Regierungsseitige Äußerung. Zurannahmebringung

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 28 - 29
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Wortbildung: Substantivierungen

Genannte Bezugsinstanzen: Federer - Heinrich, Neu, Behördensprache, Trentini - Albert von, Zeitungssprache
Text

Ein besonders fruchtbarer Boden für das Wuchern falscher Neubildungen und vollständiger Entartungen sind die sogenannten Zusammenbildungen wie vielgipflich, zweischläfrig, schiefbeinig, grundständig, weitlandig (Trentini); breitschulterig, leichtsohlig (Federer), viel-, gemischtsprachig, dreißigpferdige Maschine, mehrreihige Hindernisse. Diese Bildungen sind weder Ableitungen von Zusammensetzungen — denn es gibt keine Zusammensetzung Gemischtsprache, Dreißigpferd u. dgl. — noch unmittelbare Zusammensetzungen; denn auch selbständige Wörter wie beinig, sprachig gibt es gar nicht oder doch nicht in dem von der Neubildung geforderten Sinne. Es sind vielmehr Ableitungen von ganzen Wortgefügen, deren Sinn sie auch festhalten, und so geläufige Wörter wie Hofhaltung, Hutmacher, breitspurig zeigen, daß der Sprache hier an sich ein glückliches Mittel zu reichen Neubildungen zu Gebote steht.

Von präpositionalen Fügungen lassen sich vor allem Eigenschaftswörter bilden, wenn eine wirkliche formelhafte Fügung zugrunde liegt, wie bei außereuropäisch, vor-, nachchristlich, vor-, nachbörslich, überseeisch, untermeerisch, aushausig, außerkünstlerische und -wissenschaftliche Kreise, vorsteinzeitlich, voreinzelsprachlich, Hinterwäldler, oder wenn sich die neue Bildung an ein einfaches abgeleitetes Eigenschaftswort anlehnen kann und hierdurch als eine Art Partikelkomposition erscheint (vgl. § 25), wie z. B. vorweltlich, vorsündflutlich, vormärzlich. Selbst vor-, außerschulische Einflüsse hat sich im Anschluß an Vorschuljahre u. ä. durchgesetzt; und das einfache schulisch folgte nach. Ohne wenigstens eine solche Beziehung, welche die Verschmelzung fördert, sind dagegen Bildungen, durch welche die zugrunde liegende Fügung zugleich des Geschlechtswortes und des Kasuszeichens beraubt wird, hart und gewaltsam; und die folgenden Ausdrücke verdienen mit vielen gleichartigen gemieden zu werden: vorkrachlich, eine über achtmonatliche Reise, nachösterliche Arbeiten des Landtages, ein mittelaltriger Mann statt: ein Mann von mittlerem Alter und gar auch ein dunkelschreckvolles Erwachen. Die Krone aller von syntaktischen Verbindungen herkommenden Bildungen, unter deren Glänze besonders die Kanzlei- und Zeitungssprache einherstelzt, sind die ganz jungen, immer schwerfälligen Substantivierungen vor allem verbaler Wendungen mit ihren ganzen Prädikativen und Adverbialen: Selbstinzuchtnahme, (In)betrachtnahme, Prosklavereipartei, zumeist aber auf $Seite 29$ -ung: Instand-, Inruhestand-, Inanklagezustandversetzung, In- und Außerbetriebsetzung, Zurannahmebringung, Zurdispositionsstellung, Verächtlichmachung; und als Ungeheuerlichstes: er beantragt den Posten in Wegfallstellung zu bringen. Um die ganze Unbeholfenheit solcher Zusammenschiebungen zu erkennen, muß man sie mit solchen wirklichen Zusammensetzungen wie Kreiseinteilung Preußens = die Einteilung Preußens in Kreise vergleichen, deren Kraft, auch ein präpositionales Verhältnis durch eine bloße Stamm- und Wortform zu ersetzen, ihnen ganz abgeht. Über die Quelle dieser Wortungetüme vgl. mehr § 261.


Zweifelsfall

Wortbildung: Substantivierungen

Beispiel
Bezugsinstanz Federer - Heinrich, neu, Behördensprache, Trentini - Albert von, Zeitungssprache
Bewertung
Intertextueller Bezug