Shakespearedramen, Röntgenstrahlen und Bismarckbeleidigungen

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 190 - 195
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Unsicherheit
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Das wäre nicht möglich? Wir haben ja den Unsinn schon! Wird nicht täglich in den Zeitungen das Auer Gasglühlicht (so!) angepriesen?

Auch Personennamen können nur dann das Bestimmungswort einer Zusammensetzung bilden, wenn der Begriff ganz äußerlich und lose zu der Person in Beziehung steht, aber nicht, wenn das Eigentum, die Herkunft, der Ursprung oder dergleichen bezeichnet werden soll; das ist in anständigem Deutsch früher stets durch den Genitiv//* Daher Ortsnamen wie Karlsruhe, Ludwigsburg, Wilhelmshaven, die ja nichts andres sind als Karls Ruhe usw.// oder ein von dem Personennamen gebildetes Adjektiv geschehen.

Wenn, wie es in den letzten Jahrzehnten tausendfach vorgekommen ist, neue Straßen und Plätze großen Männern zu Ehren getauft und dabei kurz Goethestraße oder Blücherplatz benannt worden sind, so ist dagegen grammatisch nichts einzuwenden. Auch eine Stiftung, die zu Ehren eines verdienten Bürgers namens $Seite 191$ Schumann durch eine Geldsammlung geschaffen worden ist, mag man getrost eine Schumannstiftung nennen, ebenso Gesellschaften und Vereine, die das Studium der Geisteswerke großer Männer pflegen, Goethegesellschaft oder Bachverein; auch Beethovenkonzert und Mozartabend sind richtig gebildet, wenn sie ein Konzert und einen Abend bezeichnen sollen, wo nur Werke von Beethoven oder Mozart aufgeführt werden. Auch die Schillerhäuser läßt man sich noch gefallen, denn man meint damit nicht Häuser, die Schillers Eigentum gewesen wären, sondern Häuser, in denen er einmal gewohnt, verkehrt, gedichtet hat, und die nur zu seinem Gedächtnis so genannt werden. Bedenklicher sind schon die Goethedenkmäler, denn die beziehen sich doch nicht bloß auf Goethe, sondern stellen ihn wirklich und leibhaftig dar; noch in den dreißiger und vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hätte sich niemand so auszudrücken gewagt, da sprach man in Leipzig nur von Bachs Denkmal, von Gellerts Denkmal. Sind einmal die Goethedenkmäler richtig, dann sind es auch die Goethebildnisse, dann ist es auch die Goethebüste, der Goethekopf und — die Goethebiographie. Nun aber das Goethehaus auf dem Frauenplan in Weimar und die Weimarer Goetheausgabe — da meint man doch wirklich Goethes Haus und die Gesamtausgabe von Goethes Werken. Etwas andres ist es mit einer Elzevierausgabe; das soll nicht eine Ausgabe der Werke eines Mannes namens Elzevier sein, sondern eine Ausgabe in dem Format und der Ausstattung der berühmten holländischen Verlagsbuchhandlung. Ist die Goetheausgabe richtig, dann kommen wir schließlich auch zu den Goethefreunden, den Goetheeltern und den Goetheenkeln. Es ist nicht einzusehen, weshalb man nicht auch so sollte sagen dürfen. Stammelt man doch in der Tat schon von einem Lutherbecher (einem Becher, den einst Luther besessen hat), einem Veltheimzettel (einem Theaterzettel der Veltheimschen, richtiger Veltenschen Schauspielertruppe aus dem siebzehnten Jahrhundert) und einer Böttgerperiode (der Zeit Böttgers in $Seite 192$ der Geschichte des Porzellans!), einem Lenznachlaß (dem Nachlaß des Dichters Lenz) und einer Schlüterzeit, von Kellerfreunden (Freunden des Dichters Gottfried Keller!), Pilotyschülern und einem Grillparzersarg.

Noch ärger ist es, wenn man zur Bezeichnung von Schöpfungen, von Werken einer Person, seien es nun wissenschaftliche oder Kunstschöpfungen, Entdeckungen oder Methoden, Vereine oder Stiftungen, Erfindungen oder Fabrikate, den Personennamen in solcher Weise vor das Hauptwort leimt. In anständigem Deutsch hat man sich in solchen Fällen früher stets des Genitivs oder der Adjektivbildung auf isch bedient. In Dresden ist die Brühlsche Terrasse, in Frankfurt das Städelsche Institut, und noch vor dreißig Jahren hat jedermann von Goethischen und Schillerschen Gedichten gesprochen. Jetzt wird nur noch gelallt; jetzt heißt es: Goethegedichte und Shakespearedramen, Mozartopern und Dürerzeichnungen, Bachkantaten und Chopinwalzer, Goethefaust und Gounodfaust, Bismarckreden und Schwindbriefe (Briefe des Malers Schwind), Schweningerkur und Röntgenstrahlen; der von Karl Riedel gegründete Leipziger Kirchengesangverein, der jahrzehntelang ganz richtig der Riedelsche Verein hieß, ist neuerdings zum Riedelverein verschönert worden, und wie die Herren Fabrikanten, diese feinfühligsten aller Sprachschöpfer und Sprachneuerer, hinter allen neuen Sprachdummheiten mit einer Schnelligkeit her sind, als fürchteten sie damit zu spät zu kommen, so haben sie sich auch schleunigst dieser Sprachdummheit bemächtigt und preisen nun stolz ihre Pfaffnähmaschinen und Drewsgardinen, ihre Jägerpumpen und Steinmüllerkessel, ihren Kempfsekt und ihr Auergasglühlicht, ja sogar Auer Gasglühlicht an, und das verehrte Publikum schwatzt es nach und streitet sich über die Vorzüge der Blüthnerflügel und der Bechsteinflügel.//* Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen entgegenschreien: Henkell Trocken, Kupferberg Gold u. ähnl. Als vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken und fragt: Was sind denn das für Waren: Trocken und Gold? Es sind gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint ist Henkellscher Champagner, Kupferbergscher Champagner. Aber keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (sec, dry), aber mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der Ausstattung, denn Gold soll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.// Dieses $Seite 193$ Schandzeug aus unsrer Kaufmannssprache habt ihr auf dem Gewissen, ihr Herren, die ihr die Shakespearedramen und die Dürerzeichnungen erfunden habt! Wenn man in vornehmen Fachzeitschriften von einem Kuglerwerk und einem Menzelwerk, einem König Albert-Bild, einem Gleim-Uz-Briefwechsel, einem Mörike-Schwind-Briefwechsel, einer Rudolf Hildebrand-Erinnerung, einem Max Klinger-Werk lesen muß, kann man dann — andern Leuten einen Vorwurf machen, wenn sie von Kathreiners Kneipp-Malzkaffee, Junker- und Ruh-Öfen und August Lehr-Fahrrädern reden? Alle diese Zusammensetzungen zeugen von einer Zerrüttung des Denkens, die kaum noch ärger werden kann. Von Lichtfreunden kann man reden, von Naturfreunden, Kunstfreunden und Musikfreunden, von Zinnsärgen und Marmorsärgen, von Konzertflügeln und Stutzflügeln, aber nicht von Kellerfreunden, Grillparzersärgen und Blüthnerflügeln. Das ist schlechterdings kein Deutsch.

Das Unkraut wuchert aber und treibt die unglaublichsten Blüten. Weißt du, was eine Reuterbibliothek ist, lieber Leser? ein Senfkatalog? eine Schleicherskizze? ein Pfeilliederabend? Du ahnst es nicht, ich will dirs sagen. Eine Reuterbibliothek ist das Verlagsverzeichnis des Buchhändlers Reuter in Dresden, ein Senfkatalog ein Briefmarkenverzeichnis der Gebrüder Senf in Leipzig, eine Schleicherskizze eine $Seite 194$ Lebensbeschreibung des berühmten Philologen Schleicher, ein Pfeilliederabend ein Abendkonzert, bei dem nur Lieder des Männergesangkomponisten Pfeil gesungen werden. Was ein Lenbachaufsatz ist? Das weiß ich selber nicht. Es kann ein Aufsatz von Lenbach sein, es kann aber auch einer über ihn sein. Das läßt sich in unserm heutigen Schanddeutsch, das immer mehr verengländert, nicht mehr unterscheiden.

Es braucht übrigens nicht immer ein Eigenname zu sein, der solche Zusammensetzungen unerträglich macht; Sie sind auch dann unerträglich, wenn an die Stelle eines Eigennamens ein Appellativ tritt, unter dem eine bestimmte Person verstanden werden soll. Da hat einer, der den Feldzug von 1870 als Kürassier mitgemacht hat, seine Briefe unter dem Titel Kürassierbriefe drucken lassen. Das können aber niemals Briefe eines bestimmten Kürassiers sein, sondern immer nur Briefe, wie sie Kürassiere schreiben. In allerjüngster Zeit ist das neue Wort Kaiserhoch aufgekommen. Es stammt natürlich aus der Telegrammsprache. Irgend einer telegraphierte: „Professor Ö. Festrede Kaiserhoch"; daraus machte ein dummer Zeitungschreiber: Professor Ö. hielt die Festrede, die in ein Kaiserhoch ausklang. Ein Kaiserhoch kann aber auf jeden beliebigen Kaiser ausgebracht werden, und wenn die Zeitungen vollends statt ein Kaiserhoch schreiben das Kaiserhoch — die Herabwürdigung einer persönlichen Huldigung, die aus dem Herzen quellen soll, zu einem gewohnheitsmäßigen Bestandteil jeder beliebigen Esserei oder Trinkerei, kann gar keinen schlagendern Ausdruck finden. Ähnlich ist es mit der Königsbüste. Professor Seffner-Leipzig (Leipzig steht stets dabei!) ist damit beschäftigt, eine Königsbüste anzufertigen. Ob von Ramses oder Romulus oder Ludwig dem Vierzehnten, wird nicht verraten. Das Ärgste dieser Art sind wohl die Herrenworte und das Herrenmahl, das die Theologen jetzt aufgebracht haben. Das sollen Aussprüche Christi und das heilige Abendmahl sein! Man denkt doch unwillkürlich an ein Herrenessen.

Den Gipfel der Sinnlosigkeit erreichen solche Zu- $Seite 195$ sammenleimungen, wenn das Grundwort ein Verbalsubstantiv ist, gebildet von einem transitiven Verbum. Solche Zusammensetzungen können schlechterdings nicht mit Eigennamen vorgenommen werden, sondern nur mit Appellativen; sie bezeichnen ja nicht eine bestimmte einzelne Handlung, sondern eine Gattung von Handlungen, nicht Menschen, deren Tätigkeit sich auf eine bestimmte einzelne Person, sondern wieder nur auf eine Gattung erstreckt. In den siebziger Jahren erfand ein boshafter Zeitungschreiber das Wort Bismarckbeleidigung. Natürlich sollte es eine höhnische Nachbildung von Majestätsbeleidigung sein. Wie viel dumme Zeitungschreiber aber haben das Wort dann im Ernst gebraucht und sogar Caprivibeleidigung darnach gebildet! Jetzt redet man aber auch von Cäsarmördern, Richardsonübersetzern, Beethovenerklärern, Wagnerverehrern, Zolanachahmern und Nietzscheanbetern. Entsetzliche Verirrung! Man kann von Vatermördern, Romanübersetzern, Frauenverehrern und Fetischanbetern reden; aber ein Wagnerverehrer — das könnte doch nur ein Kerl sein, der gewerbsmäßig jeden „verehrt," der Wagner heißt. Wer das nicht fühlt, der stammle weiter, dem ist nicht zu helfen.//* Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimnumg zu schaffen, mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn und Bedeutung der beiden Glieder an. Bei Gesellschaft und Verein z. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute eine Aktiengesellschaft oder eine Immobiliengesellschaft, eine Gesellschaft von Schlittschuhläufern einen Eisverein und eine Vereinigung von Förstern einen Forstverein zu nennen. Noch gewagter ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einem Papierverein zusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einen Fleischverein nennen.//


Zweifelsfall

Wortbildung oder Syntagma

Beispiel
Bezugsinstanz Zeitungssprache, Gesprochene Sprache, Geschäftssprache, Leipzig, neu, Frankfurt, Kirchensprache, Beethoven - Ludwig van, Mozart - Wolfgang Amadeus, Schiller - Friedrich, Goethe - Johann Wolfgang, 19. Jahrhundert, Sprachverlauf, Leipzig, Weimar, Luther - Martin, Lenz - Jakob Michael Reinhold, Böttger - Johann Friedrich, 17. Jahrhundert, Keller - Gottfried, Dresden
Bewertung

das Haarsträubendste, bedenklich, Schandzeug, Zerrüttung des Denkens, die kaum noch ärger, Unkraut, Gipfel der Sinnlosigkeit, dumm, entsetzliche Verirrung, noch gewagter

Intertextueller Bezug