Noch ein falscher Plural im Prädikat

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 97 - 98
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Kongruenz: Numerus

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache
Text

Ein Prädikat, das sich auf zwei oder mehr Subjekte bezieht, muß selbstverständlich im Plural stehen, wenn die Subjekte zu einer Gruppe zusammengefaßt werden. Das geschieht aber immer, wenn sie durch das Bindewort und verbunden sind. Dagegen werden die Subjekte niemals zu einer Gruppe vereinigt, wenn sie mit trennenden (disjunktiven) oder gegenüberstellenden Bindewörtern verbunden werden — eigentlich ein Widerspruch, aber doch nur ein scheinbarer, denn die Verbindung ist etwas äußerliches, rein syntaktisches, die Gegenüberstellung ist etwas innerliches, logisches. Zu diesen Bindewörtern (zum Teil eigentlich mehr Adverbien) gehören: oder, teils — teils, weder — noch, wie, sowie, sowohl — wie, sowohl — als auch. Es ist eins der unverkennbarsten Zeichen der zunehmenden Unklarheit des Denkens, daß in solchen Fällen das Prädikat jetzt immer öfter in den Plural gesetzt wird. Verhältnismäßig selten liest man ja so unsinnige Sätze wie: wenn ein schwacher Vater oder eine schwache Mutter der Schule ein Schnippchen schlagen (schlägt!) — es ist sehr fraglich, ob ein roher, trunksüchtiger Mann oder eine böse, schlecht wirtschaftende Frau im Hause mehr Schaden anrichten (anrichtet!) — so war es teils die Willkür des Geschmacks, teils die Willkür des Zufalls, die zu entscheiden hatten (hatte!) — oder gar: sein Milieu, wenn nicht etwas andres in ihm, erhalten (erhält!) ihn unparteiisch und nüchtern. Aber schon etwas ganz alltägliches ist der Fehler bei weder — noch: wenn weder der Beklagte noch er selbst sich stellen — während doch sonst weder Tinte noch Papier gespart werden — da weder der Vater noch die Mutter des Jungen mit uns das geringste zu tun haben — weder die Gräfin noch ihr Bruder verfüge' über ein größeres Vermögen — weder Boccaccio noch Lafontaine haben solche Abweichungen geduldet — weder Preußen noch das junge Reich waren stark genug, das Zentrum zu überwinden. Am häufigsten wird der Fehler bei wie, sowie und den verwandten $Seite 98$ Verbindungen begangen: die vornehme Salondame wie die schlichte Hausfrau stellen an Dienstboten oft unerhörte Anforderungen — der Verfasser zeigt, wie sich von da an das Heer wie das Reich immer mehr barbarisierten — da der Rationalismus den Grundzug dieser Religion bildet, so ist es klar, daß ihr der Gebildete wie der Ungebildete in gleicher Weise anhängen — die Ausbildung der städtischen Verfassung wie die Entwicklung der Fürstentümer zwangen zur Vermehrung der Beamten — der höchste Gerichtshof sowie der Rechnungshof des Reichs befinden sich nicht in der Reichshauptstadt — Frankreich sowohl wie Deutschland entwickeln sich sozialistisch — Custine sowohl wie die französische Regierung waren hinlänglich davon unterrichtet — sowohl der romantische als der realistische Meister hatten der Entwicklung eine breite Bahn geöffnet — sowohl der Wortschatz als auch die Formenlehre haben im Verlaufe von hundert Jahren merkliche Veränderungen erfahren — die freundlichen Worte, die sowohl der Vizepräsident an mich, als auch der Herr Ministerpräsident an die Direktoren gerichtet haben. In allen diesen Sätzen kann gar kein Zweifel sein, daß nur von einem Singular etwas ausgesagt wird. Dieser Singular wird einem andern Singular gleichgestellt, von dem dieselbe Aussage gilt. Aber daduch wird doch aus den beiden Singularen noch kein Plural. Wer das Prädikat in den Plural setzen will, muß eben die Subjekte durch und verbinden, nicht durch wie.


Zweifelsfall

Kongruenz: Numerus

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache
Bewertung

unsinnig

Intertextueller Bezug