Seitens

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 403 - 407
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Präpositional gebrauchte Substantive, Adverbien und Adjektive

Genannte Bezugsinstanzen: Zeitungssprache, Schriftsprache, Gegenwärtig, Behördensprache
Behandelter Zweifelfall:

Wortbildung: Adverbien auf -s

Genannte Bezugsinstanzen: 19. Jahrhundert, Behördensprache, Zeitungssprache, Sprachverlauf, Gegenwärtig, Süddeutsch, Österreich, Schriftsprache
Text

Der größte Greuel aber auf dem Gebiete unsers ganzen heutigen Präpositionenschwulstes ist wohl das Wort seitens; es ist zu einer wahren Krankheit am Leibe unsrer Sprache geworden.

Zunächst ist es schon eine garstige Bildung. In den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieben die Beamten und Zeitungschreiber beim passiven Verbum mit Vorliebe von Seiten statt des einfachen von (ebenso auf Seiten statt bei). Das war natürlich unnötiger Schwulst, aber es war doch wenigstens richtig, ja man konnte sich sogar über den schwachen Dativ Seiten freuen, den sich heute niemand mehr zu bilden getrauen würde. Mit der Zeit wurde aber doch selbst den Kanzlei- und Zeitungsmenschen dieses ewige von Seiten zu viel. Statt nun das einzig vernünftige zu tun und wieder zu dem einfachen von zurückzukehren, ließ man das von weg und sagte nur noch seiten. Aber das dauerte auch nicht lange. Kaum war die Neubildung fertig, so wurde sie einer abermaligen Umbildung unterzogen, man hängte gedankenlos, verführt durch Genitive wie behufs, betreffs, ein unorganisches s an den schwachen Dativ,//* Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man denke an vollends, bereits, öfters, nirgends, zusehends, durchgehends, allerdings, schlechterdings (um 1700 noch aller Dinge, schlechter Dinge), "neuerdings" auch folgends. Bei den meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das unorganische des s, höchstens noch bei öfters. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir das häßliche süddeutsche und österreichische weiters und durchwegs hören!// und so entstand nun dieses Jammerbild einer Präposition, das heute das Leib- und Lieblingswort unsrer gesamten Amts- und Zeitungssprache ist. So wie man eine Zeitung in die Hand nimmt, das erste Wort, das einem in die Augen fällt, ist: seitens. Die kleinen Pfennignotizen der Lokalreporter fangen gewöhnlich gleich damit an; wenn nicht, dann stehts gewiß auf der zweiten oder dritten Zeile. Da es die Zeitungssprache immer mehr verlernt, ein Ereignis im Aktivum mitzuteilen, da sie mit Vorliebe im Passivum erzählt, sodaß das Objekt $Seite 404$ zum grammatischen Subjekt und das logische Subjekt zum äußerlichen Agens wird, von beim Passiv ihr aber gänzlich unbekannt geworden ist, so kann sie tatsächlich nicht die kleinste Mitteilung mehr machen ohne seitens. Die Regierung, der Bundesrat, das Ministerium, der Magistrat, die Polizeidirektion, das Stadtverordnetenkollegium — sie alle tun nichts mehr, sondern alles wird getan, alles geschieht, erfolgt, findet statt seitens der Regierung, seitens des Bundesrats, seitens des Ministeriums, seitens des Magistrats, seitens der Polizeidirektion usw. Dem fortschrittlichen Kandidaten konnte seitens der Gegner nichts nachgesagt werden — die Maschinen können seitens der Interessenten jederzeit besichtigt werden — gegen solche Unart muß endlich einmal mit Ernst vorgegangen werden, seitens der Schule, seitens der Polizei, aber auch seitens des Publikums — es liegt darin etwas Verletzendes, auch wenn dies weder seitens des Dichters, noch seitens der Darsteller beabsichtigt sein sollte; das Stück wurde seitens des Publikums einstimmig abgelehnt — anders wird nicht mehr geschrieben. Aber auch bei aktiven Verben heißt es: zahlreiche Klagen sind seitens (!) einflußreicher Personen eingelaufen — seitens des Herrn Polizeipräsidenten ist uns nachstehende Bekanntmachung zugegangen — seitens der Kurie hat man (!) sich noch nicht schlüssig gemacht — seitens der Regierung gibt man (!) sich der bestimmten Hoffnung hin. Und hier wird seitens auch für bei gebraucht: dabei stieß er seitens des Generalgouverneurs auf große Schwierigkeiten (statt: bei dem Generalgouverneur!) — wie er denn auch vielfache Anerkennung seitens der wissenschaftlichen Welt (bei der wissenschaftlichen Welt!) gefunden hat — das Werk wird dadurch an Teilnahme und Gunst seitens der Berliner (bei den Berlinern!) nichts einbüßen. Für den garstigen Gleichklang, der entsteht, wenn hinter seitens nun immer wieder Genitive auf s kommen, für dieses unaufhörliche Gezisch hat der Papiermensch kein Ohr. Will er ja einmal abwechseln, auf das einfache, vernünftige von oder gar auf das Aktivum verfällt er gewiß nicht; dann schreibt $Seite 405$ er lieber: englischerseits, staatlicherseits, kirchlicherseits, päpstlicherseits, ministeriellerseits, landwirtschaftlicherseits, ja sogar unterrichteterseits oder: regierungsseitig, eisenbahnseitig, prinzipalseitig: die Gehilfenschaft hatte die Frage in ein Gleis gebracht, an dem sich prinzipalseitig nichts aussetzen ließ! Ein Tierarzt macht darauf aufmerksam — die Judenfeinde behaupten — wie simpel! Der Zeitungschreiber sagt: tierärztlicherseits wird darauf aufmerksam gemacht — antisemitischerseits (-˘˘-˘˘-) wird behauptet. So klingts vornehm!

Damit ist aber die Anwendung des garstigen Wortes noch nicht erschöpft. Seitens wird nicht nur mit Verben, es wird auch mit Verbalsubstantiven verbunden. Da schreibt man: die Beiträge zur Unfallversicherung seitens der Arbeitsherren — die Vorführung eines Spritzenzugs seitens des Branddirektors — die Behandlung der Frauen seitens der Männer — die Aufnahme des Gesandten seitens des Königs — die Abneigung gegen die Angestellten seitens der Einwohnerschaft — der Übergang über die Parthe seitens der Nordarmee — die allgemeine Benutzung der Lebensversicherung seitens der ärmern Klassen — ein Opfer von 3000 Mark seitens der Stadt — die Besitznahme dieses Küstengebiets seitens der Franzosen — die Unsitte des Trampelns im Theater seitens der Studenten — der schädigende Einfluß der Verletzung der Glaubenspflichten seitens eines Kirchenmitgliedes — das Dementi der Nachricht von der Audienz des Herrn H. beim Kaiser seitens der Konservativen Korrespondenz — Zeitungen wie Bücher sind voll von solchen Verbindungen! Wie soll man sie denn aber vermeiden? In allen diesen Beispielen ist doch ohne seitens gar nicht auszukommen. Nun, wie ist man denn früher ohne das Wort ausgekommen? Entweder durch vernünftige Wortstellung: die Beiträge der Arbeitsherren zur Unfallversicherung — der Übergang der Nordarmee über die Parthe — ein Opfer der Stadt von 3000 Mark; oder indem man die Präposition durch benutzte: die Behandlung der Frauen durch die Männer $Seite 406$ (was zwar auch nicht schön, aber doch erträglicher ist als seitens); oder endlich, und das ist das vernünftigste, dadurch, daß man Sätze bildete, anstatt, wie es jetzt geschieht, ganze Sätze immer in Substantiva zusammenzuquetschen. Zu einem Zeitwort kann man ein halbes Dutzend näherer Bestimmungen setzen, da hat man immer freie Bahn und kommt leicht vorwärts: sowie man aber das flüssige Zeitwort in das starre Hauptwort verwandelt, verrammelt man sich selbst den Weg, und dann werden solche Angstverbindungen fertig, wie: mit Beherrschung von Raum und Kraft seitens der Menschen wäre es zu Ende (statt: die Menschen würden Raum und Kraft nicht mehr beherrschen) — der redliche Erwerb (!) der Kleidungsstücke seitens des Angeklagten ließ sich zum Glück nachweisen (statt: daß er sie redlich erworben hatte).

Nun aber das Tollste: diese Angstverbindungen von Substantiven mit seitens sind den Leuten schon so geläufig geworden, und man ist so vernarrt in das schöne Wort, daß man es auch da anwendet, wo gar keine Nötigung dazu vorliegt, daß man geradezu den Genitiv damit umschreibt! Man sagt nicht mehr: der Besuch des Publikums, die Anregung des Vorstandes, eine Erklärung des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung eines Einzelnen, sondern: der Besuch seitens des Publikums, die Anregung seitens des Vorstandes, eine Erklärung seitens des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung seitens eines Einzelnen. Überall laufen einem jetzt solche Genitive über den Weg, man braucht nur zuzugreifen: ich wollte damit etwaigen Einreden seitens der Gegner vorbeugen — der glänzende Erfolg, den der Verfasser dem ausgezeichneten Vortrage seitens des Rezitators zu danken hat — in der deutschen Literatur haben wir ein ähnliches Beispiel einer starken Willkür seitens eines Herausgebers erlebt — er wurde die Zielscheibe vieler Angriffe seitens der Klerikalen — ein höherer Gehilfe kann nicht ohne Vertrauen seitens des Handelsherrn angestellt werden — die Frau war wegen fortgesetzter Roheiten seitens ihres Mannes ins Elternhaus zurückgekehrt — der Gesandte hatte die Stirn, $Seite 407$ zu fragen, ob man denn auch des Friedensbruchs seitens Frankreichs gewiß sei — es fehlt ihm die Anerkennung seitens der Großmächte — das Urteil klingt hart, beruht aber auf sorgfältiger Prüfung seitens eines Unbefangnen — es bedarf nur der Aufforderung seitens eines geeigneten Mannes — sie wählten diese Wohnungen, um sich gegen Überraschungen seitens ihrer Feinde zu sichern — ohne die freundliche Unterstützung seitens zahlreicher Bibliotheksverwaltungen würde es nicht gelungen sein — es trifft ihn die Verachtung seitens seiner Mitmenschen — es kostete große Anstrengungen seitens der bekümmerten Verwandten — an der Tafel fehlte es nicht an herzlichen Reden und Gegenreden seitens der Arbeiter und Prinzipale. Für einzelne dieser Beispiele scheint es ja einen Schimmer von Entschuldigung zu geben. Das Hauptwort, von dem der Genitiv abhängen würde, ist meist ein Verbalsubstantiv, und da kann der Zweifel entstehen, ob man die Handlung, die es ausdrückt, als aktiv oder als passiv auffassen soll. Der Besuch des Publikums — das könnte ja auch heißen, das Publikum sei besucht worden; der Besuch seitens des Publikums — das ist nicht mißzuverstehen, da hat das Publikum besucht. Angriffe der Klerikalen — da könnte man auch denken, die Klerikalen wären angegriffen worden; Angriffe seitens der Klerikalen — da haben sie natürlich angegriffen. Die Untersuchung des Arztes — da könnte man ja denken, der Arzt wäre untersucht worden; die Untersuchung seitens des Arztes — nun hat der Arzt untersucht. Sollte es aber wirklich Leser geben, die so beschränkt wären, dergleichen mißzuverstehen?


Zweifelsfall

Präpositional gebrauchte Substantive, Adverbien und Adjektive

Beispiel
Bezugsinstanz Zeitungssprache, Schriftsprache, Gegenwärtig, Behördensprache
Bewertung

der größte Greuel, zu einer wahren Krankheit am Leibe unsrer Sprache geworden, garstige Bildung, unnötiger Schwulst, unorganisch, häßlich, Jammerbild, garstiger Gleichklang, unaufhörliches Gezisch, vornehm, das Tollste

Intertextueller Bezug