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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 104 - 107
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Unsicherheit
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Ebenso schlimm wie die beiden eben bezeichneten ist aber noch eine dritte Verwirrung, die neuerdings aufgekommen ist und in kurzer Zeit reißende Fortschritte gemacht hat: die Verwirrung, die sich in dem Weglassen des Partizips worden im passiven Perfektum zeigt. Es handelt sich auch hier um eine Vermengung zweier grundverschiedner Zeitformen, der beiden, die man in der Grammatik als Perfektum und als Perfectum praesens bezeichnet.

In gutem Schriftdeutsch nicht nur, sondern auch in der gebildeten Umgangssprache ist noch bis vor kurzem aufs strengste unterschieden worden zwischen zwei Sätzen, wie folgenden: auf dem Königsplatze sind junge Linden angepflanzt worden, und: auf dem Königsplatze sind junge Linden angepflanzt. Der erste Satz meldet den Vorgang oder die Handlung des Anpflanzens — das ist das eigentliche und wirkliche Perfektum; der zweite beschreibt den durch die Handlung des Anpflanzens geschaffnen gegenwärtigen Zustand — das ist das, was die Grammatik Perfectum praesens nennt. Der Altarraum ist mit fünf Gemälden geschmückt worden — das ist eine Mitteilung; der Altarraum ist mit fünf Gemälden geschmückt — das ist eine Beschreibung. Wenn mir ein Freund Lust machen will, mit ihm vierhändig zu spielen, so sagt er: Komm, das Klavier ist gestimmt! Dann kann ich ihn wohl fragen: So? wann ist es denn gestimmt worden? aber nicht: wann ist es denn gestimmt? denn ich frage nach dem Vorgange. Wenn ein Maler sagt: Mir sind für das Bild 6000 Mark geboten, so heißt das: ich kann das Geld jeden Augenblick bekommen, der Bieter ist an sein Gebot gebunden. $Seite105$ Sagt er aber: Mir sind 6000 Mark geboten worden, so kann der Bieter sein Gebot längst wieder zurückgezogen haben.

Handelte sichs um einen besonders feinen Unterschied, der schwer nachzufühlen und deshalb leicht zu verwischen wäre, so wäre es ja nicht zu verwundern, wenn er mit der Zeit verschwände. Aber der Unterschied ist so grob und so sinnfällig, daß ihn der Einfältigste begreifen muß. Und doch dringt der Unsinn, eine Handlung, einen Vorgang, ein Ereignis als Zustand, als Sachlage hinzustellen, in immer weitere Kreise und gilt jetzt offenbar für fein. Selbst ältere Leute, denen es früher nicht eingefallen wäre, so zu reden, glauben die Mode mitmachen zu müssen und lassen das worden jetzt weg. Täglich kann man Mitteilungen lesen, wie: Dr. Sch. ist zum außerordentlichen Professor an der Universität Leipzig ernannt — dem Freiherrn von S. ist auf sein Gesuch der Abschied bewilligt — in H. ist eine Eisenbahnstation feierlich eröffnet — oder Sätze, wie: über den Begriff der Philologie ist viel herumgestritten — die märkischen Stände sind um ihre Zustimmung offenbar nicht befragt — so ist die Reformation in Preußen als Volkssache vollzogen — er behauptete, daß er in dieser Anstalt wohl gedrillt, aber nicht erzogen sei — die Methode, in der Niebuhr so erfolgreich die römische Geschichte behandelte, ist von Ranke auf andre Gebiete ausgedehnt — man rühmt sich bei den Nationalliberalen, daß über 12000 Stimmen von ihnen abgegeben seien — es kann nicht geleugnet werden, daß an Verhetzung geleistet ist, was möglich war — wie hätte die schöne Sammlung zustande kommen können, wenn nicht mit reichen Mitteln dafür eingetreten wäre?

Doppelt unbegreiflich wird der Unsinn, wenn durch Hinzufügung einer Zeitangabe noch besonders fühlbar gemacht wird, daß eben der Vorgang (manchmal sogar ein wiederholter Vorgang) ausgedrückt werden soll, nicht die durch den Vorgang entstandne Sachlage. Aber gerade auch diesem Unsinn begegnet man täglich in Zeitungen und neuen Büchern. Da heißt es: das Verbot der und der Zeitung ist heute wieder aufgehoben (worden! $Seite106$ möchte man immer dem Zeitungschreiber zurufen) — der Anfang zu dieser Umgestaltung ist schon vor längerer Zeit gemacht (worden!) — diese Frage ist schon einmal aufgeworfen und damals in verneinendem Sinne beantwortet (worden!) — vorige Woche ist ein Flügel angekommen und unter großen Feierlichkeiten im Kursaal aufgestellt (worden!) — die Fürstin Bismarck ist heute morgen in Friedrichsruh von einem Sohn entbunden (worden!) — in späterer Zeit sind an dieser Tracht die mannigfachsten Veränderungen vorgenommen (worden!) — in gotischer Zeit ist das Schiff der Kirche äußerlich verlängert und dreiseitig geschlossen (worden!) — an der Stelle, wo Tells Haus gestanden haben soll, ist 1522 eine mit seinen Taten bemalte Kapelle errichtet (worden!) — am Tage darauf, am 25. Januar, sind noch drei Statuen ausgegraben (worden!) — jedenfalls ist der Scherz in Karlsbald bei irgend einer Gelegenheit aufs Tapet gebracht (worden!) — in B. ist dieser Tage ein Kunsthändler wegen Betrugs zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt (worden!) — diese Dinge sind offenkundig, denn sie sind hundertmal besprochen (worden!) — die Wandlungen der Mode sind zu allen Zeiten von Sittenpredigern bekämpft (worden!) — bis 1880 ist von dieser Befugnis nicht ein einzigesmal Gebrauch gemacht (worden!).

Wo der Unsinn hergekommen ist? Er stammt aus dem Niederdeutschen und hat seine schnelle Verbreitung unzweifelhaft von Berlin aus gefunden. Die Unterscheidung der beiden Perfekta in unsrer Sprache ist nämlich verhältnismäßig jung, sie ist erst im fünfzehnten Jahrhundert zustande gekommen, und zwar ganz allmählich. Erst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fing man an, zu sagen: daß ein Knecht geschlagen ist worden (anfangs immer in dieser Wortstellung). Aber schon im sechzehnten Jahrhundert war die willkommne Unterscheidung durchgedrungen und unentbehrlich geworden. Nur die niederdeutsche Vulgärsprache lehnte sie ab und beharrt — noch heute, nach vierhundert Jahren, dabei. Welche Lächerlichkeit nun, diesen $Seite107$ unvollkommnen Sprachrest, der heute doch lediglich auf der Stufe eines Provinzialismus steht, aller Vernunft und aller Logik zum Trotz der gebildeten Schriftsprache wieder aufnötigen zu wollen! Der Unterricht sollte sich mit aller Macht gegen diesen Rückschritt sträuben.


Zweifelsfall

Verb: Vorgangspassiv und Zustandspassiv

Beispiel
Bezugsinstanz Sprachverlauf, gesprochene Sprache, 15. Jahrhundert, 16. Jahrhundert, Berlin, Schriftsprache, gegenwärtig, neu, niederdeutsch, Mundart, Umgangssprache, niedere Sprache, Zeitungssprache, Ältere Leute
Bewertung

schlimm, so grob und so sinnfällig, Unsinn, doppelt unbegreiflich, Lächerlichkeit

Intertextueller Bezug