Wir Deutsche oder wir Deutschen?

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 35 - 37
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Unsicherheit
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Ist es richtiger, zu sagen: wir Deutsche oder wir Deutschen? Diese Frage, die eine Zeit lang unnötig viel Staub aufgewirbelt hat, würde wohl gar nicht entstanden sein, wenn nicht Bismarck in der bekannten Reichstagssitzung vom 6. Februar 1888 den Ausspruch getan hätte, der dann auf zahllosen Erzeugnissen des Gewerbes (Bildern, Gedenkblättern, Denkmünzen, Armbändern usw.) angebracht worden ist: Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt. Denn so hat er nach den stenographischen Berichten gesagt, und so war er also vielleicht gewohnt zu sagen. Aber schon der Umstand, daß die Zeitungen am 7. Februar (vor dem Erscheinen der stenographischen Berichte!) druckten: Wir Deutschen, und daß sich die Gewerbtreibenden vielfach zu vergewissern suchten, wie er denn eigentlich gesagt habe, zeigt, $Seite 36$ daß seine Ausdrucksweise auffällig war; dem Volksmunde war geläufiger: wir Deutschen, und so ist in der Tat schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert viel öfter gesagt worden als wir Deutsche, obwohl es in der Einzahl heißt: ich Deutscher, und heute vollends sagt niemand mehr: wir Arme, ihr Reiche, wir Alte, ihr Junge, sondern wir Armen (Gretchen im Faust: am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach wir Armen!), ihr Reichen, wir Alten, ihr Jungen, wir Konservativen, wir Liberalen, wir Wilden (Seume: wir Wilden sind doch beßre Menschen), wir Geistlichen, wir Gesandten, wir Vorgenannten, wir Unterzeichneten, wir armen Deutschen, wir guten dummen Deutschen, wir Deutschen sind halt Deutsche! Es ist gar nicht einzusehen, weshalb gerade die Deutschen von all diesen substantivierten Adjektiven und Partizipien eine Ausnahme machen sollen. Wenn sich augenblicklich gewisse Leute, denen es gar nicht einfallen würde, zu sagen: wir Arme, mit dem vereinzelt aufgeschnappten und ihrem eignen Munde ganz ungewohnten wir Deutsche spreizen, so ist das einfach lächerlich.

Die Ursache, weshalb hinter wir und ihr schon früh die schwache Form bevorzugt worden ist, ist offenbar dieselbe, die hinter den hinweisenden Fürwörtern, den besitzanzeigenden Adjektiven und hinter alle und keine wirksam gewesen ist (vgl. S. 31): daß es sich um eine bestimmte Menge handelt. Wenn man sagt: Wir Deutschen, so meint man damit entweder alle Deutschen überhaupt, oder alle Deutschen in einem bestimmten Falle, z. B. alle, die in einer aus Angehörigen verschiedner Nationen gemischten Versammlung anwesend sind. Daß im Akkusativ der Mehrzahl die starke Form vorgezogen worden ist: uns Deutsche, hat seinen Grund einfach darin, daß man ihn sonst nicht hätte vom Dativ unterscheiden können (bei Burkhard Waldis aber: und das Reich an uns Deutschen kumen).

Ein Unterschied läßt sich zwischen wir beiden und wir beide machen. Wenn der Lehrer am Schluß der Stunde fragt: Wer ist noch nicht drangewesen? ein $Seite 37$ Schüler dann antwortet: Wir beiden sind noch nicht drangewesen, der Lehrer das bezweifelt und sagt: Ich dächte, du wärst schon drangewesen, so kann der Schüler das zweitemal antworten: Nein, wir beide sind noch nicht drangewesen. Im zweiten Falle wird beide zum Prädikat gezogen, wir beiden dagegen ist dasselbe wie wir zwei. Freilich heißt es in Holteis Mantellied auch: wir beide haben niemals gebebt.