Richtigstellen und klarlegen

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 383 - 385
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Lexikalische Konkurrenzen

Genannte Bezugsinstanzen: Leipzig, Zeitungssprache, Alt, Gegenwärtig, Fachsprache (Medizin), Neu, Gesprochene Sprache
Text

Höchst merkwürdig ist es, daß man gleichzeitig mit bedingen, diesem abstraktesten aller Zeitwörter, jetzt Ausdrücke mit möglichst sinnlicher, handgreiflicher Bedeutung liebt. Die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen (die Phantasie), ist zurückgegangen; alles will man sehen, alles betasten, alles mit Händen greifen. Nur so erklärt sich die außerordentliche Vorliebe für die Zusammensetzungen mit stellen und legen, die jetzt statt früherer Abstrakta Mode geworden sind. Stellen und legen — dazu braucht man keine geistige Anstrengung, das macht man mit den Händen. So wird denn jetzt niemand mehr befriedigt, sondern zufriedengestellt, nichts mehr $Seite 384$ vollendet, berichtigt, gesichert, geklärt, sondern alles wird fertig gestellt, richtiggestellt, sichergestellt, klargestellt, klargelegt, festgelegt usw. Der Nervenarzt spricht sogar von Ruhigstellung des Gehirns, statt von Beruhigung. Oder soll das Gehirn in dem Sinne ruhig gestellt werden, wie die Suppe warm und der Wein kalt gestellt wird?

Auf den ersten Blick scheint es ja, als ob sich die Wörter durch eine gewisse Anschaulichkeit empföhlen. Bei richtigstellen soll man wohl nicht an die Zeiger der Uhr denken, sondern eher an ein Bild, das falsch beleuchtet gewesen ist und nun in die richtige Beleuchtung gestellt wird, oder an Gerätschaften im Zimmer, die durcheinander geraten sind und wieder auf ihren Platz gestellt werden; ähnlich, kann man sagen, werden Tatsachen, die verschoben sind, zurechtgerückt oder ins rechte Licht gestellt. Das läßt sich hören. Aber was soll fertigstellen sein? Das Wort kann doch vernünftigerweise nichts andres bedeuten, als eine Sache so lange hin- und herrücken, so lange an ihr gleichsam herumstellen, bis sie steht. Das will man aber doch gar nicht sagen, das Wort wird einfach für fertig machen, beendigen oder vollenden gebraucht; von einem Romanmanuskript, einem Gemälde oder einem Antikenmuseum so gut wie von einem Denkmal oder einem Straßenpflaster heißt es: es ist fertiggestellt.//* Neuerdings wird das Wort sogar für anfertigen, schaffen gebraucht; er hat sich ein paar neue Stiefel fertigstellen lassen — eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühe fertigzustellen als eine Symphonie!// Ganz törichte Wörter sind klarlegen und klarstellen. Klar kann in sinnlicher Bedeutung nur von der Lust und von Flüssigkeiten gebraucht werden.//** Von festen Körpern nur in dem Sinne von zerkleinert: klarer Zucker, klares Holz.// Wie soll man die auf eine feste Unterlage legen oder stellen? Beide Wörter sind gedankenlos gebildet nach freistellen und bloßstellen, freilegen, bloßlegen und lahmlegen. Gerade diese aber können den Unterschied zeigen: wie richtig sind sie gebildet! Wie anschaulich wird gesagt: $Seite 385$ den Dom freilegen (nämlich durch Wegreißen der Nachbarhäuser), oder: einen Schaden bloßlegen — unwillkürlich denkt man an den Arzt, der Haut und Muskeln auf die Seite legt, bis der verletzte Knochen bloßliegt, oder: einen in seiner Tätigkeit lahmlegen — denn wer gelähmt ist, der ist ja zum Siegen verurteilt! Besser ist festlegen gebildet: man redet z. B. davon, daß die Ostertage festgelegt werden sollen. Bisher hatten wir nur feststellen und festsetzen, aber beides drückt doch das nicht recht aus, was man sagen will: etwas Bewegliches gleichsam aufschrauben, daß es sich nicht mehr rühren kann, etwa wie die Pfote eines Hündchens bei der Vivisektion. Gräßliches Bild! Aber man geht vielleicht nicht fehl damit, wenn man nach der Herkunft von festlegen sucht. Das Neueste ist leerstellen. Ein Leipziger Reporter schreibt: sowie die Häuser leergestellt sein werden, sollen sie zum Abbruch gebracht (!) werden. Natürlich, das gute Wort räumen ist ihm nicht eingefallen; aber er hat einmal gehört, daß Häuser leer stehen, da muß man sie doch auch leer stellen können! (frei stehen : frei stellen = leer stehen : leer stellen).


Zweifelsfall

Lexikalische Konkurrenzen

Beispiel
Bezugsinstanz Leipzig, Zeitungssprache, alt, Gegenwärtig, Fachsprache (Medizin), Neu, Gesprochene Sprache
Bewertung

merkwürdig, außerordentliche Vorliebe, törichte Wörter, gedankenlos gebildet, gräßliches Bild, richtig, anschaulich,

Intertextueller Bezug