Schwulst

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 387 - 389
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Pleonasmus

Genannte Bezugsinstanzen: Redewendung/Sprichwort, Sprachverlauf, Gesprochene Sprache
Behandelter Zweifelfall:

Lexikalische Konkurrenzen

Genannte Bezugsinstanzen: Redewendung/Sprichwort, Sprachverlauf, Gesprochene Sprache
Text

Daß die Sprachmode wie die Kleidemode auch den Schwulst liebt, ist kein Wunder. Schon die bisherigen Beispiele haben es zum Teil gezeigt, aber es gibt noch viele andre. Auch die Sprache hat ihre Reifröcke, ihre Schinkenärmel, ihre Schleppen; die Sucht, sich möglichst breit auszudrücken, geht durch unsre ganze Schriftsprache. Wo für einen Begriff zwei Wörter zur Verfügung stehen, ein kurzes und ein langes, da wird gewiß das lange vorgezogen. Man schreibt nicht sein, haben, können, kommen, geben, sehen, sondern sich befinden (z. B. in großer Verlegenheit), besitzen, vermögen (die Hälfte der Bevölkerung vermag weder zu lesen noch zu schreiben), gelangen, verleihen (Ausdruck wird immer verliehen, nicht gegeben), erblicken. Und doch, wie unpassend ist das oft! Erblicken z. B. bezeichnet ja den Augenblick, wo ich etwas zu sehen anfange (vgl. S. 345), wo mir etwas ins Auge fällt, mag ich es nun vorher gesucht haben oder nicht: eine Stunde lang hatte ich mich in dem Menschengewühl nach ihm umgesehen, endlich erblickte ich ihn. Aber: ich erblicke darin einen großen Fehler, oder: darin ist ein großer Fortschritt zu erblicken — wie jetzt immer geschrieben wird —, oder: die meisten haben sich verleiten lassen, in dem Märchen eine Verherrlichung des Freimaurertums zu erblicken — ist doch sinnwidrig, denn hier handelt sichs ja um eine dauernde Ansicht; die kann nur durch das schlichte, einfache sehen ausgedrückt werden.

Zahllos sind die Fälle, wo ein einfaches Verbum ganz unnötigerweise durch eine Redensart umschrieben $Seite 388$ wird, wie Folge leisten, Verzicht leisten, Abbitte leisten u. ähnl., oder durch eine schleppende Weiterbildung verdrängt wird. Geld wird nicht mehr eingenommen und ausgegeben, sondern nur noch vereinnahmt und verausgabt. Die Kosten einer Sache werden nicht mehr so und so hoch angeschlagen, sondern veranschlagt. Prozente werden nicht abgezogen, sondern verabzugt, Porto wird nicht ausgelegt, sondern verauslagt, und ein kluger, aufgeweckter Junge heißt nicht mehr glücklich angelegt, sondern beanlagt oder veranlagt. Lauter fürchterliche Wörter — aus dem Zeitwort erst ein Hauptwort gebildet, und aus dem Hauptwort dann wieder ein Zeitwort! Freilich sind sie nicht schlimmer als beauftragt, beaufsichtigt (vgl. Aufseher), beansprucht (statt angesprochen), bevorzugt (statt vorgezogen), beeinflußt, bewerkstelligt (man überlege sich einmal, was Werkstelle heißt!), Wörter, an die wir uns längst gewöhnt haben, und die bei ihrem ersten Auftauchen für feinfühligere Ohren gewiß ebenso fürchterlich gewesen sind, wie für uns heute vereinnahmt und verauslagt; aber es ist doch gut, sich des Schwulstes bewußt zu werden. Auch in der Häufung der Präfixe und Präpositionen vor den Zeitwörtern können sich manche gar nicht genug tun. Da werden anlangen und betreffen beide zu anbelangen und anbetreffen verlängert, man lebt sich in einen Gedanken hinein (statt ein), man führt ein Musikwerk mit Hinweglassung des Chors auf (statt: ohne Chor), man weilt vier Jahre hindurch im Auslande (statt: vier Jahre), vor allen Dingen aber bildet sich nichts mehr aus, sondern alles bildet sich heraus: schon lange vor Einführung der Buchdruckerkunst hatte sich bei der Kirche die Sitte herausgebildet usw. Woherrraus denn? Der Ausdruck hat etwas so Gewaltsames, daß man die Sitte wie aus einem Krater hervorbrodeln sieht. Am Ende werden noch Trinksprüche hinausgebracht und einem ein paar Hiebe hinaufgezählt. Und welcher Schwulst, wenn jedes auch durch ebenfalls oder gleichfalls, jedes viel durch zahlreich, jedes oft durch häufig, $Seite 389$ jedes nur durch lediglich, jedes viel vor dem Komparativ (viel weniger) durch bedeutend, unvergleichlich, unverhältnismäßig oder womöglich gar unendlich ersetzt, jedes sehr und mehr umschrieben wird durch: in hohem Grade, in ausgedehntem Maße, in höherm Grade, in erhöhtem Maße, jedes so durch: auf diese Art und Weise, oder wenn jemand Bericht erstattet nicht als Rektor oder Vorsitzender, sondern in seiner Eigenschaft als Rektor, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender, wenn schwere Bedenken oder Vorwürfe zu schwerwiegenden Bedenken und Vorwürfen, eine erste Aufführung und eine erste Einrichtung zu erstmaligen gemacht werden (die erstmalige Zusammenkunft der deutschen Architekten fand 1842 in Leipzig statt),//* Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: die zweitmalige, drittmalige usw.?// oder wenn immer von Vorahnung, Voranschlag, Vorbedingung, Rückerinnerung, Beihilfe, Herabminderung geredet wird, als ob man Bedingungen auch hinterher stellen, sich an ein Erlebnis auch voraus erinnern oder einen Aufwand hinaufmindern könnte! Wie der Schwulst zunimmt, mag folgendes Beispiel zeigen: der Fall ist sehr verwickelt — der Fall liegt sehr verwickelt — der Fall ist sehr verwickelt gelagert — die Lagerung des Falls ist sehr verwickelt — die Lagerung des Falls ist eine sehr verwickelte. Weiter gehts nicht.


Zweifelsfall

Lexikalische Konkurrenzen

Beispiel
Bezugsinstanz Redewendung/Sprichwort, Sprachverlauf, Gesprochene Sprache
Bewertung

unpassend, Frequenz/immer, sinnwidrig, ganz unnötigerweise, lauter fürchterliche Wörter, fürchterlich, Gewaltsames

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Pleonasmus

Beispiel
Bezugsinstanz Redewendung/Sprichwort, Sprachverlauf, Gesprochene Sprache
Bewertung
Intertextueller Bezug