Ich habe (es) schon gehört, daß er fort ist; ich hörte, er sei fort; ich höre, er ist fort

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 322 - 323
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Unsicherheit
Text

Daß auch bei den Sätzen, die den ungefähren Inhalt einer Rede, Erwägung und Wahrnehmung enthalten, die verschiedenen Ausdrucksweisen eine verschiedene Betonung ihrer Wichtigkeit bedeuten, dafür ist zum großen Schaden der Schönheit und Abwechslung der Sprache das Verständnis nur noch sehr gering. Meist erscheinen sie in der ewig gleichen Form mit daß, unter dem Einflusse des Französischen mit seinen endlosen que-Sätzen und der — schlechten deutsch-lateinischen Übungsbücher. Und doch ist diese Form nur am Platze, wenn auf dem regierenden Zeitwort größerer Nachdruck liegt als auf dem Inhalte der Mitteilung, für den eben darum die eigentliche Nebensatzform angebracht ist. Wenn z. B. eine Tatsache bekannt, also „der fertige Inhalt der Aussage des Verbalsatzes gegeben ist", wie gewöhnlich bei den Zeitwörtern bekennen, gestehen, versichern, und es nur auf jemandes Stellungnahme zu ihr ankommt, wird man also immer diese Ausdrucksweise wählen: Er versicherte wiederholt, er stellte entschieden in Abrede, er erklärt, daß er besagten Schritt nicht veranlaßt hat. Ist dagegen, wie es gewöhnlicher ist, der Inhalt der Rede etwas Neues und der Hauptgegenstand und liegt mehr daran, dies seinem Inhalte nach und nicht so sehr die Art kennen zu lernen, wie es erklärt und wahrgenommen worden ist, was sich auch im höhern Tone des abhängigen Satzes verrät, so ist und bleibt dem Deutschen die Form eines konjunktionslosen Konjunktivsatzes mit der Wortfolge des Hauptsatzes angemessen: Es verdroß mich gar sehr, als ich vernahm, Grotius habe übermütig geäußert, er lese den Terenz anders als die Knaben (Goethe). Für den Feinfühligen wird es daher in einer Novelle gar nicht anders heißen können, als die Verfasserin geschrieben hat: Kaum eingeschlafen, erwachte Johanna mit Herzklopfen, weil ihr träumte, die Wohnungstür, die Elise doch vor ihren Augen verriegelt hatte, sei von selbst aufgesprungen und durch sie herein sei der Hausmeister getreten, im Kostüm R. Rinaldinis; anders dagegen ein Stück weiterhin, wo der Inhalt der Wahrnehmung gegeben, ob sie gemacht wird oder nicht, aber bedeutsam ist: Eine Kasse anschaffen — leicht gesagt; aber wie bringt man sie herein, ohne daß die Leute es merken? meinte E. ..., und wenn die Leute merken, daß man eine Kasse hat, vermuten sie gleich, daß etwas darin sei; und das (nämlich diese Vermutung) ist gefährlich.

$Seite 323$ Noch kräftiger wird die Bedeutsamkeit des Inhalts einer Mitteilung hervorgehoben, wenn auch das letzte Zeichen der Abhängigkeit, der Konjunktiv, schwindet und die Mitteilung oder Wahrnehmung in vollständig unabhängiger Form zu dem nur dem Tone nach übergeordneten Verbum tritt. So sagt in dem Gespräche, das Wilhelm Meister über das Kabinett seines Großvaters mit dem Fremden hat, dieser und kann nicht anders sagen: Ich sah es noch kurz vorher, ehe es verkauft wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursach, daß der Kauf zustande kam. Ein österreichischer Abgeordneter sagte gleich richtig im Juni 1891: Wir vertrauen, der Kaiser wird seine Bündnisse so schließen, daß alle österreichischen Völker in Frieden leben und die Monarchie ein gesuchter Bundesgenosse bleibt. P. Ernst schreibt: Man werfe nicht ein, Chimene übertreibt temperamentvoll, und die sachliche Unwahrheit soll schauspielmäßig ihren Charakter malen. Vor allem liebte Bismarck diese Form, wie sie denn überhaupt mehr norddeutsch und die konjunktivische Fügung mehr süddeutsch ist//1 Vgl. Theod. Matthias in der Zeitschrift des Allgem. Deutschen Sprachvereins 1895 (S.114 f.); Wunderlich, Festschrift zur 50j. Doktorjubelfeier K. Weicholds, Straßburg 1896, Trübner, S. 147 ff.//. Doch entscheidet neben dem landschaftlichen Einfluß auch noch ein anderer Unterschied für und gegen den Konjunktiv: die Zeit des regierenden Verbs. Nach einer Vergangenheit setzt auch C. F. Meyer die Abhängigkeitsform: Mir war, ich (ihm war, er) werde geblendet; nach einer Gegenwart fügt er: Ich glaube, der Herzog erwartet uns.


Zweifelsfall

Konjunktiv oder Indikativ

Beispiel
Bezugsinstanz Bismarck - Otto von, Meyer - Conrad Ferdinand, Goethe - Johann Wolfgang, norddeutsch, Literatursprache, 19. Jahrhundert, Österreich, Sprache der Politik, Ernst - Paul, süddeutsch
Bewertung

angebracht, Frequenz/meist, für den feinfühligen wird es daher gar nicht anders heißen können, gleich richtig, ist und bleibt dem Deutschen angemessen, kann nicht anders sagen, nur am Platze, wenn, unter dem Einflusse des Französischen mit seinen endlosen que-Sätzen und der - schlechten deutsch-lateinischen Übungsbücher, wird man also immer diese Ausdrucksweise wählen

Intertextueller Bezug Th. Matthias: Zeitschrift des Allgem. Deutschen Sprachvereins 1895 (S. 114 f.), Wunderlich: Festschrift zur 50j. Doktorjubelfeier K. Weicholds, Straßburg 1896, Trübner, S. 147 ff.