Der substantivierte Infinitiv eine Quelle unschöner Zusammensetzungen

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 262 - 263
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Unsicherheit
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Ja zu allen diesen Fehlern kommt hier gar noch ein besonderer hinzu: Dieses Zusammenpressen, das bei der engeren Zugehörigkeit des Infinitivs zum Verbum besonders leicht fallen muß, ist nur eine Stufe auf dem Wege, an dessen Ziele die Infinitive mit ihren Adverbialien und Objekten vollends zu einem Zwitterdinge von verbaler Fügung und Substantivum verdichtet werden. Am ehesten wird es sich ertragen lassen, wenn ein oft in gleicher Verbindung und Bedeutung gebrauchtes Adverbiale, das eben der allgemeinen Bedeutung halber nur aus Präposition und artikellosem Substantiv besteht, mit dem Infinitiv zusammenwächst: das Zuhausebleiben, Beiseitetreten, Zutagetreten, Inachtnehmen. Ausnahmsweise wird man auch dem oder jenem Fachmanne, zumeist dem Philosophen, ein Mehr zugestehen: das Nichtaufkommenlassen, Anundfürsichsein; auch ein Humorist oder ein Spottvogel darf manchmal versuchen, mit solchen Bildungen eben durch ihr Absonderliches eine eigentümliche Wirkung zu erzielen, ob nun Heine über das Nebeneinandergehenktwerden spottet oder P. Richter sich Gefühlen überläßt über ein solches gemeinsames Zusammenbrüten in Einem Neste, das nächtliche Poltern, Türenzuwerfen seines ... Schmollgeistes, das ungewöhnliche Alleinessen, die Nachricht des Beisammenwohnens, etwas zum Wechseljammern über ihre Weiber.

Aber in den Stil der Erzählungen und des Vortrages, in die Berichte der Geschichts- und Zeitungsschreiber, in die Plaudereien und Besprechungen der Tages- und Monatsblätter gehörten alle die folgenden Bildungen nicht: 1. das in den Vordergrund Treten eines Soldaten, das an die Wand Malen des russischen Teufels, das Gefühl des noch nicht über die Lippen Bringens; 2. das Beidemhausewohnen, das Nichtversammeltsein der Kammern, das Nachneunuhrzubettgehn, das Nochnichtdagewesensein, das Ausderrollefallen, das Überwiegendwerden des Tones, das lange Erhaltenbleiben der Organismen, das häufige Scheuwerden der Pferde vor den neben der Straße hingeführten Sekundärbahnen. Nach dem S. 116, Anm. 1 Bemerkten weist solche Klebarbeit noch einen besonderen Fehler auf, wenn das Zeitwort rückbezüglich ist: ein Sichhinwegsetzen über die Sünde, eine Energie im Sichunterhalten und Allesansehn, die Erscheinung des Nichtweitersichausbreitens der Cholera. Natürlich wird hier der Fehler mit Streichung des sich nicht behoben; drum hätte ein moderner Epiker (Fr. Lange) $Seite 263$ wahrlich nicht dichten sollen: Gern auch ward mein wirres Denken. Langsam ein in den Tod Versenken, oder: Und all dies schmerzbittre Brennen. Der Brust, dies nicht erschöpfen können. Wie diese entsetzliche Unart der allerneusten Sprache, die schon die Dichter ansteckt, wirklich vermieden werden könne, sei kurz gezeigt: die Erscheinung, daß sich die Cholera nicht weiter ausbreitet; das Gefühl, als ob oder daß man etwas nicht über die Lippen brächte oder bringt; der Grund liegt nur darin, daß die Kammern nicht versammelt sind. Daß die Pferde vor den ... Sekundärbahnen so oft scheunen, hat das Vorurteil gegen diese noch erhöht, statt: das Sichaneignen (Bücherfr. 13): die Aneignung eines bestimmten Tatsachenwissens.


Zweifelsfall

Wortbildung: Substantivierungen

Beispiel
Bezugsinstanz neu, Zeitungssprache, Fachsprache (Geschichtswissenschaft), Literatursprache, Fachsprache, Lange - Friedrich, Heine - Heinrich, Richter - Johann (Jean) Paul Friedrich, Fachsprache (Philosophie), gesprochene Sprache
Bewertung

Absonderliches, Am ehesten wird es sich ertragen lassen, besonderen Fehler, eigentümliche Wirkung, entsetzliche Unart, Fehler nicht behoben, Fehlern, hätte wahrlich nicht dichten sollen, Klebarbeit, vermieden

Intertextueller Bezug