Modewörter

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 355 - 375
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Unsicherheit
Text

Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden sie oft in kurzer Zeit zu Modewörtern. Daß es Sprachmoden gibt so gut wie Kleidermoden, und Modewörter so gut wie Modekleider, Modefarben und Modefrisuren, darüber kann gar kein Zweifel sein. In meiner Kinderzeit fragte man, wenn man jemand nicht verstanden hatte: Was? Dazu war natürlich zu ergänzen: hast du gesagt? Dann hieß es plötzlich: Was sei grob, man müsse fragen: Wie? Dazu sollte man ergänzen: meinen Sie? In neuerer Zeit kam dann dafür die schöne Frage auf: Wie meinen? (vgl. S. 90), und das allerneueste ist, daß man den andern zärtlich von der Seite anblickt, das Ohr hinhält und fragt: Bötte?

Nun kommt ja unleugbar auch bisweilen eine hübsche Mode auf, aber im allgemeinen wird doch die Mode $Seite 356$ gemacht von Leuten, die nicht den besten Geschmack haben. Oft ist sie so dumm, daß man sich ihre Entstehung kaum anders erklären kann, als daß man annimmt, der Fabrikant habe absichtlich etwas recht Dummes unter die Leute geworfen, um zu sehen, ob sie darauf hineinfallen würden. Aber immer fällt die ganze große Masse darauf hinein, denn Geschmack ist wie Verstand. „stets bei wenigen nur gewesen"' Zuletzt, wenn eine Mode so gemein (d. h. allgemein) geworden ist, daß sie auch dem Beschränktesten als das erscheint, was sie für den Einsichtigen von Anfang an gewesen ist, als gemein (d. h. niedrig), verschwindet sie wieder, um einer andern Platz zu machen, die dann denselben Lauf nimmt. Vornehme Menschen halten sich stets von der Mode fern. Es gibt Frauen und Mädchen, die ihrer Kleidung alles verschmähen, was an die jeweilig herrschende Mode streift; und doch ist nichts in ihrem Äußern, was man absonderlich oder gar altmodisch nennen könnte, sie erscheinen so modern wie möglich und dabei so vornehm, daß alle Modegänschen sie darum beneiden könnten.

Genau so geht es mit gewissen Wörtern und Redensarten. Man hört oder liest ein Wort irgendwo zum erstenmal, bald darauf zum zweiten, dann kommt es öfter und öfter, und endlich führt es alle Welt im Munde, es wird so gemein, daß es selbst denen, die es eine Zeit lang mit Vergnügen mitgebraucht haben, widerwärtig wird, sie anfangen, sich darüber lustig zu machen, es gleichsam nur noch mit Gänsefüßchen gebrauchen, bis sie es endlich wieder fallen lassen. Aber es gibt immer auch eine kleine Anzahl von Leuten, die, sowie ein solches Wort auftaucht, von einem unbesiegbaren Widerwillen davor ergriffen werden, es nicht über die Lippen, nicht aus der Feder bringen. Und da ist auch gar kein Zweifel möglich: wer überhaupt die Fähigkeit hat, solche Wörter zu erkennen, erkennt sie sofort und erkennt sie alle. Er sagt sich sofort: das Wort nimmst du nie in den Mund, denn das wird Mode. Und wenn zwei oder drei zusammenkommen, die den Modewörterabscheu teilen, und sie vergleichen ihre Liste, so zeigt sich, daß sie genau dieselben Wörter darauf haben — ein Beweis, daß es $Seite 357$ an den Wörtern liegt und nicht an den Menschen, wenn manche Menschen manche Wörter unausstehlich finden. Ihrer Ausdrucksweise merkt aber deshalb niemand an, daß sie die Wörter vermeiden, die klingt so modern wie möglich, kein Mensch vermißt die Modewörter darin. Leider begegnet es auch „ersten" Schriftstellern nicht selten, daß sie auf Modewörter hineinfallen. Gewiß gibt es unter den Modewörtern auch einzelne, die an sich nicht übel sind. Aber das Widerwärtige daran ist, daß es eben Modewörter sind, daß sie eine Menge andrer guter Wörter verdrängen und doch das bißchen Reiz, das sie zu Anfang haben, sehr schnell verlieren.

Im folgenden sollen einige Wörter zusammengestellt werden, die entweder überhaupt oder doch in der Bedeutung, in der sie jetzt fast ausschließlich angewandt werden, unzweifelhaft Modewörter sind. Die meisten davon stehen jetzt in vollster Blüte; einige haben zwar ihre Blütezeit schon hinter sich, sollen aber doch nicht übergangen werden, weil sie am besten zeigen können, wie schnell vergleichen veraltet.

Darbietung. Als solche wird jetzt alles bezeichnet, was in einem Konzert oder an einem Vereinsabend geredet, gespielt oder gesungen wird: die gelungenste Darbietung des Abends — die Darbietungen des diesjährigen Pensionsfondskonzerts — das Programm enthielt auch einige solistische Darbietungen — die literarischen Darbietungen im Stil der freien Bühne usw.

Ehrung. Für Ehrenbezeigung oder Auszeichnung. In Ehrungen wird jetzt ungeheuer viel geleistet.

Prozent oder Prozentsatz. Für Teil; aus der Sprache der Statistik. Man sagt nicht mehr: über die Hälfte aller Arbeiter, sondern: über fünfzig Prozent aller Arbeiter, nicht mehr: ein ganz geringer Teil, sondern: ein ganz geringer Prozentsatz der Künstler darf hoffen, als Bildhauer oder Maler vorwärts zu kommen. Man sagt nicht: ein großer Teil der Studenten ist faul, sondern man klagt über den Unfleiß (!) eines großen Prozentsatzes der Studierenden. $Seite 358$ Rückschluß, Rückschlag und Rückwirkung. Für Schluß, Einfluß und Wirkung. Schlüsse gibt es gar nicht mehr, nur noch Rückschlüsse. Von Rück- ist aber meist gar nicht die Rede.

Bedeutsam. Aufs unsinnigste mißbrauchtes Wort. Goethe sagt in seiner Beschreibung von dem Selbstbildnis des jungen Dürer, der Maler halte das Blümlein Mannstreu bedeutsam in der Hand. Das heißt so viel wie bedeutungsvoll: der Maler habe damit sinnbildlich oder symbolisch etwas andeuten wollen. Von dieser schönen ursprünglichen Bedeutung des Wortes ist heute nicht der leiseste Hauch mehr zu spüren. Kein zweites Wort ist binnen wenig Jahren so heruntergekommen, so entwertet worden, wie dieses. Für alles mögliche muß es herhalten, für groß, wichtig, bedeutend, hervorragend, wertvoll usw. Wenn man über eine Sache nichts, gar nichts zu sagen weiß, so nennt man sie bedeutsam. Man schreibt: der Verfasser hat auch über Luther, Kant, Fichte und Hegel bedeutsame Bücher geschrieben — diese Zusammenstellung ist nicht bloß sprachgeschichtlich, sondern auch kulturgeschichtlich bedeutsam — das Buch wird der Erkenntnis Bahn brechen, daß die Bildhauerei des damaligen Deutschlands eine (!) bedeutsame war — daß diese Gedanken von einer Frau ausgesprochen wurden, schien dem Herausgeber bedeutsam genug, um (!) sie hier mitzuteilen. Man schwatzt von bedeutsamen Erfolgen, Aufgaben, Funden, Kunstwerken, von einer für die Kulturgeschichte bedeutsamen Veröffentlichung, von einer bedeutsamen Umgestaltung des Schulwesens, von dem bedeutsamsten Teil der Wettinischen Lande, von einem bedeutsamen Hinweis aus Pflanzenstudien, von bedeutsamen Probeleistungen einer Kunstgewerbeschule, von bedeutsamen politischen Momenten (was mag das sein?), ja sogar von einem bedeutsamen Mozartinterpreten (!), von kunstvollen, bezw. (!) durch (!) die Namen ihrer einstigen Besitzer bedeutsamen Armbrüsten und von der bedeutsamen Stellung, die in der Kundschaft der Fleischer die Schänkwirte einnehmen. Jammerschade um das einst so schöne, gehaltvolle Wort!

$Seite 359$ Belangreich und belanglos. Zwei herrliche Wörter, obgleich niemand weiß, was Belang ist, und ob es der Belang oder das Belang heißt.

Besser. Wird in ganz wunderlicher Weise nicht mehr als positive Steigerung von gut, sondern als negative Steigerung von schlecht gebraucht, also in dem Sinne von weniger schlecht. Herrschaften suchen täglich in den Zeitungen bessere Mädchen, und Mädchen natürlich nun auch bessere Herrschaften oder auch, wenn sie sich verheiraten wollen, bessere Herren. Ein Zeitungsverleger versichert, daß seine Zeitung in allen bessern Hotels und Cafés ausliege, und ein Geheimmittelfabrikant, daß sein Fabrikat in allen bessern Apotheken und Droguengeschäften „erhältlich" sei. Folglich ist gut jetzt besser als besser.

Eigenartig, äußerst beliebt als Ersatz für das Fremdwort originell und zugleich für eigentümlich, worunter man jetzt nur noch so viel wie wunderlich oder seltsam zu verstehen scheint. Oft auch bloßer Schwulst für eigen: ein eigenartiger//* Auszusprechen: ägenärtig. Ich bedauere überhaupt, daß ich dieses Kapitel dem Leser nicht vorlesen kann.// Reiz, ein eigenartiger Zauber, eine eigenartige Weihe usw. Steht in voller Blüte.

Einwandfrei. Schöner neuer Ersatz für tadellos und zugleich für unanfechtbar: gesunde, frische, einwandfreie Milch — ein sittlich einwandfreier Priester. Daß man nur von Dingen frei sein kann, die einem auch anhaften können (vgl. fehlerfrei, fieberfrei), daran wird gar nicht gedacht.

Erheblich. Altes Kanzleiwort, das man schon für tot und begraben gehalten hatte, das aber seit einiger Zeit wieder ausgegraben und nun, als Adjektiv wie als Adverb, zum Lieblingswort aller Juristen, Beamten und Zeitungschreiber geworden ist (für groß, wichtig, bedeutend, wesentlich). Es gibt nichts mehr in der Welt, was nicht entweder erheblich oder unerheblich oder nicht unerheblich wäre: eine Wunde, ein Schadenfeuer, eine Gehaltsverbesserung, eine Verkehrs- $Seite 360$ stockung, alles ist erheblich. Ebenso heißt es auch vor Komparativen nicht mehr viel, sondern immer erheblich: erheblich besser, erheblich größer usw.

Froh und viele Zusammensetzungen damit: arbeitsfroh, bildungsfroh, genußfroh, sangesfroh, kunstfroh, farbenfroh, fleischfroh (der fleisch-frohe Rubens!), wirklichkeitsfroh, in der Kunstschreiberei jetzt äußerst beliebt. Ja ja, wir leben in einer kunstfrohen Zeit, in der es viele novitätenfrohe Kunstfreunde gibt.

Glatt. Modewort von der mannigfachsten Bedeutung: leicht, schnell, sicher, offenbar usw.: der Verkehr wickelte sich glatt ab (!) — es steht zu hoffen, daß die Heilung der Wunde glatt erfolgen wird — es liegt ein ganz glatter Betrug vor — sogar: das liegt auf glatter Hand (statt: auf flacher!).

Großzügig. Neues Glanzwort der Kunst- und Musikschwätzer. Wenn man sich früher bei einer Darstellung auf große Züge beschränkte, so wurde sie gewöhnlich oberflächlich. Was soll man sich also darunter denken, wenn es jetzt heißt: G. verrät in seinen Porträtköpfen eine großzügige Eigenart — das Denkmal ist eine großzügige deutsche Tat, auf die Leipzig stolz sein kann — es fehlt dem Wahlkampf an einer großzügigen Bewegung — einen Zufall gibt es für diesen Standpunkt großzügiger Auffassung nicht — seiner großzügigen Persönlichkeit entsprechend hat Begas sein Lehramt ohne alle Pedanterie verwaltet?

Hochgradig. Für hoch oder groß; aus der Sprache der Ärzte: hochgradiges Fieber. Dann auch hochgradige Erregung, hochgradige Erbitterung usw.

Jugendlich. Modeersatz für jung. Hat mit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers angefangen. Den wagte man nicht jung zu nennen — wahrscheinlich hielt man das für eine Majestätsbeleidigung —, man sagte immer: unser jugendlicher Kaiser, und genau so geht es jetzt schon wieder mit dem jugendlichen Kronprinzen an. Welch großer Unterschied zwischen jung und jugendlich ist, welch erfreuliche Erscheinung ein jugendlicher Greis, welch klägliche ein junger Greis ist, dafür hat $Seite 361$ man gar kein Gefühl mehr, fort und fort redet man von jugendlichen Arbeitern, jugendlichen Verbrechern, jugendlichen Übeltätern, einer jugendlichen Sängerschar, sogar jugendlichen, unter sechzehn Jahre alten Mädchen!

Minderwertig. Feig verhüllender Ausdruck für schlecht, wertlos, unbrauchbar. Irgend einen Menschen oder eine Sache schlecht zu nennen, hat man nicht mehr den Mut; man spricht nur noch von minderwertigem Fleisch, minderwertigen Kartoffeln, minderwertigen Existenzen, sogar von minderwertigen Referendaren. Daneben natürlich auch von vollwertigen, mittelwertigen, unterwertigen und gleichwertigen.

Offensichtlich. Lieblingswort der Zeitungschreiber, zusammengebraut aus sichtlich und offenbar: die offensichtliche Gefahr, offensichtliche Mängel, mit offensichtlichem Stolz usw.

Schneidig. Blühendes Modewort zur Bezeichnung der eigentümlichen Verbindung von äußerlicher Schniepelei und innerlicher Roheit, Fatzkentum und Landsknechtswesen, in der sich ein Teil unsrer jungen Männerwelt jetzt gefällt.

Selbstlos. Kühne Bildung. Eine Zeit lang sehr beliebt zur Bezeichnung des höchsten Grades von Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit. Hat aber schon etwas abgewirtschaftet.

Tunlich und angängig. Lieblingswörter der Kanzleisprache für möglich.

Unerfindlich. Für unbegreiflich oder unverständlich. Verfehlt gebildet, da erfinden in dem Sinne, wie es in unerfindlich verstanden werden soll, ganz ungebräuchlich ist. Trotzdem eine Zeit lang sehr beliebt, jetzt stark im Rückgange.

Ungezählt. Beliebte neue Modedummheit für unzählig, zahllos, ja sogar für zahlreich. Eine ungezählte Menge drängte sich nach dem Unglücksplatz — ungezählte Deutsche feiern heute den Geburtstag des großen Kanzlers — der Roman erlebte ungezählte Auflagen. Ob die Menge gezählt worden ist, $Seite 362$ darauf kommts doch gar nicht an, sondern ob sie gezählt werden konnte! Die Auflagen eines Buches aber werden wirklich gezählt.

Verläßlich. Modewort für zuverlässig. Wunderliche Verirrung! Zuverlässig ist ein schönes, kräftiges Wort: wer zuverlässig ist, auf den kann man sich verlassen. Einem verläßlichen würde ich nicht über den Weg trauen; das Wort hat gleich so etwas widerwärtig weichliches.

Vornehm. Im Superlativ ausschließlicher Ersatz für alle Zusammensetzungen, die früher mit Haupt gebildet wurden. Für Hauptursache, Hauptbedingung, Hauptzweck, Hauptaufgabe heißt es jetzt nur noch: die vornehmste Ursache, die vornehmste Bedingung, der vornehmste Zweck, die vornehmste Aufgabe. Je öfter man vornehm schreibt, desto vornehmer kommt man sich selber vor.

Zielbewußt. Von der sozialdemokratischen Presse erfunden und eine Zeit lang von ihr mit blutigem Ernst gebraucht. Heute nur noch mit Gänsefüßchen möglich: ein „zielbewußter" Autographensammler u. ähnl.

Abstürzen. Für herabstürzen oder hinabstürzen; von den Alpenfexen eingeführt. In den Zeitungen stürzen aber schon nicht mehr bloß Bergkletterer ab, sondern auch Steinblöcke in Steinbrüchen, Turner vom Reck, Kinder vom Straßenbahnwagen usw. Man setze fallen für stürzen, und man wird die Lächerlichkeit fühlen! Ab mit Zeitwörtern zusammengesetzt bedeutet ja gar nicht mehr die Richtung nach unten, sondern nur noch die Trennung, die Entfernung; vgl. abfallen, abgehen, abfahren, absenden, abspringen, abnehmen, abreißen, abhauen, abschneiden usw.

Sich anfreunden an jemand, statt: sich mit jemand befreunden. Neubildung aus der Umgangssprache (vgl. sich anvettern, sich auschmieren), dringt aber auch schon in die Schriftsprache ein, ohne daß man den niedrigen Nebensinn zu fühlen scheint: mit (!) ihm freundete sich Menzel an.

Anschneiden und aufrollen. Eine Frage wird nicht mehr berührt, angeregt — das ist viel zu $Seite 363$ fein ―, sondern entweder wird sie angeschnitten, wie eine Blutwurst, oder sie wird aufgerollt, wie ein Treppenläufer oder eine Linoleumrolle. Das ist die Bildersprache der Gegenwart! Und wenn die Frage dann aufgerollt oder angeschnitten ist, dann kommt es darauf an, sich ein tüchtiges Stück abzuschneiden. Gelingt einem das, dann hat man gut abgeschnitten, d. h. man ist gut dabei weggekommen: wie wird Deutschland dabei abschneiden?

Ausgestalten. Eine Methode wird nicht mehr ausgebildet, sondern ausgestaltet. Bilden gilt nichts mehr, wahrscheinlich infolge davon, daß die Bildung so wohlfeil geworden ist.

Auslösen. Aus der Mechanik, wo es soviel bedeutet, wie durch Beseitigung einer Hemmung irgend etwas in Bewegung oder Tätigkeit setzen: der Dichter will uns nicht seine Gedanken aufnötigen, sondern unsre eignen Gedanken auslösen — ein Wort, das gerade in diesem Zusammenhange ganz eigentümliche Empfindungen auslösen mußte — das Gelächter, das diese Behauptung auslöste — das Ende der Partei hat wenig Tränen, aber desto mehr Hohn ausgelöst — manche lyrische Gedichte Goethes lassen sich in der Musik nicht voll (!) auslösen — in den ersten Monaten seiner Universitätszeit löste sich (!) bei ihm eine kräftige Fuchsenstimmung aus. Schön gesagt!

Begrüßen. Früher begrüßte man etwas freudig oder mit Freuden. Jetzt wird alles nur noch begrüßt: eine begrüßenswerte Neuerung.

Bekannt geben. Für bekannt machen, weil machen nicht mehr für fein gilt. Freilich wird ein bißchen viel gemacht: ein Mädchen macht sich erst die Haare, dann macht sie die Betten, dann macht sie Feuer usw. Sonntags macht der Leipziger sogar nach Dresden. Trotzdem ist bekannt geben eine Abgeschmacktheit so gut wie fertig stellen.

Sich beziffern. Statt betragen, sich belaufen. Aus der Statistik, die ja keine Zahlen mehr kennt, sondern nur noch Ziffern (obwohl sich Ziffer zu Zahl verhält, wie Buchstabe zu Laut): Bevölkerungs- $Seite 364$ ziffer, Durchschnittsziffer, ich kann Ihnen noch einige Ziffern vorlegen — das Personal beziffert sich auf 100 Köpfe - der Verlust beziffert sich auf 30000 Mann usw.

Darstellen. Schauderhaft gespreizter Ersatz für bilden in dem Sinne von sein. Schon bilden war überflüssige Ziererei, wenn man an seine eigentliche Bedeutung denkt. Nun vollends darstellen! Und doch wird jetzt nur noch geschrieben: ein Staatspapier, wie es unsre Konsols bisher darstellten — der Jahresbericht, den die zweite Lieferung des Buches darstellt — das Geschwader stellt eine bedeutende Streitmacht dar — die Zusammenkünfte sollen ein kollegialisches Bindemittel darstellen — diese Bahn stellt den nächsten Landweg von Mitteleuropa nach Indien dar — diese Beschäftigung stellt keine ausreichende Tätigkeit dar — die Menschheit, die trotz aller Mängel doch nicht bloß eine Schar von armen Sündern darstellt — Bücherschätze, die ein herrliches Zeugnis für die Freigebigkeit früherer Jahrhunderte darstellen usw. Kann es einen alberneren Sprachschwulst geben?

Einschätzen. Angeschlagen, beurteilt, geschätzt wird nichts mehr, alles wird eingeschätzt: ein Buch, das der Kritiker dieses Blattes hoch einschätzt — ein Parteifreund, der die ultramontane Gefahr minder hoch einschätzt — man muß sich selbst beobachten und studieren, um seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen — sie nahm zu einem Mann ihre Zuflucht, dessen Charakter sie falsch einschätzte — auch die Einschätzung der künstlerischen Tätigkeit ist dem Wechsel der Zeiten unterworfen. Warum denn ein? Eingeschätzt wird man bei der Steuer, sonst nirgends. Dort hat das ein feinen guten Sinn, denn man wird durch die Schätzung in eine bestimmte Steuerklasse gesetzt, und daran hängt die Verpflichtung, eine bestimmte Steuer zu bezahlen. Hat man gar kein Gefühl mehr für die Bedeutung eines Wortes, daß man solchen Unsinn sagt, wie hohe Einschätzung der Kunst?

Einsetzen. Seit ein bis zwei Jahren großartiges Modewort für anfangen und beginnen, und zugleich $Seite 365$ eins der schlagendsten Beispiele von der Gedankenlosigkeit, mit der solche Wörter nachgeplärrt werden. Das Wort ist von den Musikschreibern in die Mode gebracht worden. In einer Fuge setzen die einzelnen Stimmen hintereinander ein, jede Stimme nämlich in das, was die vorhergehende schon singt. Das hat guten Sinn; hier ist einsetzen dasselbe wie anfangen. Aber die erste Stimme — setzt die auch ein? Nein, die beginnt oder fängt an, denn sie ist eben die erste. Und das ist nun der Blödsinn, und diesen Blödsinn haben die Musikschreiber selbst aufgebracht, daß einsetzen als Modewort ausschließlich für das wirkliche anfangen oder beginnen gebraucht wird. Bücher und Zeitungen wimmeln seit kurzem von Beispielen: die Untersuchungen über die Grenzen der Instrumentalmusik setzen erst nach Beethoven ein — Paul Krügers Memoiren setzen mit seiner Jugend ein — die Scheidung der Mundarten hat bereits im sechzehnten Jahrhundert eingesetzt — groß und vielversprechend setzt Klingers Schaffen ein — die aufbewahrten Schreiben von Freytags Hand setzen mit dem Jahre 1854 ein — der wirtschaftliche Niedergang setzte im Jahre 1901 ein — die heutige Verhandlung setzte mit einem Briefe Schmidts an Exner ein — im Frühjahr setzt regelmäßig eine stärkere Bautätigkeit ein — auch für die diesjährige Saison haben die Fabrikanten mit billigen Preisen eingesetzt — die Mode, bei Abendgesellschaften farbige Schuhe zu tragen, hat schon eingesetzt — hier hört der Historiker auf, und der Theolog setzt ein. Das ist die Ernte von wenig Tagen!

Entgegennehmen. Spreizwort für annehmen. Anfangs nahm bloß der Kaiser das Beglaubigungsschreiben des Botschafters eines auswärtigen Souveräns entgegen. Jetzt werden auch Geldbeiträge für öffentliche Sammlungen, Blumenspenden für Begräbnisse, Anmeldungen neuer Schüler, Inserate für die nächste Nummer, Bestellungen auf das nächste Quartal nur noch entgegengenommen. Sogar die Kürschnergesellen nehmen ihren Jahresbericht entgegen.

Erhellen. Intransitiv, für hervorgehen, sich ergeben: aus vorstehendem erhellt — aus dem $Seite 366$ Jahresbericht der Fabrikinspektoren erhellt — schon aus diesem flüchtigen Überblick dürfte die Bedeutung des Museums erhellen. Vereinzelt schon im achtzehnten Jahrhundert so gebraucht, jetzt Modewort.

Erübrigen und sich erübrigen. Ein schlagendes Beispiel dafür, welche Verwirrung durch überflüssige und halbverstandne Neubildungen angerichtet werden kann. Erübrigen war bisher ein transitives Zeitwort und bedeutete so viel wie sparen, zurücklegen: ich habe mir schon ein hübsches Sümmchen erübrigt. Das hat man neuerdings angefangen intransitiv zu gebrauchen in dem Sinne von übrig bleiben: es erübrigt noch, allen denen meinen Dank auszusprechen — es erübrigt nur noch, besonders darauf hinzuweisen usw. Andre aber, die das Wort wohl hatten klingen hören, aber nicht auf den Zusammenhang geachtet hatten, fingen gleichzeitig an, es in dem Sinne von überflüssig sein zu gebrauchen: auf die ganze Tagesordnung erübrigt es heute einzugehen — hier erübrigt jedes weitere Wort — es erübrigt für mich jede weitere Bemerkung — ein ausdrücklicher Verzicht erübrigt von selbst. Noch andre endlich machten das Wort in der zweiten Anwendung zum Reflexiv und schrieben: die Ratschläge, deren Wiedergabe sich erübrigt — alle weitern Schritte erübrigen sich hierdurch — es erübrigt sich wohl, noch besonders darauf hinzuweisen — auf diese Kindereien einzugehen erübrigt sich — von der Kunst der Schlierseer nochmals zu reden erübrigt sich wohl. In solchen Quatsch gerät man, wenn man vor lauter Modenarrheit zwei guten, deutlichen Ausdrücken wie übrig bleiben und überflüssig sein aus dem Wege geht.

Erzielen. Ausschließlicher Ersatz für erreichen. Erreicht wird gar nichts mehr; Nutzen, Gewinn, Vorteil, Ergebnisse, Erfolge, Resultate, alles wird erzielt.

Führen. Für vorangehen, Bahn brechen. Führende Geister — führende deutsche Chirurgen usw.

Gestatten. Feiner Ersatz für erlauben, das ganz ins alte Eisen geworfen ist. Hat aber seine Laufbahn ziemlich rasch zurückgelegt. Auch der Handlanger sagt schon, ehe er einem auf die Füße tritt: Gestatten! so $Seite 367$ gut wie er schon die Zigarette vornehm nachlässig zwischen den Lippen hängen hat. Wo bleibt nun die Feinheit?

Im Gefolge haben. Modephrase für: zur Folge haben. Früher hatte nur ein Fürst ein Gefolge; jetzt heißt es: die Not hat Unzufriedenheit im Gefolge — Reformen, die die Schmälerung des Profits im Gefolge haben könnten — anarchistische Bestrebungen, die reaktionäre Maßregeln im Gefolge haben.

Rechnung tragen. Beliebte Phrase des Kanzleistils; bequemer Ersatz für alle möglichen Zeitwörter, auf die man zu faul ist sich zu besinnen: wir sind bemüht, diesen Beschwerden Rechnung zu tragen (abzuhelfen!) — Ihrem Wunsche, den Gebrauch der Fremdwörter einzuschränken, werden wir gern Rechnung tragen (ihn erfüllen!) — es muß auch den später eintreffenden Einkäufern Rechnung getragen werden (auf sie Rücksicht genommen!) — dieser Auffassung haben wir auch Rechnung getragen (sie betätigt!) — wie wenig die Verwaltung diesem Grundsatz Rechnung getragen hat (gefolgt ist) usw.

Schreiten, beschreiten, verschreiten. Für gehen oder sich wenden. Man schreitet oder noch lieber: man verschreitet zur Abstimmung, zur Veröffentlichung, zur Operation, sogar zum Aufgießen des Tees. Fürsten gehen nie, sie schreiten immer: der Kaiser schritt zunächst durch die Sammlung der Musikinstrumente. Aber auch: die Maori schreiten unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen — immer mit gehobnen und gestreckten Beinen, wie die Rekruten auf dem Drillplatze.

Tragen. Feierlicher Ersatz für bringen: wir tragen dem Kaiser Liebe und Vertrauen entgegen. Daß man einem etwas nur in den Händen oder auf dem Präsentierteller entgegentragen kann, in seinem Innern aber nur entgegenbringen, wird ganz vergessen. Ganz besonders aber ist getragen sein jetzt beliebtes Spreizwort für erfüllt sein: von künstlerischer Überzeugung getragen — von patriotischer Wärme getragen — von religiöser Gläubigkeit getragen — von wissenschaftlichem Ernst getragen — von düsterm Pessimismus getragen — eine von hoher Begeisterung $Seite 368$ getragene Rede — eine von froher Geselligkeit getragene Veranstaltung — die geräuschlose, von warmer Fürsorge für die Jugend getragene Arbeit — die Tendenz der Schrift ist von hohen Idealen getragen — der Kommers nahm einen von echt studentischem Geiste getragenen Verlauf usw. Man muß immer an einen Luftballon denken.

Treten. Ebenso beliebt wie schreiten. Einer Frage wird näher getreten, das Ministerium ist zu einer Beratung zusammengetreten, und besonders gern wird in etwas eingetreten: Arbeiter treten in einen Streik, sogar in einen Ausstand ein, eine Versammlung tritt in eine Verhandlung ein, der Reichskanzler ist in ernstliche Erwägungen eingetreten, und Gelehrte schreiben: ich will auf dieses Gebiet hier nicht näher eintreten — ich mag hier nicht in den Streit über die Bedeutung Hamerlings eintreten. Das schönste aber ist: in die Erscheinung treten (statt erscheinen oder zur Erscheinung kommen): es ist bei dieser Gelegenheit scharf (!) in die Erscheinung getreten (es hat sich deutlich gezeigt) — dabei tritt das Gesetz in die Erscheinung (dabei kann man beobachten) — es zeigten sich Krankheitssymptome, die immer intensiver in die Erscheinung traten — der Zustand der Herzschwäche trat vermindert in die Erscheinung — es handelt sich um eine Krankheit des modernen Lebens, die hier in besonders krasser Weise in die Erscheinung tritt — Unregelmäßigkeiten treten um so mehr in die Erscheinung, je kleiner das Beobachtungsfeld ist — wie gering sind die Aussichten, daß ein Kunstwerk in der Seele des Lesers rein in die Erscheinung tritt — der neue Spielplan wird zu Neujahr in die Erscheinung treten. Wie vornehm glauben sich die Leute mit diesem ewigen Getrete auszudrücken, und — wie albern ist es!

Vertrauen. Mit nachfolgendem Objektsatz (!), statt glauben, hoffen, überzeugt sein: das Ministerium vertraut, daß der eingerissene Mißbrauch bald wieder abgestellt sein wird — die Leser können vertrauen, daß wir bei der Feststellung des Textes die größte Vorsicht haben walten lassen.

$Seite 369$ Vorbestrafen. Lieblingswort aller Polizeireporter und aller Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen: ein schon zehnmal vorbestrafter Kellner — ein schon fünfzehnmal vorbestrafter Riemergeselle — ein schon vielfach, sogar mit Zuchthaus, vorbestraftes Subjekt. Als ob nicht bestraft genügte! Müssen denn nicht, wenn einer „schon" oft bestraft worden ist, diese Strafen vor der liegen, die ihn jetzt erwartet? Der Unsinn ist aber nicht auszurotten. Vielleicht schreibt man nächstens auch noch: eine bisher noch unvorbestrafte Verkäuferin.

Voraufgehen. Zier- und Spreizwort für vorhergehen oder vorausgehen: die der deutschen Gewerbeordnung voraufgegangne preußische Gewerbeordnung.

Vorsehen als transitives Zeitwort: etwas vorsehen. Binnen wenigen Jahren mit ungeheurer Schnelligkeit in der Kanzleisprache verbreitet, für denkfaule Leute wieder ein bequemer Ersatz für alle möglichen Zeitwörter. Auf dem Gymnasium wird man im lateinischen Unterricht ermahnt, providere ja nicht mit vorsehen zu übersetzen, es sei das ein gemeiner Latinismus; gut übersetzt heiße es: für etwas sorgen, Fürsorge oder Vorsorge treffen, etwas vorbereiten. Dieser „gemeine Latinismus" ist der neueste Stolz der Kanzleisprache: Sache der Übungsbücher ist es, eine geordnete Folge von Übungen vorzusehen — zur Erhöhung der Beamtengehalte sind für das Jahr 1904 keine Mittel vorgesehen — die Erstaufführung (!) ist für die Saison 1903 am Leipziger Stadttheater vorgesehen — als Verbindung zwischen beiden Straßen ist eine Allee vorgesehen — für den Speisesaal ist Rokoko vorgesehen — die zu einer Ferienreise vorgesehenen Ersparnisse der Schulkinder — das Richtfest der hiesigen Kirche ist auf Sonnabend den 5. November vorgesehen — für den Besuch Sr. Majestät in der Handelsschule ist folgendes Programm vorgesehen — unter den Festlichkeiten ist auch ein Fackelzug vorgesehen — für schlechtes Wetter sind Paletots vorgesehen. Also sorgen, beabsichtigen, an etwas denken, planen, $Seite 370$ bestimmen, festsetzen — alles wird mit diesem aus reiner Dummheit dem Lateinischen nachgeäfften vorsehen ausgedrückt!

In die Wege leiten. Herrliche neue Modephrase der Amts- und Zeitungssprache für — ja, wofür? Eigentlich für gar nichts. Anstatt einfach zu sagen: es wurde eine starke Seemacht geschaffen — er hat mancherlei Technisches unternommen — die Veranstaltung wird schon jetzt vorbereitet — heißt es: die Schaffung einer starken Seemacht wurde in die Wege geleitet — er hat mancherlei technische Unternehmungen in die Wege geleitet — die Vorbereitungen zu der Veranstaltung werden bereits jetzt in die Wege geleitet.

Werten und bewerten. Beliebte neue Spreizwörter für schätzen: diese Funde werden natürlich von der Wissenschaft zunächst um ihrer selbst willen gewertet werden. Sogar: der Gewinn, der aus dieser Veröffentlichung hervorgehen wird, bewertet sich hoch. Greulicher Schwulst! (Vgl. einschätzen.)

Zerfallen (in). Modewort für bestehen (aus): das deutsche Heer zerfällt in zwanzig Korps, die Mathematik zerfällt in Arithmetik und Geometrie, Luthers Katechismus zerfällt in fünf Hauptstücke, eine Predigt zerfällt in drei Teile, eine Giebelgruppe zerfällt in zwei Hälften, sogar eine Blume zerfällt in Wurzel, Stengel und Blüte.

Zubilligen. Für bewilligen oder zugestehen: den Arbeitern wurde eine Unterredung zugebilligt — jeder höhern Lehranstalt sind für Bibliothekzwecke jährlich tausend Mark zugebilligt — die Hinterbliebenen haben mir das Recht der Veröffentlichung zugebilligt.

Zukommen, auf etwas. Beliebtes ganz neues Ersatzwort des sächsischen Kanzleistils für alles mögliche, für an etwas denken, etwas ins Auge fassen, etwas beschließen, sich zu etwas entschließen, sich auf etwas einlassen; wenn man auf die Ausführung dieses Gedankens zukommen wollte, so wäre jetzt der geeignete Augenblick — es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auf einen Aufbau der Türme zuzukommen sei.

$Seite 371$ Bislang. Für bisher. Provinzialismus aus Hannover, nach 1866 stark verbreitet, heute ziemlich vergessen.

Da und dort. Modeverbindung für hie und da: unter den technischen Schwierigkeiten klingt doch da und dort ein tieferer musikalischer Sinn heraus.

Erstmals. Neues Spreizwort für zuerst oder zum erstenmal: eine Fülle von Material ist in diesem Buche erstmals erschlossen. (Vgl. erstmalig S. 389.)

Hoch. Einzig gebräuchliches Adverb zur Begriffssteigerung folgender Adjektiva: fein, elegant, modern, herrschaftlich, gebildet, gelehrt, verdient, bedeutend, bedeutsam, wichtig, ernst, feierlich, tragisch, komisch, romantisch, poetisch, interessant, erfreulich, befriedigend, willkommen, achtbar, adlig, konservativ, kirchlich, offiziell. Das wird genügen.

Indessen. Beliebtes Spreizwort für aber, doch, jedoch: bei näherer Prüfung indessen stellt sich R. als interessante Persönlichkeit dar — heute wurden hier starke Erdstöße verspürt, die indessen keinen Schaden anrichteten.

In erster Linie. Anstatt: vor allem. Sehr beliebt.

Nahezu. Modewort für fast oder beinahe.

Naturgemäß. Aus Berlin (naturjemäß). Hat sich mit lächerlicher Schnelligkeit an die Stelle von natürlich (d. h. selbstverständlich) gedrängt, sodaß man sich, wenn es einmal in seiner wirklichen Bedeutung erscheint (die soziale Bewegung ist naturgemäß erwachsen), erst förmlich besinnen muß, daß es ja diese Bedeutung auch noch haben kann. Sonst heißt es nur noch: wir beginnen naturgemäß mit den preisgekrönten Entwürfen — naturgemäß ist die Studentenzeit zum Lernen bestimmt — die Wiedergabe durch Lichtdruck läßt naturgemäß manches unklar — die Sorge beginnt naturgemäß gleich bei der Aufnahme der Lehrlinge — naturgemäß konnte die Stadtbahn nicht durch den glänzendsten Teil der Hauptstadt gelegt werden — die Unbilligkeit verstärkt sich naturgemäß mit jedem Jahre usw. Man redet aber auch schon von einer vernunftgemäßen (!) Auswahl der Schreibfeder, statt von einer vernünftigen.

$Seite 372$ Rund. Dem Englischen nachgeäfft. Wird jetzt vor alle Zahlen gesetzt, die, wie stets der Zusammenhang zeigt, selbstverständlich nur runde Zahlen sein können und sollen: der Kandidat der Ordnungsparteien erhielt rund 3200 Stimmen gegen rund 360 Stimmen der Sozialdemokraten — der Ertrag der Sammlung bezifferte (!) sich auf rund 5000 Mark. Ohne rund bekommt man eine Zahl mit Nullen am Ende kaum mehr zu sehen.

Selbstredend. Für selbstverständlich. Lieblingswort der Wein- und Zigarrenreisenden, Ladendiener, Friseure und Kellner. In andre Kreise hat es wohl niemals Eingang gefunden. Muß übrigens, wenn es wirken soll, falsch betont werden: selbstrédend (wie tatsächlich, wunderbár, ekelháft, tadellós).

Selten. Sehr beliebtes Adverb zur Steigerung von Eigenschaftswörtern (in dem Sinne von: in seltnem Grade), z. B.: ein Mädchen von selten gutem Charakter — eine selten günstige Kapitalanlage — das Publikum verhielt sich selten kühl — dieser Weizen gedeiht auf leichtem Boden und liefert selten hohe Erträge — die Inhaber dieser Bauernhöfe sind selten fleißige und tüchtige Wirte usw. Nur schade, daß selten eben vor allen Dingen selten bedeutet, und nicht in seltenem Grade, und daß infolgedessen stets das Gegenteil von dem herauskommt, was die Leute sagen wollen. Darüber ist denn auch schon viel gespottet worden, soviel, daß endlich doch dem Harmlosesten ein Licht aufgehen müßte.//* Der neueste Aufputz von Adjektiven ist bekannt und allbekannt: der Schnittwarenhändler preist seine Stoffe in bekannt vorzüglichen Qualitäten, der Kleiderhändler seine Jacken in bekannt guten Paßformen (!) an, und Vereine für Fremdenverkehr rühmen die bekannt oder allbekannt gesunde Lage ihrer Städte.//

Unentwegt. Lächerlicher schweizerischer Provinzialismus, für fest, beharrlich. Hat seine Rolle ziemlich ausgespielt.

Vielmehr. Ausschließlicher Ersatz für sondern: diese Preisbewegung ist nicht bloß dem Getreide eigentümlich, sie stimmt vielmehr mit den übrigen Ackerbauerzeugnissen überein — der Leser wird nicht mit einem $Seite 373$ Ballast von Erläuterungen überschüttet, vielmehr halten die Anmerkungen das rechte Maß ein.

Voll und ganz. Modephrase ersten Ranges, die aber ihren Weg wohl bald „voll und ganz" zurückgelegt haben wird.//* Die früheste Anwendung von voll und ganz, freilich in gehaltvollerm Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3):

Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern Dienst

Für eine Weile: meines Herzens Summe

Bleibt dein hier voll und ganz.

(The strong necessity of time commands

Our services a while; but my full heart

Remains in use with you.)

Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht," worin er den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind,

Nein, groß und fertig, voll und ganz

Entsteig’ er unsern Dämmerungen

schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der Unterhaltung mit ihm jemand voll und ganz gebraucht habe, ausgerufen: „Voll und ganz! Hm hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase, nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es gibt, trotz seiner Fülle!"// Sehr beliebt ist es jetzt, voll allein zu gebrauchen (für ganz oder vollständig): dieser Auffassung kann ich voll beipflichten — überall deckt der Ausdruck voll den Gedanken — um die Tiefe seiner Auffassung voll zu würdigen — Künstler, die diese Bedingung voll erfüllen können — die deutschen Gemälde hielten den Vergleich mit den französischen voll aus usw. Auch Zusammensetzungen mit Voll als Bestimmungswort schießen wie Pilze aus der Erde: Vollbild, Vollmilch, Vollgymnasium, sogar vollinhaltlich: ich kann das vollinhaltlich bestätigen — er lebte das Leben der Gefangnen vollinhaltlich mit.

Vorab und vornehmlich. Beide gleich beliebter Ersatz für besonders, namentlich und hauptsächlich. Das sechzehnte, vorab das siebzehnte Jahrhundert — Briefe Wielands, vornehmlich an Sophie La Roche. (Vgl. vornehm S. 362.)

Weitaus. Modezusatz zum Superlativ: weitaus der beste — in weitaus den meisten Fällen.

$Seite 374$ Außer solchen allgemein gebräuchlichen Modewörtern und Modephrasen gibt es aber noch eine Masse andrer, die auf einzelne Kreise beschränkt sind. In der Sprache der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber, wohin man blickt: Mode, nichts als Mode. Kaufleute reden nicht mehr von Preisen, sondern nur noch von Preislagen, an die Stelle der frühern Sorten sind die Qualitäten, die Marken und die Genres getreten. Vor etlichen Jahren fiel es einem Schneider in Leipzig ein, über seine Ladentür statt Schneidermeister zu schreiben: Herrenmoden. Das war natürlich fürchterlicher Unsinn, denn ein Schneider ist keine Mode und fertigt auch keine Moden, sondern Kleider. Als das aber die andern Schneider gesehen hatten, da kam für die Fimenschreiber gute Zeit. Sämtliche Schneider ließen ihre Schilder ändern, und heute gibt es in ganz Leipzig keinen Schneidermeister mehr. Der kleinste Flickschneider im Hinterhause vier Treppen hoch hat vorn an der Haustür sein Schildchen prangen: Wilhelm Benedix, Herrenmoden! Vor etlichen Jahren fiel es auch einmal einem Bierwirt in Leipzig ein, von einem Militärkonzert anzukündigen, daß es unter persönlicher Leitung des Herrn Musikdirektors X stattfinden würde — als ob in andre Wirtschaften der Herr Musikdirektor seinen Stiefelputzer schickte. Große Aufregung unter den Bierwirten! Binnen vier Wochen fanden alle Konzerte unter persönlicher Leitung statt. Aus nichts als Modewörtern und Modephrasen ist die Sprache der Reporter zusammengesetzt. Da ist eine Gesellschaft stets illustre (wenigstens in Leipzig), ein Kapellmeister stets genial, ein Geschenk stets sinnig, Orgelspiel stets weihevoll. Wird irgendwo ein Vortrag gehalten, so wird er von musikalischen und gesanglichen Darbietungen umrahmt: von einer Festlichkeit wird stets versichert, sie habe einen würdigen (!) Verlauf genommen. Ein Revolverschuß wird stets abgegeben, eine Kugel schießt man sich niemals zum Vergnügen, sondern immer in selbstmörderischer Absicht in den Kopf, und Lorbeerkränze werden stets irgendwo niedergelegt. Leichen von Verunglückten werden geborgen, und wenn sie im $Seite 375$ Wasser gelegen haben, so werden sie geländet; wird aber einer glücklich noch lebend aus dem Wasser gezogen, so wird er dem nassen Element entrissen. Kommt ein Fürst zu Besuch, so steigt er nicht aus dem Wagen, sondern er entsteigt dem Waggon und schreitet dann, und zwar stets elastischen Schrittes, die Front der Ehrenkompagnie ab. Man begreift nicht, warum nicht die Zeitungen für gewisse besonders oft wiederkehrende wichtige Ereignisse, wie die Ankunft eines Fürsten, die Eröffnung einer Ausstellung, die Enthüllung eines Denkmals, das Jubiläum eines Geschäfts, das Begräbnis eines Kommerzienrats und dergleichen, für ihre Berichterstatter Formulare drucken lassen, worin sie dann bloß Tag, Stunde und Namen auszufüllen hätten.

Eine feine Nase für Modewörter hat gewöhnlich der Student. Die Studentensprache wimmelt von Modewörtern; sowie ein neues aufkommt, wird es ihr sofort „einverleibt." Aber der Student spricht sie fast alle mit Gänsefüßchen, er macht sich lustig über sie, während er sie gebraucht. Die Sache hat nur nicht bloß eine lustige, sie hat auch eine sehr ernste Seite. Wenn die Zahl der Modewörter zunimmt, so ist das immer ein Zeichen, daß das Denken abnimmt. Die Modewörter sind das wert- und gehaltloseste Sprachgut, das es gibt; sie sind die messingnen Zahlpfennige der Sprache. Wer sie mitgebraucht, verrät sich stets als geistesarmen Menschen.


Zweifelsfall

Lexikalische Konkurrenzen

Beispiel
Bezugsinstanz Jugendsprache, Neu, alt, Sprachverlauf, Ungebildete, Literatursprache, Redewendung/Sprichwort, Fachsprache, Goethe - Johann Wolfgang, gegenwärtig, Sprachverlauf, Schriftsprache, Zeitungssprache, Fachsprache (Rechtswissenschaft), Sprache der Kunst, Behördensprache, Fachsprache (Musik), Fachsprache (Medizin), Schriftsprache, 18. Jahrhundert, Redewendung/Sprichwort, Sprache der Politik, Fachsprache (Technik), Sprachverlauf, Sachsen, Hannover, Berlin, Geschäftssprache, Gastronomie, Schweiz, Tieck - Ludwig, Shakespeare - William, 19. Jahrhundert, Dingelstedt - Franz von, Keller - Gottfried, Leipzig, Studentensprache
Bewertung

aufs unsinnigste mißbrauchtes Wort, heruntergekommen, entwertet, jammerschade, herrlich, in wunderlicher Weise, bloßer Schwulst, kläglich, feig verhüllender Ausdruck, abgewirtschaftet, verfehlt gebildet, wunderliche Verirrung, widerwärtig weichlich, Abgeschmacktheit, schauderhaft gespreizt, alberner Sprachschwulst, Gedankenlosigkeit, Blödsinn, Quatsch, feierlicher Ersatz, albern, herrliche neue Modephrase, greulicher Schwulst, nachgeäfft, lächerlich, schießen wie Pilze aus der Erde

Intertextueller Bezug