Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts - ein schwieriger Fall

Aus Zweidat
Wechseln zu: Navigation, Suche
Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 277 - 279
Externer Link zum Kapiteltext

Nur für eingeloggte User:

Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Wiederaufnahme bei Pronomen

Genannte Bezugsinstanzen:
Text

Einen eigentümlichen Fehler, dem man sehr oft begegnet, zeigen in verschiednen Spielarten folgende Beispiele (das richtige soll wieder gleich in Klammern danebengesetzt werden): die Lage Deutschlands inmitten seiner wahrscheinlichen Gegner macht es ihm zur Pflicht (seine Lage macht es Deutschland zur Pflicht) — das Zartgefühl des Fürsten erlaubte ihm nicht die Annahme des Opfers (sein Zartgefühl erlaubte dem Fürsten nicht) — leider hat die enge Begabung des Dichters ihm nicht ermöglicht (leider hat seine enge Begabung dem Dichter) — der Haß des Berichterstatters gegen Textor hat ihn zu Übertreibungen geführt (sein Haß hat den Berichterstatter) — die Krankheit des Papstes hat ihn zu einer andern Lebensweise veranlaßt (seine Krankheit hat den Papst) — man hatte gleich nach dem ersten Auftreten Raimunds ihn verdächtigt (man hatte Raimund gleich nach seinem ersten Auftreten verdächtigt) — es stellt sich dabei heraus, daß die eignen Kenntnisse des Kritikers ihn zu diesen Angriffen nicht berechtigen (daß seine eignen Kenntnisse den Kritiker) — die Romanschreiber, die im Vertrauen auf die Dummheit der Gesellschaft dieser den Spiegel vorhalten (die der Gesellschaft im Vertrauen auf deren Dummheit) — nach ältern Beschreibungen des Kodex war er früher in roten Sammet gebunden (nach ältern Beschreibungen war der Kodex) — die Begleiter des Kranken vermochten ihn nicht zu überwältigen (die Begleiter vermochten den Kranken) — zur Zeit der Ausweisung des Ordens aus dem Deutschen Reiche zählte $Seite 278$ er innerhalb desselben sechzehn Niederlassungen (zweimal der Fehler in einem Satze! es muß heißen: zur Zeit seiner Ausweisung zählte der Orden innerhalb des Deutschen Reichs usw.) — angesichts der Macht dieser Gesetze dieselben (!) auf ihre Annehmbarkeit zu prüfen ist dem Gesetzgeber nicht eingefallen (angesichts ihrer Macht diese Gesetze zu prüfen) — man wollte trotz der von den Gehilfen beschlossenen Kündigung des Tarifs an letzterm (!) festhalten (trotz der beschlossenen Kündigung an dem Tarif festhalten) — wir betrauern den Heimgang des liebenswürdigen Kollegen, der seit Gründung der Ärztekammer derselben angehört (der der Ärztekammer seit ihrer Gründung angehört) — wegen Reinigung der großen Ratsstube bleibt dieselbe (!) nächsten Montag geschlossen (wegen Reinigung bleibt die große Ratsstube) — wegen Neubaues der Schleuse in der Zentralstraße bleibt letztere (!) für den Fahrverkehr gesperrt (wegen Neubaus der Schleuse bleibt die Zentralstraße) — sie heiratet darauf den Grafen Tr., dessen Frau ihm kurz vorher durchgegangen ist (dem seine Frau) — der Bedauernswerte, dessen Eltern ihm gestern einen Besuch zugedacht hatten (dem seine Eltern) — der Vorwurf trifft nur den, dessen Männerstolz ihm nicht gestattet (dem sein Männerstolz) — der Verfasser, dessen Bescheidenheit ihn bis in sein Greisenalter zögern ließ, seine Arbeit zu veröffentlichen (den seine Bescheidenheit) — Scharnhorst ist einer jener schicksalvollen Männer, deren Genius sie zu Dolmetschern eines ganzen Volkes gemacht hat (die ihr Genius) — es wird das auch von solchen bestätigt, deren Auftrag sie zu möglichst gründlicher Prüfung verpflichtet (die ihr Auftrag) — Menschen, deren Halbbildung sie unempfänglich macht (die ihre Halbbildung) — die Italiener, deren Freude an der farbigen Oberfläche der Dinge sie abhält, in den Chor der Naturalisten einzustimmen (die ihre Freude).

In allen diesen Sätzen ist ein Begriff doppelt da: das einemal in Form eines Hauptworts (in den zuletzt angeführten Relativsätzen in Form eines relativen Fürworts), das andremal in Form eines persönlichen Für- $eite 279$ worts (wozu hier auch derselbe und letzterer gerechnet werden müssen). Der Fehler liegt nun darin, daß beide am falschen Platze stehen: sie müssen ihre Plätze wechseln, wenn der Satz richtig werden soll. Warum? Weil das Hauptwort in allen diesen Sätzen nur in einem Attribut (meist in einem abhängigen Genitiv) und damit gleichsam im Hintergrunde, im Schatten, das persönliche Fürwort dagegen als Subjekt oder Objekt im Vordergrunde, im vollen Lichte des Satzes steht. Umgekehrt muß es sein: das Hauptwort gehört in den Vordergrund, der bloße Ersatz dafür, das Fürwort, in den Hintergrund. Nicht selten kann nach dem Platzwechsel das Fürwort ganz wegfallen. Wer lebendiges Sprachgefühl hat, macht solche Sätze von selber richtig, ohne zu wissen, warum. Andern wird die Sache möglicherweise auch durch diese Erklärung nicht deutlich geworden sein. Es ist wirklich ein etwas schwieriger Fall.


Zweifelsfall

Wiederaufnahme bei Pronomen

Beispiel
Bezugsinstanz
Bewertung

es muß heißen, Fehler, Frequenz/sehr oft, richtig, richtige

Intertextueller Bezug