Falsch angeschloßnes Partizipium

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 169 - 170
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Partizipialgruppen und Konkurrenzkonstruktionen

Genannte Bezugsinstanzen: Gegenwärtig, Literatursprache
Text

Noch größer als bei Infinitivsätzen mit um zu ist bei Partizipialsätzen die Gefahr eines Mißverständnisses, wenn das Partizip an ein andres Wort im Satze als an das Subjekt angelehnt wird; das nächstliegende wird es auch hier immer sein, es auf das Subjekt des Hauptsatzes zu beziehen. Entschieden schlecht, wenn auch noch so beliebt, sind Verbindungen, wie folgende: angefüllt mit edelm Rheinwein, überreiche ich Eurer Majestät diesen Becher — kaum heimgekehrt, wandte sich die engherzigste Philisterei gegen ihn — im Begriff (nämlich seiend), mit Dampf das Weite zu suchen, ward man ihrer auf dem Bahnhofe habhaft — einmal gedruckt, kehre ich dem Buche den Rücken — erhaben über Menschenlob und dessen nicht bedürftig, wissen wir, was wir an unserm Fürsten haben — an der Begründung unsers Unternehmens wesentlich beteiligt und während der ganzen Dauer desselben an der Spitze des Aufsichtsrates stehend, verdanken wir der Tatkraft und Geschäftskenntnis des verehrten Mannes unendlich viel — abstoßend, schroff, von der mildesten Güte, verschlossen und hingebend, konnte man ganz irre an ihm werden — durch Rotationsdruck angefertigt, sind wir in der Lage, das Verzeichnis zu einem Spottpreis zu liefern — verzweiflungsvoll umherblickend, schlotterten dem Angeredeten die Kniee.//* Der Verfasser dieses Satzes könnte sich allerdings auch die Kniee umherblickend gedacht haben. Bei Romanschreibern ist alles möglich. Erzählt doch ein andrer, daß eine junge Dame einen ihr erwiesenen Ritterdienst „mit einem lächelnden Schlage ihrer kleinen Hand" belohnt habe.// Besonders beliebt ist es jetzt, das Partizip anschließend so zu verbinden, daß man immer eine Zeit lang im Satze suchen muß, worauf es sich eigentlich beziehen soll, z. B. schon in Ingolstadt hatte er sich, anschließend an seine astronomischen Arbeiten, optischen Studien gewidmet. Das anschließend soll hier auf Studien gehen: er schloß die optischen Studien an seine astronomischen Arbeiten an. Ebenso: anschließend an diese allgemeine Einführung dürfte es zweckmäßig sein, einmal das Gebiet der Einzelheiten $Seite 170$ zu übersehen. Das schlimmste ist es, vor den Hauptsatz ein absolutes Partizip zu stellen, für das man sich dann vergebens in dem Satze nach einem Begriff umsieht, auf den es bezogen werden könnte, z. B.: wiederholt lächelnd und lebhaft grüßend, fuhr das Kriegsschiff vorüber. Die Partizipia sollen sich auf den Kaiser beziehen! Es braucht nicht immer ein so lächerlicher Sinn zu entstehen wie hier, auch so beliebte Partizipia, wie: dies vorausgesetzt, dies vorausgeschickt, dies zugegeben u. ähnl., sind nicht schön. Ja man kann noch weiter gehen und sagen: das unflektierte Partizip überhaupt, wenigstens das der Gegenwart (1870 wandte er sich an Richard Wagner, ihn fragend — er schlich sich feige davon, nur ein kurzes Wort des Abschieds zurücklassend), hat im Deutschen immer etwas steifes; die Sprache erscheint in solchen Partizipien wie halb erstarrt.


Zweifelsfall

Partizipialgruppen und Konkurrenzkonstruktionen

Beispiel
Bezugsinstanz gegenwärtig, Literatursprache
Bewertung

Das schlimmste, Entschieden schlecht, Frequenz/beliebte, Frequenz/besonders beliebt, lächerlicher Sinn, nicht schön, Sprache erscheint wie halb erstarrt, steifes

Intertextueller Bezug