Unterdrückung des Hilfszeitworts

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 134 - 139
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Unsicherheit
Text

Sehr verschieden sind merkwürdigerweise von jeher die Ansichten gewesen über den Gebrauch, das Hilfszeitwort und (was gleich damit verbunden werden kann) die sogenannte Kopula in Nebensätzen wegzulassen, also zu schreiben: der Bischof war bestrebt, von dem Einfluß, den er früher in der Stadt besessen (nämlich hatte), möglichst viel zurückzugewinnen, der Rat dagegen trachtete, die wenigen Rechte, die ihm noch geblieben (nämlich waren), immer mehr zu beschränken — Freytag brachte seine Valentine mit, die ihm die Gewißheit seines Berufs zum Dramatiker gegeben (nämlich hatte) — seine Briefe blieben frei von Manier, während sich in seine spätern Werke etwas davon eingeschlichen (nämlich hat) — die Pallas trug einst einen Helm, wie aus der oben abgeplatteten Form des Kopfes zu erkennen (nämlich ist) — eine Vorstellung wird um so leichter aufgenommen, je einfacher ihr sprachlicher Ausdruck (nämlich ist) — der Ursachen sind mehrere, wenn sie auch sämtlich auf eine Wurzel zurückzuführen (nämlich sind) — verwundert fragt man, ob denn die Krankheit wirklich so gefährlich, das Übel gar so heillos geworden (ist? sei?) — so lautet das Schlagwort, womit das ideale $Seite 135$ Werk begonnen (ist? hat?) — sogar: die Lukaspassion kann nicht, wie allgemein behauptet (nämlich wird), von Bach geschrieben sein.

Dieser Gebrauch hat eine ungeheure Verbreitung, viele halten ihn offenbar für eine ganz besondre Schönheit. Manche Romanschriftsteller schreiben gar nicht anders; aber auch in wissenschaftlichen, namentlich in Geschichtswerken geschieht es fort und fort. Ja es muß hie und da geradezu in Schulen gelehrt werden, daß dieses Wegwerfen des Hilfszeitworts eine Zierde der Sprache sei. Wenigstens war einmal in einem Aufsatz einer Unterrichtszeitschrift verächtlich vom „Hattewarstil" die Rede; der Verfasser meinte damit die pedantische Korrektheit, die das hatte und war nicht opfern will. Von ältern Schriftstellern liebt es namentlich Lessing, aus dessen Sprache man sich sonst die Muster zu holen pflegt, das Hilfszeitwort wegzulassen, und Jean Paul empfiehlt es geradezu, diese „abscheulichen Rattenschwänze der Sprache" womöglich überall abzuschneiden.

Halten wir uns, wie immer, an die lebendige Sprache. Tatsache ist, daß in der unbefangnen Umgangssprache das Hilfszeitwort niemals weggelassen wird. Es würde als arge Ziererei empfunden werden, wenn jemand sagte: Es ist ein ganzes Jahr her, daß wir uns nicht gesehen. In der Sprache der Dichtung dagegen ist die Unterdrückung des Hilfszeitworts wohl das Überwiegende. Man denke sich, daß Chamissos Frauenliebe und -Leben anfinge: Seit ich ihn gesehen habe, glaub ich blind zu sein! In der Prosa kommt es nun sehr auf die Gattung an. In poetisch oder rednerisch gehobner Sprache stört es nicht, wenn das Hilfszeitwort zuweilen unterdrückt wird; in schlichter Prosa, wie sie die wissenschaftliche Darstellung und im allgemeinen doch auch die Erzählung, die historische sowohl wie der Roman und die Novelle, erfordern, ist es geradezu unerträglich. Wer das bestreitet, hat eben kein Sprachgefühl. Wer sich einmal die Mühe nimmt, bei einem Schriftsteller, der das Hilfszeitwort mechanisch und aus bloßer Gewohnheit überall wegläßt, nur ein paar Druckseiten lang auf diese vermeintliche Schönheit zu achten, der wird $Seite 136$ bald täuschend den Eindruck haben, als ob er durch einen Tiergarten ginge, wo lauter unglückselige Bestien mit abgehackten Schwänzen ihres Verlustes sich schämend scheu um ihn herumliefen.

Ganz unausstehlich wird das Abwerfen des Hilfszeitworts, wenn das übrig bleibende Partizip mit dem Indikativ des Präsens oder des Imperfekts gleich lautet, also ohne das Hilfszeitwort die Tempora gar nicht voneinander zu unterscheiden sind, z. B.: in unsrer Zeit, wo der Luxus eine schwindelhafte Höhe erreicht (nämlich hat!) — er ist auch dann strafbar, wenn er sich nur an der Tat beteiligt (hat!) — das, was der Geschichtschreiber gewissenhaft durchforscht (hat!) — aus allen Werken, die Ranke verfaßt (hat!) — er erinnert sich der Freude, die ihm so mancher gelungne Versuch verursacht (hat!) - einer jener Männer, die, nachdem sie in hohen Stellungen Eifer und Tatkraft bewiesen (haben!), sich einem müßigen Genußleben hingeben — nachdem 1631 Baner die Stadt vergeblich belagert (hatte!) — er verteilte die Waffen an die Partei, mit der er sich befreundet (hatte!) — ich kam im Herbstregen an, den mein Kirchdorf lange ersehnt (hatte!) — er schleuderte über die Republik und ihre Behörden den Bannstrahl, weil sie sich an päpstlichem Gut vergriffen (hatten!) — du stellst in Abrede, daß Vilmar mit dem Buch eine politische Demonstration beabsichtigt (habe!). Oder wenn es in zwei oder mehr aufeinander folgenden Nebensätzen verschiedne Hilfszeitwörter sind, die dadurch verloren gehen, haben und sein, z. B.: es war ein glücklicher Gedanke, dort, wo einst der deutsche Dichterfürst seinen Fuß hingesetzt (nämlich hat!), auf dem Boden,der durch seinen Aufenthalt geschichtlich geworden (nämlich ist), eine Kuranstalt zu errichten — wir wissen, auf welchen Widerstand einst das Interim gestoßen (ist!), und welchen Haß sich Melanchthon durch seine Nachgiebigkeit zugezogen (hat!) — da sie das Führen der Maschine unterlassen (hatten!) und auf den Fußwegen gefahren (waren!). Oder endlich wenn gar von zwei verschiednen Hilfszeitwörtern das erste weggeworfen, das zweite aber gesetzt wird, sodaß man $Seite 137$ das nun unwillkürlich mit auf den ersten Satz bezieht, z. B.: als ich die Fastnachtsspiele durchgelesen und schließlich zu dem Luzerner Neujahrsspiel gekommen war (also auch: durchgelesen war?) — seitdem die Philosophie exakt geworden, seitdem auch sie sich auf die Beobachtung und Sammlung von Phänomenen verlegt hat (also auch: geworden hat?) — der Verfasser macht Banquo den Vorwurf, daß er nicht für die Rechte der Söhne Duncans eingetreten, sondern Macbeth als König anerkannt habe (also auch: eingetreten habe?). Wie jemand so etwas noch schön finden kann, ist unbegreiflich.

Selbst in Fällen, wo der nachfolgende Hauptsatz zufällig mit demselben Zeitwort anfängt, mit dem der Nebensatz geschlossen hat, ist das Wegwerfen des Hilfszeitworts häßlich, z. B.: soviel bekannt (nämlich ist), ist der Vorsitzende der Bürgermeister — wie der Unglückliche hierher gelangt (ist), ist rätselhaft — alles, was damit gewonnen worden (war), war unbedeutend gegen das verlorne — wer diesen Forderungen Genüge geleistet (hatte), hatte sich dadurch den Anspruch erworben usw. Zwar nehmen auch solche, die im allgemeinen für Beibehaltung des Hilfszeitworts sind, hier das Abwerfen in Schutz, aber doch nur wieder infolge des weitverbreiteten Aberglaubens, daß ein Wort nicht unmittelbar hintereinander oder kurz hintereinander zweimal geschrieben werden dürfe. Es ist das eine von den traurigen paar stilistischen Schönheitsregeln, die sich im Unterricht von Geschlecht zu Geschlecht forterben. Die lebendige Sprache fragt darnach gar nichts; da setzt jeder ohne weiteres das Verbum doppelt, und es fällt das nicht im geringsten auf, kann gar nicht auffallen, weil mit dem ersten Verbum, fast tonlos, der Nebensatz ausklingt, mit dem zweiten, nach einer kleinen Pause, frisch betont der Hauptsatz anhebt. Sie klingen ja beide ganz verschieden, diese Verba, man traue doch nur seinen Ohren und lasse sich nicht immer von dem Papiermenschen bange machen!

Nur in einem Falle empfiehlt sichs zuweilen, das Hilfszeitwort auch in schlichter Prosa wegzulassen, nämlich $Seite 138$ dann, wenn in den Nebensatz ein zweiter Nebensatz eingeschoben ist, der mit demselben Hilfszeitwort endigen würde, z. B.: bis die Periode, für die der Reichstag gewählt worden, abgelaufen war. Hier würden zwei gleiche Satzausgänge mit war nicht angenehm wirken. Wo bei gehäuften Nebensätzen der Eindruck des Schleppens entsteht, liegt die Schuld niemals an den Hilfszeitwörtern, sondern immer an dem ungeschickten Satzbau.

Die Sitte, das Hilfszeitwort in Nebensätzen gewohnheitsmäßig abzuwerfen, muß um so mehr als Unsitte bekämpft werden, als sie schon einen ganz verhängnisvollen Einfluß auf den richtigen Gebrauch der Modi ausgeübt hat. Daß manche Schriftsteller gar keine Ahnung mehr davon haben, wo ein Konjunktiv und wo ein Indikativ hingehört, daß in dem Gebrauche der Modi eine geradezu grauenvolle Verwilderung und Verrohung eingerissen ist und täglich größere Fortschritte macht, daran ist zum guten Teil die abscheuliche Unsitte schuld, die Hilfszeitwörter wegzulassen. Wo soll noch Gefühl für die Kraft und Bedeutung eines Modus herkommen, wenn man jedes ist, sei, war, wäre, hat, habe, hatte, hätte am Ende eines Nebensatzes unterdrückt und dem Leser nach Belieben zu ergänzen überläßt? In den meisten Fällen ist die Unterdrückung des Hilfszeitwortes nichts als ein bequemes Mittel, sein Ungeschick oder seine Unwissenheit zu verbergen. Freilich ist es sehr bequem, zu schreiben: daß viele Glieder der ersten Christengemeinde arm gewesen, ist zweifellos, daß es alle gewesen, ist sehr zu bezweifeln, oder: wenn man nicht annehmen will, daß ihm seine Genialität geoffenbart, was andre schon vorher gefunden, oder: wir bedauerten, daß sie nicht etwas getan, was sie in den Augen unsrer Gespielen recht groß und mächtig gemacht. Hätten die, die so geschrieben haben, gewußt, daß es heißen muß: daß viele Glieder der ersten Christengemeinde arm gewesen sind, ist zweifellos, daß es alle gewesen seien, ist sehr zu bezweifeln — wenn man nicht annehmen will, daß ihm seine Genialität geoffenbart habe, was andre schon vorher gefunden $Seite 139$ hatten — wir bedauerten, daß sie nicht etwas getan hatten, was sie in den Augen unsrer Gespielen recht groß und mächtig gemacht hätte — so hätten sie es schon geschrieben. Aber man weiß eben nichts, und da man seine Unwissenheit durch Hineintappen in den falschen Modus nicht verraten möchte, so hilft man sich, so gut oder so schlecht man kann: man läßt das Hilfszeitwort weg.


Zweifelsfall

Ellipse finiter Verben im Nebensatz

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Literatursprache, Lyrik, Chamisso - Adelbert von, Prosa, Literatursprache, Fachsprache (Geschichtswissenschaft), Literatursprache, Wissenschaftssprache, Richter - Johann (Jean) Paul Friedrich, gesprochene Sprache, Lessing - Gotthold Ephraim, Literatursprache, Schriftsprache, Literatursprache, Schriftsprache, Literatursprache, Literatursprache, Literatursprache, Schulsprache, Literatursprache, Sprachverlauf, Umgangssprache, Wissenschaftssprache
Bewertung

abscheuliche Unsitte, als ob er durch einen Tiergarten ginge, wo lauter unglückselige Bestien mit abgehackten Schwänzen ihres Verlustes sich schämend scheu um ihn herumliefen, arge Ziererei, bequemes Mittel, sein Ungeschick oder seine Unwissenheitzu verbergen, Eindruck des Schleppens, eine von den traurigen paar stilistischen Schönheitsregeln, empfiehlt sichs, Frequenz/ungeheure Verbreitung, ganz besondre Schönheit, ganz unausstehlich, geradezu unterträglich, grauenvolle Verwilderung und Verrohung, häßlich, heißen muß, nicht angenehm, richtigen, sehr bequem, stört es nicht, ungeschickten, Unsitte, vermeintliche Schönheit, weitverbreiteten Aberglaubens, Wie jemand so etwas noch schön finden kann, ist unbegreiflich, Zierde der Sprache

Intertextueller Bezug Richter - Johann (Jean) Paul Friedrich