Wirkliche unverbundene Mittelwörter

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 349 - 351
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Unsicherheit
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Von einem wirklich ganz absoluten Partizipium kann erst dann die Rede sein, wenn die in dem zweiten Partizip der letzten Art angedeutete Handlung nicht von einem ihm übergeordneten Satze enthaltenen Subjekt ausgeführt wird, sondern von einem beliebigen eigenen Subjekt, das sich in einer unpersönlichen Wendung verbirgt oder aus dem Zusammenhange oder der Anrede sich von selbst versteht, aber nie genannt ist. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß alle die nämlichen Partizipien auch in Beziehung auf ein Subjekt im übergeordneten Satze stehen können, nur dann nicht absolut im strengen Sinne, während umgekehrt durchaus nicht alle die Verbindungen eines zweiten Mittelwortes mit dem Akkusativ, die in der oben erläuterten Weise einen sinnlich wahrnehmbaren Zustand des übergeordneten Subjekts oder einen für sein Handeln wichtigen Zeitumstand angeben, auch unverbunden gebraucht werden können. Zugleich gänzlich unverbunden und auch ver- $Seite 350$ bunden stehn nämlich fast nur zweite Mittelwörter von Verben, die ein Mitteilen//1 Gesagt, ausgesprochen, vorausgeschickt, -gesandt, -bemerkt.//, Annehmen und Zugeben//2 Gesetzt, vorausgesetzt, fortgesetzt, angenommen, eingestanden, zugegeben, bewiesen, nicht bewiesen, ungerechnet, unbeschadet.// wie deren Gegenteile, ein Wahrnehmen//3 Streng oder genau genommen, (genau) betrachtet, aufgefaßt, überlegt.//, Beurteilen//4 Angewendet, (genau) besehen, - betrachtet, soundso angesehen, ...beurteilt.//, Aus- und Einschließen//5 Ausgenommen, aus-, eingeschlossen, eingerechnet, inbegriffen, vorbehalten, abgesehen von.//, und seltner, die ein Ausführen//6 Angefangen mit, getan, ausgeführt, erledigt.// bezeichnen, bis auf die zwei mit präpositionalem Objekte: abgesehn von und angefangen mit, lauter transitive//7 Eine Ausnahme bildet nur die Formel: Dies geschehn, die z. B. in dem Satze H. Hopfens steht: Dies geschehen, nahm der Student Conrad an der Hand, und in ihrer Art also den (S. 345 g. E.) angeführten Fügungen entspricht.//, wie die Zusammenstellung unten beweist, die freilich weniger vollständig als wegweisend sein will//8 Unverständlich bleibt der von Andresen gemachte Unterschied zwischen Verben, welche die Sinnenwelt betreffende Handlungen ausdrücken, deren Partizipien nicht absolut — im alten Sinne — sollen gebraucht werden können, und solchen, welche sinnlich wahrnehmbare Zustände bezeichnen, deren Partizipien absolut stehn dürften. Als ob nicht diese Zustände aus jenen Handlungen folgten! Ich vermag wenigstens zwischen dem Satze: Schild und Lanze weggeworfen, fliehn sie über Berg und Tal, in dem das Partizip eine die Sinnenwelt betreffende Handlung ausdrücken und undeutsch sein soll, und dem Goethischen: Im Felde schleich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr, dessen Partizip einen sinnlich-wahrnehmbaren Zustand bezeichnen und gut sein soll, auch gar keinen Unterschied zu finden: denn auch die Worte: Schild und Lanze weggeworfen bezeichnen doch den sinnlich wahrnehmbaren Zustand, in dem sie fliehn.//. Als Beispiel für solche Fügungen intransitiver Zeitwörter sei dem § 347, Anm. 2 angeführten Beispiel aus Grillparzer noch beigesellt aus „Wien und die Wiener" 1844: Diese Gesellschaften versammelten allemal ein besseres Publikum und fanden reichen Gewinn. Soweit gediehen, war nur noch ein Schritt zur Verbesserung des Harfenistenwesens.

Nur selten fehlt neben diesen absoluten Partizipien aktivischer Verben eine Ergänzung; nur dann nämlich, wenn sie sich aus dem Zusammenhange ergibt oder wenn der im Partizip liegende Verbalbegriff, unter Umständen mitsamt seinem Prädikatsnomen, das Betontere ist, wie in den zwei folgenden Sätzen: Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Leiter deutscher Blätter endlich selber in den Kampf gegen die Fremdwörter eingreifen ... einmal angefangen, wird sich der Geist der deutschen Sprache schon zwingen, das bequeme Anlehnen auch an den Satzbau der Römer sein zu lassen. — Die adligen Herrschaften laden uns zu ihren großen Festen ein und kommen in unser Haus; als ein Schauspiel betrachtet, in dem schöne Damen und Herren die Rolle spielen, habe ich nichts dagegen (Eltze).

Gewöhnlich steht eine Ergänzung dabei. Bisweilen ein Haupt- oder Fürwort, nach S. 347, Anm. 2 natürlich im vierten Falle wie in den zwei Sätzen Lessings: Die Sache so angesehn, scheint nur dieser Weg zum Ziele zu führen, und: Ihn als menschlichen Helden genommen, ist jenes Wort mehr als bedenklich, und bei J. Grimm: eine neue Lage, die, jene Befähigung ganz unangeschlagen, wenig gemacht schien ... Am häufigsten steht das Wort dies (das) oder ein Satz mit daß dabei: Angesehn aber, daß $Seite 351$ sein Scharfsinn ihr überlegen war, so wußte sie sich gar nicht zu raten. Daß aber auch andre Objektssätze möglich sind, mag der Satz eines Germanisten veranschaulichen: Mittelhochdeutsch ist mit Jungfrau nichts weiter gemeint als das Standesverhältnis oder die geschlechtliche Beziehung, ob verheiratet oder nicht, ganz unberührt. Ja namentlich mit derartigen Sätzen hat sich die unverbundene Fügung auch auf Eigenschaftswörter ausgedehnt, die dann samt dem von ihnen abhängigen Satze gewöhnlich eingeschoben werden. Der Satz der Tgl. R. z. B.: So stürzte sie, gleichgültig, wohin der Zufall sie führen würde, auf die Straße hinaus, hat sein Gegenstück bei G. Keller: Sie sah Herrn Reinhard mit großen Augen an, während es, zweifelhaft, ob bös oder gut gelaunt, um ihre Lippen zuckte. Ganz absolut, im Werte eines eingeschobenen Relativsatzes, fügte H. Mann z. B. ein solches Mittelwort ein: Viel Zeit verloren vom Lernen, aber, nie gekannt, sein Geist war absichtslos vorgedrungen. Aus einem unbedeutenden eigenen Ansatze, allerdings unter fremdem Einflusse, zu mächtigen Trieben entwickelt, sehn diese Fügungen heute gewiß nicht mehr wie Bilanzen fremder Herkunft aus und nehmen sich unter den andern, auf dem Boden der deutschen Sprache gediehenen Gewächsen schmuck und heimisch aus.


Zweifelsfall

Partizipialgruppen und Konkurrenzkonstruktionen

Beispiel
Bezugsinstanz 19. Jahrhundert, Stifter - Adalbert, Eltze - A. (?), Keller - Gottfried, Fachsprache (Germanistik), Goethe - Johann Wolfgang, Grillparzer - Franz, Hopfen - Hans von, Mann - Heinrich, gegenwärtig, Grimm - Jacob, Lessing - Gotthold Ephraim, Zeitungssprache
Bewertung

Aus einem unbedeutenden eigenen Ansatze, allerdings unter fremdem Einflusse, zu mächtigen Trieben entwickelt, eine Ausnahme bildet, Frequenz/Am häufigsten, Frequenz/fast nur, Frequenz/gewöhnlich, Frequenz/Gewöhnlich, Frequenz/nur selten, Frequenz/seltner, Ich vermag auch gar keinen Unterschied zu finden, möglich, nehmen sich unter den anderen, auf dem Boden der deutschen Sprache gediehenen Gewächsen schmuck und heimisch aus, sehn diese Fügungen heute gewiß nicht mehr wie Pflanzen fremder Herkunft aus

Intertextueller Bezug Andresen