Welch letzterer und welcher letztere

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 121 - 123
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Semantik des Superlativs

Genannte Bezugsinstanzen: Literatursprache
Behandelter Zweifelfall:

Konkurrierende Relativpronomina

Genannte Bezugsinstanzen: Literatursprache
Text

An einen ganzen Rattenkönig von Sprachdummheiten rührt man mit der so beliebten Verbindung: welcher letztere. Auf die häßliche unorganische Bildung ersterer und letzterer — eine komparativische Weiterbildung eines Superlativs! — Soll dabei kein Gewicht gelegt werden, denn solche Erscheinungen gibt es viele in der Sprache und in allen Sprachen, wenn es auch nichts schaden kann, daß man sich einmal das Unorganische dieser Formen durch die Vorstellung zum Bewußtsein bringt, es wollte jemand der größtere, der kleinstere, der bestere, der schönstere bilden. Viel schlimmer ist ihre unlogische Anwendung.

$Seite 122$ Wenn ein Relativsatz nicht auf ein einzelnes Hauptwort, sondern auf eine Reihe von Hauptwörtern, zwei drei, vier oder mehr folgt, so ist es selbstverständlich, daß das Relativ nicht an das letzte Glied angeschlossen, sondern nur auf die ganze Reihe bezogen werden kann, also nicht so:

Erstes Hauptwort

Zweites Hauptwort

Drittes Hauptwort

Relativsatz

sondern so:

Erstes Hauptwort

Zweites Hauptwort Relativsatz.

Drittes Hauptwort

Die Hauptwörter werden gleichsam zu einer Gruppe, zu einem Bündel zusammengeschnürt, und der Relativsatz muß an dem ganzen Bündel hängen. Es kann nicht heißen: Lessing, Goethe und Schiller, der, sondern nur: Lessing, Goethe und Schiller, die. Das fühlt auch jeder ohne weiteres. Nun möchte man aber doch manchmal, nachdem man zwei, drei, vier Dinge aufgezählt hat, gerade über das letzte noch etwas näheres in einem Relativsatz aussagen. Ein bloßes welcher — das fühlt jeder — ist unmöglich; es gehn ja drei voraus! Aber welcher letztere oder welch letzterer — das rettet! Also: das Bild stellt Johannes den Täufer und den Christusknaben dar, welch letzterer von dem Täufer in die Welt eingeführt wird — einen Hauptartikel des Landes bildeten die Landesprodukte, wie Kobalt, Wein, Leinwand und Tuch, welch letzteres allerdings dem niederländischen nachstand — er war Regent der Weimarischen, Gothaischen und Altenburgischen Lande, welche letztern ihm aber erst kurz vor seinem Tode zufielen — die Summe des Intellektuellen im Menschen setzt sich Zusammen aus Geist, Bildung und Kenntnissen, welchen letztern auch die Vorstellungen zugezählt werden dürfen — dies trug ihm eine gerichtliche Untersuchung und zwei Jahre Haft ein, welch letztere er zu volkswirtschaftlichen Studien benutzte — der Neger $Seite 123$ überflügelt zuerst seine weißen Schulkameraden weit, besonders in der Mathematik und in den Sprachen, für welch letztere seine Begabung erstaunlich ist.

Dieses letztere ist ein bequemes, aber sehr häßliches Auskunftsmittel; ein guter Schriftsteller wird nie seine Zuflucht dazu nehmen. Es läßt sich auch sehr leicht vermeiden, z. B. indem man das letzte Glied für sich stellt: das Bild stellt Johannes den Täufer dar, und den Christusknaben, der usw., oder indem man statt des Relativsatzes einen Hauptsatz bildet, worin das letzte Hauptwort wiederholt wird.

Noch schlimmer ist es freilich, wenn, wie so oft, welch letzterer selbst da geschrieben wird, wo nur ein einziges (!) Substantivum vorhergeht, eine falsche Beziehung also gänzlich ausgeschlossen ist, z. B.: der Plan ist der Wiener Fachschule nachgebildet, welch letztere ihn schon seit längerer Zeit hat — der Urkunde ist die durch den Bischof von Merseburg erteilte Bestätigung beigegeben, welch letztere aber nichts besondres enthält — den gesetzlichen Bestimmungen gemäß scheiden vier Mitglieder aus, welch letztere aber wieder wählbar sind — die Menge richtet sich nach den Beamten, nicht nach dem Gesetz, welch letzteres sie selten kennt — überall wechseln üppige Wiesengründe mit stattlichen Waldungen, welch letztere namentlich die Bergkuppen und Hänge bedecken — der König nahm in dem Wagen Platz, welch letzterer schon nach einer Minute vor dem Hotel hielt. Welcher Schwulst! vier Silben, wo drei Buchstaben genügen! Er greift aber immer weiter um sich, und wenn er nicht bekämpft wird, so ist zu befürchten, daß einmal eine Zeit kommt, wo das deutsche Relativpronomen überhaupt — welch letzterer heißt.


Zweifelsfall

Semantik des Superlativs

Beispiel
Bezugsinstanz Literatursprache
Bewertung

hässlich, schlimmer, Sprachdummheiten, unlogisch, unorganisch, Rattenkönig von Sprachdummheiten

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Konkurrierende Relativpronomina

Beispiel
Bezugsinstanz Literatursprache
Bewertung

schlimmer, sehr hässlich, unmöglich, Schwulst

Intertextueller Bezug