Relativsätze an Attributen

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 123 - 126
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Konkurrierende Relativpronomina

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache
Behandelter Zweifelfall:

Wiederaufnahme bei Pronomen

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache
Text

Sehr vorsichtig muß man damit sein, einen Relativsatz hinter ein Hauptwort zu stellen, das ein Attribut mit einem zweiten Hauptworte (am häufigsten als abhängigen Genitiv) bei sich hat. Jedes der beiden Hauptwörter, das erste so gut wie das zweite, kann einen $Seite 124$ Relativsatz zu sich nehmen; es kommt nur darauf an, welches von beiden den Ton hat. Beide zugleich sind nie betont, entweder hat das tragende den Ton, oder das getragne, das im Attribut steht. Welches von beiden betont ist, ergibt sich gewöhnlich sofort aus dem Zusammenhange. Nur an das betonte Hauptwort aber kann sich der Relativsatz anschließen.

Es ist also nichts einzuwenden gegen Verbindungen wie folgende: mit zehn Jahren wurde ich in die unterste Klasse der Kreuzschule aufgenommen, der ich dann acht Jahre lang als Schüler angehörte — bezeichnend ist sein Verhältnis zum Gelde, das er stets wie ein armer Mann behandelte. In diesen Fällen ist das Hauptwort des Attributs betont, der Relativsatz schließt sich also richtig an. Ob man nicht trotzdem solche Verbindungen lieber meiden sollte, namentlich wenn, wie in diesen Fällen, die beiden Hauptwörter gleiches Geschlecht haben, ist eine Frage für sich. Vorsicht ist auch hier zu empfehlen, denn ein Mißverständnis ist manchmal nicht ausgeschlossen. Unbedingt falsch dagegen ist folgender Satz: auch warne ich vor einer bravourmäßigen Auffassung der zweiten Variation, die dort gar nicht am Platze ist. Es ist nämlich von den Variationen in einer Beethovenschen Sonate die Rede; die erste Variation ist besprochen, nun kommt die zweite. Betont ist also zweite Variation. Da ist es klar, daß der Relativsatz nur heißen kann: die eine solche (nämlich eine bravourmäßige Behandlung) gar nicht verträgt.

Viel öfter kommt aber nun der umgekehrte Fehler vor: daß ein Relativsatz an das zweite Hauptwort angeschlossen wird, obwohl das erste den Ton hat. In den meisten Fällen — das ist das Natürliche in jeder logisch fortschreitenden Darstellung — wird das neu Hinzugekommne, das Unterscheidende, also das zu Betonende in dem tragenden Hauptwort liegen, nicht in dem Attribut. Wenn dann trotzdem an das Attribut ein Relativsatz gehängt wird, so entstehen so störende Verbindungen wie folgende: der Dichter dieses Weihnachtsscherzes, der vortrefflich inszeniert war — der Empfang des Fürsten, der um sieben Uhr eintraf — der Tod des trefflichen $Seite 125$ Mannes, der eine zahlreiche Familie hinterläßt — der Appetit des Kranken, der allerdings nur flüssige Nahrungsmittel zu sich nehmen darf — der linke Arm des Verschwundnen, der sich vermutlich herumtreibt — Flüchtigkeiten erklären sich aus dem körperlichen Zustande des Verfassers, dem es nicht vergönnt war, die letzte Hand an sein Werk zu legen — die folgenden Radierungen tragen schon den Namen des Künftlers, der inzwischen auch mehrere Bildnisse gemalt hatte — um den neuen Lorbeer unsers Freundes, der einen so tiefen Blick in das heutige Leben getan hat, mit Champagner zu begießen — eine Beschränkung der Korrekturlast, die wissenschaftlich gebildete Männer täglich stundenlang bei mechanischer Arbeit festhält — die Hochzeitstorte der Prinzessin Luise Viktorie, die einen Untertanen, den Herzog von Fife, heiratet — die Glanznummer der Wahrsagerin, die noch eine ziemlich junge Frau ist — nun wurde das Dach des Schlosses gerichtet, das man in wenigen Jahren zu beziehen hoffte. Bei oberflächlicher Betrachtung wird mancher meinen, das Störende in diesen Verbindungen liege nur darin, daß die beiden Hauptwörter dasselbe Geschlecht haben, und deshalb eine falsche Beziehung des Relativsatzes möglich ist. Das ist aber nicht der Fall; es sind auch solche Verbindungen nicht gut wie: das letzte Werk des russischen Erzählers, der es seiner Freundin Viardot in die Feder diktierte — die lichtvollen Ausführungen des Redners, der durch seinen Eifer für die Sache der evangelischen Vereine bekannt ist — weist nicht der Ursprung des Gewissens, das ein unveräußerliches Erbteil des Menschen ist, auf eine höhere Macht hin? Für wen der Satzbau noch etwas mehr ist als ein bloßes äußerliches Zusammenleimen, der wird auch solche Verbindungen meiden.

Oft sind solche falsch angeschlossene Relativsätze nicht bloß dynamisch anstößig (der Betonung wegen), sondern auch logisch; sie enthalten Gedanken, die gar nicht in Relativsätze gehören, beiläufige Bemerkungen, zu denen man sich das beliebte „übrigens" hinzudenken soll, oder Parenthesen, die eigentlich in Hauptsätzen stehen sollten. $Seite 126$ Da greifen nun auch hier wieder viele, um Mißverständnissen vorzubeugen, zu dem bequemen Auskunftsmittel welcher letztere und schreiben: die übermäßigen Aufgaben der Schauspieler, welch letztere an einzelnen Tagen dreimal aufzutreten haben — diese ausgezeichnete Landschaftsstudie aus dem Garten der Villa Medici, welch letztere der Künstler eine Zeit lang bewohnte — er mußte sich mit dem Anblick des Waschschwamms begnügen, welch letzterer am Fenster in der Sonne trocknete — eine größere Reihe von Abbildungen kirchlicher Gegenstände, welch letztere einst im Besitz der Michaeliskirche waren — die Freunde der zur Zeit zum Heere einberufnen Studenten, welch letztern dieser Aufruf nicht zu Gesichte kommt usw. Ein schwächliches Mittel. Eine Geschmacklosigkeit soll dazu dienen, einen Fehler zu verbergen!


Zweifelsfall

Konkurrierende Relativpronomina

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache
Bewertung

schwächliches Mittel, Geschmacklosigkeit

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Wiederaufnahme bei Pronomen

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache
Bewertung

richtig, unbedingt falsch, Fehler, nichts einzuwenden, störend

Intertextueller Bezug