Möglichkeit und Vorzug einer (verstärkenden) Verneinung im Nebensatze

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 410 - 412
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Doppelte Negation

Genannte Bezugsinstanzen: Freytag - Gustav, Goethe - Johann Wolfgang, Grimm - Jacob, Grimm - Wilhelm, Literatursprache, Luther - Martin, Ranke - Leopold von, Schiller - Friedrich
Text

Wunderbarer ist das darum, weil neben dem leisen Bedeutungsunterschiede bei fürchten vor allem der Grund vorhanden wäre, der in fast allen folgenden Fällen für eine zweite Verneinung ins Gewicht fällt: daß nämlich die Selbständigkeit der Sätze nicht nur früher größer war, sondern noch immer gefühlt wird. Denn deren Kraft ist noch heute so groß, daß selbst bei Wörtern wie verbieten, zweifeln u. a. im Nebensatz, sobald er ohne Bindewort und in der Stellung des Hauptsatzes erscheint, eine Verneinung sogar nötig ist: Ich zweifle, er wird wohl nicht kommen, neben: Ich bezweifle, daß er kommt, oder: Ich fürchte, er wird sich doch nicht rächen, neben: Ich fürchte, daß er sich räche. Man kann daher auch für die daß-Sätze und selbst für die Infinitiv-Konstruktionen die Regel so fassen. $Seite 411$ sobald sie als eng angeschlossene Objekts- oder Subjektssätze empfunden werden, kommt ihnen eine pleonastische — Negation nicht zu; wohl aber mag die Verneinung getrost noch einmal im Nebensatze wiederholt werden, sobald der Zusammenhang locker ist und sich die Nebensätze auch als Umstands-, namentlich als Absichtssätze auffassen lassen. Das letztere trifft vor anderen die Zeitwörter hindern, im Wege stehn, sich hüten, sich in acht nehmen u. a. Denn wenn auch eine geschichtliche Betrachtung ergibt, daß die Klassiker die darauffolgenden Sätze noch überwiegend als Adverbialsätze auffaßten und demgemäß mit nicht ausstatteten, daß jetzt aber ebensosehr die Auffassung als Objektssätze vorherrscht, so wäre doch nichts verkehrter, als einer nüchternen Glätte und Einförmigkeit zuliebe auch aus diesen Sätzen die Verneinung gänzlich verbannen zu wollen. Nur den einen Fingerzeig sollte man beherzigen: nach transitiven Zeitwörtern ohne ein anderes Objekt als das im folgenden Satze liegende sowie bei Hinweisung auf diesen durch ein Demonstrativum wie das, es, davor, davon u. dgl. ist es richtiger, den Satz als Objektssatz zu fassen und ihn von dem überflüssigen nicht freizuhalten; dagegen ist es bei intransitiven und reflexiven Zeitwörtern, vorausgesetzt, daß ein solcher Hinweis fehlt, noch jetzt sehr wohl möglich, den Satz als loser angefügten Adverbialsatz zu fassen und darin die Verneinung zu wiederholen. Die entscheidende Kraft solcher Adverbien lernt man am deutlichsten z. B. bei warnen kennen, das an sich sowohl bedeutet: mit Besorgnis vor den aus dem gegenteiligen Verhalten entstehenden Folgen zu etwas raten (Er warnte mich, vor seinem Bruder geheim zu sein (= ich sollte es sein: Goethe), als auch abraten etwas zu tun (Doch warn ich dich dem Glück zu traun: Schiller). G. Freytag fügt im ersten Sinne: Den Herrn Amtsschreiber warne ich, daß er sich selbst in acht nehme; im zweiten: Ich warne euch, daß ihr zu niemandem redet. Vor und davor können sich nur in der zweiten Bedeutung mit dem Worte verbinden; und da heute in beiden Bedeutungen die Nennform ohne nicht vorherrscht, kann man durch ihre Vorsetzung von vornherein die richtige Auffassung an die Hand geben. Mit andern Zeitwörtern befremden uns nach den oben angegebenen Merkmalen heute Beispiele wie die nächstfolgenden: Alles, was ich zu tun habe, ist zu verhindern, daß sie nicht gestört werden; und: Haben Sie die Güte zu verhindern, daß der Lakai nicht zusieht (Freytag). Verhüt es Gott, daß ich nicht Hilfe brauche (Schiller). Umgekehrt würde, wer auch für die feineren Sprachmittel Verständnis hat, an den folgenden Sätzen etwas vermissen, sobald die von ihren Verfassern tatsächlich eingefügte Verneinung fehlte: Hüte dich, daß du mit Jakob nicht anders redest denn freundlich (Luther). Wir konnten sie nicht mehr zurückhalten, daß sie nicht nachsprang (Schiller). Selbst bei Nennformen, die gleich einem Satze mit damit nicht, um nicht zu aufgefaßt werden können, fügt z. B. Goethe: Man kann sich nicht genug in acht nehmen, aus Versuchen nicht zu geschwinde zu folgen; während es mit davor wieder nur heißen könnte: man kann sich nicht genug davor hüten, aus Versuchen zu geschwinde zu folgern.

Übrigens ist nicht zu verkennen, daß noch etwas mitwirkt, um diese überfüllende Verneinung festzuhalten; dies ist das Gefühl, dadurch die allem Verneinten anhaftende größere Unbestimmtheit malen zu können, wie sich das deutlichst in dem Konjunktive verrät, der im Nebensatze ohne Ver- $Seite 412$ neinung oft nicht mehr, mit derselben noch sehr häufig erscheint. So bei Ranke: Er konnte nicht verhindern, daß nicht noch Hilfe hineingekommen wäre, woneben heut nach § 375 gleich gut steht: daß noch Hilfe hineinkam. Ähnlich heißt es entweder trotz des § 400, 3 Bemerkten mit Grimm: Es kann nicht fehlen, daß die geheimnisvolle Sprache nicht zugleich Aufschlüsse des Gedankenganges der Begriffe gewährte oder daß sie Aufschlüsse gewährt.