Wie, wo, worin, womit, wobei

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 116 - 118
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Konkurrierende Relativpronomina

Genannte Bezugsinstanzen: Bürger - Gottfried August, Gesprochene Sprache, Schriftsprache, Schulsprache, Kirchensprache
Text

Daß Präpositionen in Verbindung mit dem Relativpronomen durch die hübschen relativen Adverbia worin, woraus, womit, wobei, woran, wofür usw. ersetzt werden können und in der lebendigen Sprache sehr oft ersetzt werden, wenn sich das Relativ auf eine Sache $Seite 117$ (nicht auf eine Person!) zurückbezieht, daran denken beim Schreiben die wenigsten, und wenn sie daran denken, so wagen sie nicht, Gebrauch davon zu machen. Am ehesten getrauen sie sichs noch da, wo sie auch was statt das sagen würden. Aber ein Brief, worin — eine Fläche, woraus — ein Messer, womit — ein Mittel, wodurch — eine Regel, wobei — ein Geschenk, worüber — eine Gefahr, wovor — (auch: der Grund, weshalb) — wie wenigen will das aus der Feder! Sie halten es womöglich gar für falsch. Irgend ein Schulmeister, der sich nicht vom Lateinischen hatte losmachen können, hat ihnen vielleicht einmal in der Jugend davor bange gemacht, und so schreiben sie denn: diese beiden Punkte sind es, an welchen Grimm aufs strengste festgehalten hat — der innige Zusammenhang, in welchem Glaube, Recht und Sitte stehen — das einfache, schmucklose Gewand, mit welchem uns die Natur wie eine Mutter umfängt usw. Und doch heißt es in dem Bürgerschen Spruch: Die schlechtsten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen. Nun gar das einfache wo: das Gebäude, wo — ein Gebiet, wo — in einer Stadt, wo — in allen Fällen, wo — eine Gelegenheit, wo — eine Ausgabe, wo (z. B. der Sopran die Melodie hat), und vollends dieses einfache wo von der Zeit gebraucht: wir gedenken an jene Zeit der Jugend, wo wir zuerst auszogen — die Eltern sind genötigt, über den Bildungsgang ihrer Kinder schon zu einer Zeit Bestimmungen zn treffen, wo deren Anlagen noch zu wenig hervorgetreten sind — seit dem 29. März, wo die neue Bewegung begann — seit dem Jahre 1866, w o er sein Amt niedergelegt hatte — wie wenige wagen das zu schreiben, wie wenige haben eine Ahnung davon, daß auch das grammatisch ganz richtig und hundertmal schöner ist, als das ungeschickte: seit dem 29. März, an welchem Tage — seit 1866, in welchem Jahre usw.//* Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist ganz dem Lateinischen nachgeahmt.// Ist es nicht kläglich $Seite 118$ komisch, in einem Manuskript sehen zu müssen, wie der Verfasser erst Geschrieben hat: die Depesche gelangte an demselben Tage in seine Hände, als usw., dann das als wieder durchgestrichen hat und darübergesetzt: an welchem, aber auf das gute, einfache, natürliche wo nicht verfallen ist? Und genau so ist es mit wie. Die Art und Weise, wie — in dem Grade, wie — in jenem Sinne, wie — in dem Maße, wie — über die Richtung, wie — wie wenige getrauen sich das zu schreiben! Die alten Innungen waren Produktivgenossenschaften in jenem vernünftigen Sinne, in welchem jeder Staat es ist — man war im Zweifel über die Art und Weise, in welcher die soziale Gesetzgebung vorzugehen habe — ein Bier, das in demselben Grade ungenießbar wird, in welchem sich seine Temperatur über den Gefrierpunkt erhebt — in dem Maße, in welchem (wie!) sich die Partei dem Augenblicke nähert, in welchem (wo!) sie ihr Versprechen erfüllen soll — anders schreibt der Papiermensch nicht.

Das relative Adverbium wo bedeutet keineswegs, wie so viele glauben, mir den Ort, es bedeutet, wie das ihm entsprechende da, ebenso gut auch die Zeit. Merkwürdigerweise hat man noch eher den Mut, zu schreiben: die Zeit, da — als: die Zeit, wo. Manche lieben sogar dieses da, ziehen also hier das Demonstrativ in der relativen Bedeutung vor, während sie doch sonst immer welcher für der schreiben. Aber da als Relativ klingt uns heute doch etwas veraltet (man denke nur an den Bibelspruch: seid Täter des Worts und nicht Hörer allein, damit ihr euch selbst betrüget), es kann auch leicht mit dem kausalen da verwechselt werden, z. B. mitten in einer trüben Zeit, da ihn ein Augenleiden heimsuchte. Für in welchem sollte man, wo es irgend angeht, schreiben worin; bei in dem entsteht der Übelstand, daß es mit dem Fügewort indem (entstanden aus in dem daß) verwechselt werden kann. Auf dem Papier natürlich nicht, aber das Papier geht uns auch gar nichts an: beim Hören kanns verwechselt werden — das ist die Hauptsache!


Zweifelsfall

Konkurrierende Relativpronomina

Beispiel
Bezugsinstanz Bürger - Gottfried August, gesprochene Sprache, Schriftsprache, Schulsprache, Kirchensprache
Bewertung

einfach, gut, kläglich, komisch, natürlich, richtig, schön, ungeschickt, undeutsch

Intertextueller Bezug