Zur Interpunktion

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 311 - 317
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Interpunktion: Fragezeichen

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Behandelter Zweifelfall:

Interpunktion: Gedankenstrich

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Behandelter Zweifelfall:

Interpunktion: Komma

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Literatursprache
Behandelter Zweifelfall:

Interpunktion: Punkt

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Behandelter Zweifelfall:

Interpunktion: Semikolon

Genannte Bezugsinstanzen: Lessing - Gotthold Ephraim, Schriftsprache, Literatursprache, Strauß - David Friedrich
Behandelter Zweifelfall:

Interpunktion: Doppelpunkt

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache
Behandelter Zweifelfall:

Interpunktion: Ausrufezeichen

Genannte Bezugsinstanzen: Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Text

Eine feine und schwierige Kunst ist es, gut zu interpungieren. Hier können nur einige Winke darüber gegeben werden.

Die Interpunktion verfolgt zwei verschiedne Zwecke: erstens die Satzgliederung zu unterstützen und die Übersicht über den Satzbau zu erleichtern, zweitens die Pausen und die Betonung der lebendigen Sprache in der Schrift auszudrücken. Oft fallen beide Zwecke zusammen, aber nicht immer. Wenn z. B. geschrieben wird: die Berliner Künstler haben den französischen Bildern stets die besten Plätze eingeräumt und, wenn diese nicht reichten, andre Räume gemietet — oder: wer die Tagespreise kritiklos liest und, ohne es zu wissen und zu wollen, die dargebotnen Anschauungen in sich aufnimmt — so schließt sich zwar die Interpunktion genau dem Satzbau an, steht aber in auffälligem Widerspruch zur lebendigen Sprache; niemand wird bis zu und (oder oder) sprechen und hinter und eine Pause machen, jeder wird vor und abbrechen. Daher empfiehlt es sich, das Komma hier $Seite 312$ lieber vor und zu setzen — gegen den Satzbau — und zu schreiben: da die Frauen mit Vorliebe männliche Verhüllungen wählen, und wenn sie ihren Vornamen nicht ausschreiben, auch die Handschrift sie nicht immer verrät — sie glaubte, oder wie es von ihrem Standpunkt aus wohl richtiger heißen muß, sie hoffte — daß Dichter wie Keller und Storm, oder um einige weniger berühmte zu nennen, Vischer und Riehl gesund blieben — die Elemente des Anschauungs- und Gestaltungsvermögens, oder anders ausgedrückt, des Einbildungs- und des Ausbildungsvermögens.//* Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze, da wo wir ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze da, wo wir usw.//

Dem ersten Zwecke dienen nun vor allem die drei üblichen Zeichen: Punkt, Semikolon (;) und Komma. Über die Bedeutung von Punkt und Komma begeht kein Zweifel; sie werden im allgemeinen auch richtig angewandt. Der Punkt schließt ab, das Komma gliedert; der Punkt trennt größere oder kleinere selbständige Gedankengruppen, das Komma scheidet die einzelnen Bestandteile dieser Gruppen, es tritt vor jeden Nebensatz, auch vor Partizipial- und Infinitivsätze. Jeder Satz hat nur einen Punkt; die Zahl der Kommata im Satze ist unbeschränkt. Das Semikolon endlich ist stärker als das Komma, aber schwächer als der Punkt. Es ist überall da am Platze, wo zwei Hauptsätze — mögen sie nun allein stehen oder jeder wieder von einem Nebensatze begleitet sein — einander gegenübergestellt werden, wo also der eine der beiden Hauptsätze nur die Hälfte des Gedankens enthält und den andern zu seiner Ergänzung verlangt, z. B.: hättest du dich an den Buchstaben des Gesetzes gehalten, so träfe dich kein Vorwurf; da du aber eigenmächtig vorgegangen bist, so hast du nun auch die Verantwortung zu tragen. Das Semikolon trennt also und vereinigt zugleich, es scheidet und verbindet. Sehr fein hat es daher David Strauß die Taille des Satzes genannt//** In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften, Bd. 2).// und auf Lessing hingewiesen als den, $Seite 313$ der den richtigsten Gebrauch davon gemacht habe. In der Tat ist das Semikolon für den, der damit umzugehen weiß, eins der ausdruckfähigsten Interpunktionszeichen, es wird nur noch vom Kolon übertroffen. Aber wie ungeschickt wird es manchmal behandelt! Besonders beliebt ist es jetzt, wenn vor einen Hauptsatz eine größere Anzahl gleichartiger Nebensätze tritt, z. B. drei, vier, fünf Bedingungssätze, diese alle durch Semikolon voneinander zu trennen. Nichts ist abgeschmackter als eine solche Anwendung. Zwischen Haupt- und Nebensatz ist einzig und allein das Komma am Platze; folgen mehrere gleichartige Nebensätze aufeinander, so hat hinter jedem immer wieder nur das Komma zu stehen. Wie der Punkt, so kann auch das Semikolon in einem gut gegliederten Satze nur einmal vorkommen; ein Satz, der mehr als ein Semikolon enthält, ist entweder schlecht interpungiert oder schlecht gegliedert.

Aber auch in dem Gebrauche des Kommas werden mancherlei Fehler gemacht. Wenn vor ein Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so gilt im allgemeinen die Regel, diese Eigenschaftswörter durch Kommata voneinander zu trennen. Manche wollen zwar neuerdings davon nichts wissen, sie schreiben: ein guter treuer anhänglicher zuverlässiger Mensch: aber das verstößt gegen die Betonung der lebendigen Sprache, die bei solchen längern Attributreihen hinter jedem Attribut eine fühlbare kleine Pause macht, und vor allem: man beraubt sich damit sehr notwendiger Unterscheidungen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich schreibe: er hatte eine tiefe, staatsmännische Einsicht oder: eine tiefe staatsmännische Einsicht — hier schließt der erste, historische Abschnitt oder; der erste historische Abschnitt des Buches. Im ersten Falle stehen die beiden Attribute parallel zueinander, das zweite erläutert das erste: er hatte eine tiefe, (wahrhaft oder echt) staatsmännische Einsichthier schließt der erste, (nämlich) historische Abschnitt des Buches. Im zweiten Falle bildet das zweite Attribut mit dem Hauptwort einen einzigen Begriff, sodaß tatsächlich nur ein Attribut übrig bleibt: er hatte staatsmännische Einsicht, und diese war tief — $Seite 314$ das Buch hat mehrere historische Abschnitte, und hier schließt der erste davon (vgl. S. 292). Auf solche Weise kann sogar ein drittes Attribut wieder dem zweiten übergeordnet werden. Es darf also kein Komma stehen in folgenden Verbindungen: ein starker demokratischer Zug, eine liebenswürdige alte Jungfer, die nackteste persönliche Herrschsucht, das jahrelange geistliche Eifern, der unvermeidliche tragische Ausgang, nach überstandnem sturmvollem Leben, von gewissen hohen österreichischen Offizieren, die ganze vielgepriesene englische Kirchlichkeit. Ebenso muß ohne Komma geschrieben werden: das andre der klassischen Richtung angehörige Drama — wenn der betreffende Dichter mehrere der klassischen Richtung angehörige Dramen geschrieben hat, wogegen das Komma nicht fehlen dürfte, wenn er nur zwei Dramen geschrieben hätte, eins, das der modernen, und eins, das der klassischen Richtung angehört.

Wenn zwei Hauptsätze oder auch zwei Nebensätze durch und verbunden werden, so gilt im allgemeinen die verständige Regel, daß vor und ein Komma stehen müsse, wenn hinter und ein neues Subjekt folgt, dagegen das Komma wegbleiben müsse, wenn das Subjekt dasselbe bleibt. Natürlich ist dabei unter Subjekt das grammatische Subjekt zu verstehen, nicht das logische. Seinem Begriffe nach mag das zweite Subjekt dasselbe sein wie das erste: sowie es grammatisch durch ein Fürwort (er, dieser) erneuert wird, darf auch das Komma nicht fehlen. Dagegen wird niemand vor und ein Komma setzen, wo und nur zwei Wörter verbindet. Doch sind Ausnahmefälle denkbar, z. B. er welkt, und blüht nicht mehr — in Leipzig, wo man so viel, und so viel gute Musik hören kann — er war unfähig als Heerführer, und als Mensch unbedeutend und wenig sympathisch. Er blüht und duftet nicht mehr — da wäre das Komma überflüssig. In solchen Fällen tritt der zweite Zweck der Interpunktion in seine Rechte: die Pausen und die Betonung der lebendigen Sprache auszudrücken, selbst abweichend von dem ersten, die Gliederung des Satzbaues zu unterstützen.

$Seite 315$ Auch vor einem Infinitiv mit zu ist es wohl allgemein üblich, ein Komma zu setzen. Manche lassen es zwar hier jetzt weg, namentlich wenn der Infinitiv ganz unbekleidet ist; sie halten es für überflüssig, ein so kurzes, nur aus zwei Wörtern bestehendes Glied durch ein besondres Zeichen abzutrennen. Es ist aber doch gut, es überall zu setzen, da sonst leicht Zweifel oder Mißverständnisse entstehen können. Wenn jemand schreibt: es ist schwer zu verstehen — so kann der Sinn nur sein: es ist zu verstehen, aber schwer — und wenn geschrieben wird: ohne den Genuß zu empfinden, so kann Genuß nur als Objektiv zu empfinden aufgefaßt werden. Wenn man aber ausdrücken will: es bereitet Schwierigkeiten, es zu verstehen — ohne den Genuß, der darin besteht, daß man empfindet? Das kann nur durch ein Komma deutlich gemacht werden. Man muß also unterscheiden zwischen: es ist nicht gut, zu verlangen und: es ist nicht gut zu verlangen — es war ein Fest, zu sehen und: es war ein Fest zu sehen. Aber auch in Sätzen wie: er befahl ihm Gläser zu bringen — die ultramontane Presse verstand es bald allerlei Mißverständnisse aufzufinden — entsteht der Zweifel: wozu gehört ihm? wozu gehört bald? zu verstehen oder zu auffinden? Ein Komma hebt sofort den Zweifel.

Nur in einem Falle ist es nicht nur überflüssig, sondern geradezu störend, vor den Infinitiv mit zu ein Komma zu setzen, nämlich dann, wenn der Infinitiv ein Objekt oder ein Adverb bei sich hat und dieses vor dem regierenden Verbum steht, von dem der Infinitiv abhängt, z. B. diesen Gedanken könnte man versucht sein, mit Wallenstein herzlich dumm zu nennen. Diesen Gedanken könnte man versucht sein — das ist nur ein Satzbruchstück ohne allen Sinn, was soll da das Komma? Es ist aber auch durch die lebendige Sprache hier nicht gerechtfertigt, denn niemand wird hinter versucht sein im Sprechen anhalten, alles drängt zu dem Infinitiv, der erst das Objekt verständlich macht, das vorläufig noch in der Luft schwebt. Es empfiehlt sich also, ohne Komma zu schreiben: bares Geld gelang es ihm nicht $Seite 316$ sich anzueignen — tatsächliche Irrtümer dürfte es schwer sein in dem bändereichen Werke aufzustöbern — was bemüht man sich mit dem Worte Sozialismus zu benennen? — alle Abfälle hatte sie sich ausgebeten ihm bringen zu dürfen — auf die Erhaltung des Waldes war die Behörde geneigt das entscheidende Gewicht zu legen — gegen diese Szene liegt es uns fern uns hier zu ereifern — ich gebe dir keinen Rat, den ich nicht bereit wäre selber zu befolgen — die Anforderungen, die wir uns gewöhnt haben an eine solche Aufgabe zu stellen — der Wust von Aberglauben, den der Vorgänger sich rühmte ausgefegt zu haben — der Unterschied, den der Offizier gewohnt ist zwischen seiner Stellung als solcher und der als Gentleman zu machen — die Oberamtsrichter, denen manche geneigt sind die Rektoren gleichzustellen — seine Verwandten, für die es vor allem seine Pflicht wäre zu sorgen.

Unbegreiflich ist es, daß man die beiden grundverschiednen ja, die es gibt, das beteuernde und das steigernde, nie richtig unterschieden findet, und doch sind sie durch die Interpunktion so leicht zu unterscheiden. Ein Komma gehört nur hinter das beteuernde ja, denn nur hinter diesem wird beim Sprechen eine Pause gemacht: ja, es waren herrliche Tage! Das steigernde ja dagegen wird mit dem folgenden Worte fast in eins verschmolzen: sie duldete diese Mißhandlungen, ja sie schien sie zu verlangen — es ist wünschenswert, ja es ist geradezu unerläßlich — hinter Frankreich liegt der Atlantische Ozean, ja man kann sagen die ganze andre Welt. Was soll da ein Komma? Ebenso töricht ist es, ein doppeltes ja (ja ja) und ein doppeltes nein (nein nein) durch Kommata zu trennen, wie man es in Erzählungen und Schauspielen stets gedruckt lesen muß. Man spricht doch nicht ja (Pause), ja, sondern jajjah, neinnein, als ob es nur ein Wort wäre.

Ganz verkehrt wird von vielen das Kolon (:) angewandt: sie setzen es statt des Semikolons (;) und stören damit den, der die Bedeutung der Satzzeichen kennt, auf die ärgerlichste Weise. Das Semikolon schließt ab, wie der Punkt; das Kolon schließt auf, es hat vorbereitenden, $Seite 317$ spannungerweckenden, aussichteröffnenden Sinn, ein gutgesetztes Kolon wirkt, wie wenn eine Tür geöffnet, ein Vorhang weggezogen wird. Daher steht es vor allem vor jeder direkten Rede (vor die indirekte gehört das Komma!); es ist aber auch überall da am Platze, wo es so viel bedeutet wie nämlich, z. B.: der Verfasser hat mehr getan als diesen Wunsch erfüllt: er hat die Aufsätze vielfach erweitert und ergänzt — oder wo es dazu dient, die Folgen, das Ergebnis, das erwartete oder unerwartete Ergebnis des vorhergeschilderten einzuleiten, z. B.: wir baten, flehten, schmollten: er blieb ungerührt und sprach von etwas anderm.

Geschmacklos ist es, die der Betonung dienenden Zeichen, das Fragezeichen und das Ausrufezeichen, zu verdoppeln, zu verdreifachen oder miteinander zu verbinden: ??, !!!, ?! Dergleichen schreit den Leser förmlich an, und das darf man sich doch wohl verbitten. Eine Abgeschmacktheit ohnegleichen aber ist es, halbe oder ganze Zeilen mit Punkten oder Gedankenstrichen zu füllen, wie es unsre Romanschreiber und Feuilletonisten jetzt lieben. Das soll geistreich aussehen, den Schein erwecken, als ob der Verfasser vor Gedanken oder Bildern beinahe platzte, sie gar nicht alle aussprechen oder ausführen konnte, sondern dem Leser sich auszumalen überlassen müßte. Es ist aber meistens Wind; wer etwas zu sagen hat, der sagt es schon.


Zweifelsfall

Interpunktion: Komma

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, Literatursprache
Bewertung

geradezu störend, unbegreiflich, ganz verkehrt, auf die ärgerlichste Weise, geschmacklos, Abgeschmacktheit ohnegleichen

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Interpunktion: Semikolon

Beispiel
Bezugsinstanz Lessing - Gotthold Ephraim, Schriftsprache, Literatursprache, Strauß - David Friedrich
Bewertung
Intertextueller Bezug Strauß - David: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften, Bd. 2)


Zweifelsfall

Interpunktion: Doppelpunkt

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache
Bewertung
Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Interpunktion: Ausrufezeichen

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Bewertung
Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Interpunktion: Fragezeichen

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Bewertung
Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Interpunktion: Gedankenstrich

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Bewertung
Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Interpunktion: Punkt

Beispiel
Bezugsinstanz Schriftsprache, Literatursprache, Zeitungssprache
Bewertung
Intertextueller Bezug