Wörter mit verschiedenem Geschlecht in verschiedener Bedeutung

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 39 - 40
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Unsicherheit
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Häufig sind auch drittens die Fälle, in denen die Sprache die zuerst aus der bloßen Freude am Können hervorgegangenen Doppelbildungen jetzt zu Begriffsspaltungen benützt, ein Fortschritt, den man fördern und nicht etwa stören und erschweren soll, wohl gar durch Berufung auf unsere Klassiker; denn gerade in solcher Hinsicht empfindet man ihren Standpunkt schon merklich als älter. Sagt doch Goethe: das Chor der Eumeniden und Schiller in gleichem Sinne: der Chor der Alten, während wir gewissenhaft scheiden zwischen dem Maskulinum, das den Chor der Sänger, des griechischen Schauspiels, und dem Neutrum, das den Standort der Kirchensänger, auch eine lustige Schar bezeichnet. Ebenso wie Lessing noch das Schild des Äneas sagt, scheiden wir heut scharf zwischen der Waffe, die wir den Schild (Mehrzahl: Schilde), und dem Aushänge- und Aufklebezeichen, das wir das Schild (Mehrzahl: Schilder) nennen. Ähnlich steht es jetzt bei folgenden Wörtern: Staaten nennen den Vertrag zwischen einander wie Frauen den Anreihstreifen ihrer Kleider den Bund, während zusammengeschnürte Sachen, Stroh u. a. das Bund (Bündel) bilden. Der Höcker des Kamels wie im Volksmunde der ganze Rücken und die Erhöhung auf der Mitte der Schildfläche heißt der Buckel, die Buckel dagegen ist eine Beule, ein Geschwür//2 Nicht mehr trifft also Grimms (Wb. II, 485) Scheidung: der Buckel = Rücken, Höcker, die Buckel am Schilde. In Georges' Wörterbuch v. J. 1869, in Lübkers Reallexikon v. 1874 und in Baumeisters Denkmälern des klass. Altertums v. 1888 ff. steht durchaus der Schildbuckel.//. Das bekannte Gebilde, das entsteht, wenn Linien oder Flächen sich schneiden, heißt schriftgemäß nur noch die Ecke, und das alte Neutrum ist nur in Zusammensetzungen mit Zahl- und Eigenschaftswörtern (das Viel-, Rechteck) und in dem Adverb übereck (nicht gut: überecks) allgemein gebräuchlich, außerdem mundartlich in Süddeutschland und der Schweiz. Der Weise erfreut sich seiner Erkenntnis (= Einsicht), aber ein Rechtsuchender über ein günstiges Erkenntnis (= richterliches Urteil//3 Ähnlich ist die Ärgernis abstrakt = Verdruß, Kummer, das Ärgernis, konkret — das Ärgernis —, Anstoß Erregende, die Ehrbarkeit Verletzende. In gleicher Bedeutung steht das und die Ersparnis, das und häufiger die Verderbnis, aber ausschließlich die Befugnis, das Wagnis.//. Allgemein nennt man die weite grünende Fläche draußen die Flur, aber der Raum vor den Zimmern, der Vorsaal u. ä. heißt, zwar noch nicht beim Volke, aber fast ausnahmslos bei Schriftstellern und Höhergebildeten: der Flur. Wem zu Gefallen ein Dienst erwiesen wird, den freut ein solcher Gefallen, mitteldeutsch auch noch: Gefalle; dagegen ist die Empfindung des $Seite 40$ Gefallens, besonders die Freude, Luft an etwas das Gefallen (ein Gefallen an etwas haben). Münzen, Arzneien, Dichtungen usw. haben einen Gehalt, während Beamte jetzt gleich gern das Gehalt, die Gehalte wie Gehälter einstreichen. Ganz allgemein und an Maschinen, Gewehren ausschließlich ist von dem Kolben die Rede, und nur der Kopf der Keule, etwa auch, eine keulenartige Pflanzenfrucht heißt noch die Kolbe, und so auch allein in der kräftigen Wendung die Kolbe lausen. Ebenso hat das fast nur noch im Hause übliche Neutrum Lohn (etwa in: das Boten-, Macherlohn) durchaus dem Maskulinum Platz machen müssen, nicht nur in der edleren Anwendung = Belohnung. Neben das, auch der Niet, dem beiderseits breitgeschlagenen Nagel, steht in gleicher Bedeutung, aber auch zur Bezeichnung der genieteten Stelle die Niete, abgesehen von die Niete (Fehllos), der niederländischen Form von „nichts". Der Lorbeer (Mehrzahl: Lorbeere) ist der Baum wie dessen Zweig als Zeichen der Anerkennung und diese selbst, während die Lorbeeren, die man erntet, gleichviel ob bildlich oder am Baume, von der Einzahl die Lorbeere kommen. Das Pack schränkt sich immermehr auf das so benannte liederliche Gesindel ein, indem das Wort zur Bezeichnung eines Bündels immer überwiegender männlich gebraucht wird, freilich auch in der Form Packen//1 Auf alle Fälle verdienen diese wahrscheinlich deutschen Wörter den Vorzug vor Paquet und Paket, wie ja die Ableitung das Päckchen schon Fachausdruck der Post geworden ist.//. Mehr zufällig, ungeordnet zusammenseiende Wesen bilden einen Trupp, Menschen wie Elefanten; dagegen ist eine größere wie kleinere Menge zusammengehöriger Leute eine Truppe, gleichviel ob zusammen eingespielte Dionysoskünstler oder soldatisch eingeübte Mannschaften. Jenen gönnen wir recht reichen Verdienst (Erwerb), diesen erkennen wir gern das Verdienst zu, Frieden und Ordnung zu wahren. Jung ist das Fiber (techn. Dichtungsmittel) neben die Fiber (Faser).


Zweifelsfall

Substantiv: Genusvarianz

Beispiel
Bezugsinstanz Literatursprache, alt, Goethe - Johann Wolfgang, Schiller - Friedrich, Lessing - Gotthold Ephraim, gegenwärtig, Volk, Schriftsprache, Mundart, Schweiz, Süddeutsch, Gebildete, Mitteldeutsch, Niederlande, Fachsprache, jung
Bewertung

Frequenz/häufig, fördern und nicht etwa stören und erschweren soll, Frequenz/allgemein gebräuchlich, edler, Frequenz/überwiegender, verdienen den Vorzug,

Intertextueller Bezug Grimm: Wb. II, 485, Georges: Wörterbuch v. J. 1869, Lübker: Reallexikon v. 1874, Baumeister: Denkmälern des klass. Altertums v. 1888 ff.