig aber das Hauptwort einer solchen formelhaften Redensart mit einem Attribut bekleidet werden kann, so wenig kann es endlich mit einem Relativsatz behängt werden. Auch ein Relativsatz kann sich immer nur an den Gesamtbegriff der Redensart, aber nicht an den Bestandteil anschließen, den das Hauptwort bildet. Aber auch dieser Fehler, der große Unbeholfenheit verrät, ist etwas ganz gewöhnliches, wie folgende Beispiele zeigen: die Versuche blieben nicht ohne Eindruck, der (!) aber durch die nachfolgenden Ereignisse bald wieder verwischt wurde — namentlich waren die Schöpfungen der Pariser Architektur auf ihn von Einfluß, der (!) bis zu seinen letzten Werken nachhaltend geblieben ist — ein solches Unternehmen muß in Einzelheiten Widerspruch hervorrufen, der (!) dann auch auf die Beratung des Ganzen Einfluß übt — da stand er nun in Verlegenheit, an die (!) er gar nicht gedacht hatte — auf seine Bitten erhielt er in dieser Sprache $Seite 276$ Unterricht, den (!) er selbst so anziehend geschildert hat — die Scheune geriet in Brand, der (!) erst nach einer Stunde gelöscht wurde — Vischer redet sich alle Galle vom Herzen, das (!) im deutschen Bruderkriege 1866 blutete.

Etwas erträglicher wird der Fehler, wenn man das Hauptwort der Redensart mit einer Art von Anaphora wiederholt, z. B.: man hat den Eindruck, daß beide in dem Augenblick der Entscheidung Friede gemacht haben, einen Frieden, der auch dem unterliegenden Teile zugute kommt. Schwache Gemüter können hier zugleich rein äußerlich sehen, worauf es ankommt: in der Redensart erscheint das Hauptwort ohne Artikel, in der Anaphora mit Artikel; bezeichnend ist dabei der Unterschied, den der Schreibende (unwillkürlich?) zwischen der ältern und der jüngern Form Friede und Frieden gemacht hat. Oft berühren sich nämlich solche unveränderliche formelhafte Redensarten nahe mit andern Wendungen, die nichts formelhaftes haben, sondern im Augenblick gebildet sind und jeden Augenblick anders gebildet werden können. Die sind aber dann von formelhaften Wendungen leicht zu unterscheiden, äußerlich gewöhnlich schon daran, daß in der Formel das Hauptwort keinen Artikel hat. Eine zweifellos formelhafte Redensart ist: zu Ohren kommen. Daher wird niemand sagen: es ist zu meinen Ohren gekommen, oder es ist zu Ohren des Ministers gekommen, sondern: es ist mir zu Ohren gekommen, es ist dem Minister zu Ohren gekommen. Zweifeln kann man dagegen, ob auch zur Kenntnis kommen formelhaft sei. Der Vorgang kam zu meiner Kenntnis oder zur Kenntnis des großen Publikums dürfte ebenso gut sein wie: er kam mir zur Kenntnis oder dem Publikum zur Kenntnis. Die Grenzen sind hier manchmal flüssig; wer feines Sprachgefühl hat, wird meist ohne weiteres das Richtige treffen; wer keins hat, wird auch bei aller Belehrung danebentappen.

Das tollste ist es, das Hauptwort aus einer solchen Redensart herauszunehmen und in einem besondern Satze zu verwenden. Aber auch das geschieht. Da schreibt z. B. $Seite 277$ jemand: wichtig war für meine spätern Neigungen die Bekanntschaft mit den Zeitungen, die ich schon in meinen Kinderjahren machte. Das soll heißen: wichtig war, daß ich schon in meinen Kinderjahren mit den Zeitungen Bekanntschaft machte. Ein solcher Schnitzer liegt schon dicht an dem Wege, der zu den bekannten Späßen Wippchens führt, wie: gebt mir einen Haufen, damit ich den Feind darüberwerfen kann.


Zweifelsfall

Funktionsverbgefüge und ihr Gebrauch

Beispiel
Bezugsinstanz alt, neu, Stettenheim - Julius
Bewertung

breit auszudrücken, danebentappen, das Richtige, doppelt fehlerhaft, Doppelter Unsinn, ebenso gut, ebensowenig dürfen, entbehrliche, erträglicher, Es muß heißen, Falsch, Fehler, formelhaftes, Frequenz/etwas ganz gewöhnliches, Frequenz/häufigste Fall, Frequenz/viele, gefühllosen Zerreißens, Gegen beide Gesetze verstoßen, große Unbeholfenheit verrät, mißhandeln, muß heißen, nicht, nur, richtig, Richtige, Schnitzer, störender, tollste, unentbehrliche, Unsinn

Intertextueller Bezug