Reformer und Protestler

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 65 - 66
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Unsicherheit
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Erstaunlich ist die Fülle und Mannigfaltigkeit in unsrer Wortbildung, noch erstaunlicher die Sicherheit des Sprachgefühls, mit der sie doch im allgemeinen gehandhabt und durch gute und richtige Neubildungen vermehrt wird. Doch fehlt es auch hier nicht an Mißverständnissen und Verirrungen.

Im Volksmund ist es seit alter Zeit üblich, zur Bezeichnung von Männern dadurch Substantiva zu bilden, daß man an ein Substantiv, das eine Sache bezeichnet, oder an ein andres Nomen die Endung er hängt. In Leipzig sprach man im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht bloß von Barfüßern, sondern nannte auch die Insassen der beiden andern Mönchsklöster kurzweg Pauler und Thomasser, und im siebzehnten Jahrhundert die kurfürstliche Besatzung der Stadt Defensioner. Dazu kamen später die Korrektioner (die Insassen des Arbeitshauses) und die Polizeier, und in neuerer Zeit die Hundertsiebner, die Urlauber, die Sanitäter, die Eisenbahner und die Straßenbahner. Im Buchhandel spricht man von Sortimentern, in der gelehrten Welt von Naturwissenschaftern und Sprachwissenschaftern, in der Malerei von Landschaftern, und in der Politik von Reformern, Sozialreformern und — Attentätern!//* Apotheker und, was man im Volke auch hören kann, Bibliotheker ist anders entstanden, es ist verstümmelt aus apothecarius und bibliothecarius. Sprachdummheiten. 3. Aufl.// Da manche dieser Bildungen unleugbar einen niedrigen Beigeschmack haben, der den von Verbalstämmen gebildeten $Seite 66$ Substantiven auf er (Herrscher, Denker, Kämpfer) nicht anhaftet, so sollte man sich mit ihnen recht in acht nehmen. In Reformer, das man dem Engländer nachplappert, liegt unleugbar etwas Geringschätziges im Vergleich zu Reformator; unter einem Reformer denkt man sich einen Menschen, der wohl reformatorische Anwandlungen hat, es aber damit zu nichts bringt. Noch viel deutlicher liegt nun dieses Geringschätzige in den Bildungen auf ler, wie Geschmäckler, Zünftler, Tugendbündler, Temperenzler, Abstinenzler, Protestler, Radler, Sommerfrischler, Barfüßler, Zuchthäusler; deshalb ist es unbegreiflich, wie manche Leute so geschmacklos sein können, von Neusprachlern und von Naturwissenschaftlern zu reden. Eigentlich gehen ja die Bildungen auf ler auf Zeitwörter zurück, die auf eln endigen, wie bummeln, betteln, grübeln, kritteln, sticheln, nörgeln, kränkeln, hüsteln, frömmeln, tändeln, anbändeln, sich herumwörteln, näseln, schwäbeln, französeln. So sehen Neusprachler und Naturwissenschaftler die Zeitwörter neuspracheln und naturwissenschafteln voraus; das wären aber doch Tätigkeiten, hinter denen kein rechter Ernst wäre, die nur als Spielerei betrieben würden. An Künstler haben wir uns freilich ganz gewöhnt, obwohl künsteln mit seiner geringschätzigen Bedeutung daneben steht, auch an Tischler und Häusler.


Zweifelsfall

Wortbildung: Suffixkonkurrenzen bei Personenbezeichnungen

Beispiel
Bezugsinstanz 15. Jahrhundert, 16. Jahrhundert, 17. Jahrhundert, Gelehrte, Sprache des Buchhandels, Volk, Sprache der Kunst, Wissenschaftssprache, Sprache der Politik, neu, Leipzig, Sprachverlauf, alt
Bewertung

verstümmelt, niedriger Beigeschmack, geschmacklos

Intertextueller Bezug Wustmann: Sprachdummheiten. 3. Aufl