Wechsel zwischen Sätzen mit daß und Infinitiven mit zu

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Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 334 - 335
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Unsicherheit
Text

Nicht für alle Objektivsätze mit daß kann ein Infinitiv mit zu eintreten. Dieser ist vielmehr auf die Zeitwörter beschränkt, die die Äußerung oder Befriedigung eines Begehrens oder einer Absicht enthalten, z. B. befehlen, raten, erlauben, in mehr oder minder fühlbarem, doch unverkennbarem Zusammenhange mit der Bedeutung des Wörtchens zu, das jetzt hauptsächlich auf ein Richtung- oder Zweckverhältnis deutet. Dagegen ist er ausgeschlossen von den Zeitwörtern, die die bloße uninteressierte Mitteilung oder die rein verstandesmäßige Wahrnehmung oder Vorstellung einer Tatsache bezeichnen wie sagen, berichten, schreiben, ankündigen, bemerken, wahrnehmen, wissen u. a. Zumal wissen etwas zu tun soviel ist wie verstehen, vermögen etw. zu tun, muß es eine Vergewaltigung des guten Sprachge- $Seite 335$ brauchs heißen, wenn ein Denker wie R. Hönigswald öfter fügt: Der Ideenflüchtige kennt keinen Faden, von dem er abzuweichen, genauer: abgewichen zu sein weiß, oder Adele Gerhard (25): Man vergeht fast, in Köln zu sitzen. Wohl aber tritt der Infinitiv auch zu einer Reihe zwischen den Ausdrücken für das Begehrungs- und denen für das Erkenntnisvermögen mitteninne stehender Ausdrücke für das Gefühlsleben (glauben, fühlen, meinen, wähnen, sich einbilden, sich einschmeicheln); desgleichen steht er bei einer Reihe von Zeitwörtern sogar der Aussage, bei denen lebhafter oder leiser das Gefühl und der zur Abgabe einer gewünschten oder erwarteten Erklärung bereite Wille mitschwingt (versprechen, zusagen, schwören, behaupten, versichern, erklären). Kein Wunder denn, daß sich die Nennform von hier aus auch nach den Zeitwörtern der bloßen Mitteilung und Wahrnehmung einzudrängen sucht. So liest man nicht gut bei Maurenbrecher: Sie bemerkten, die Bischöfe dadurch zu beleidigen, und bei Jensen: eine Frau, von der sie die sicherste Auskunft auf der Insel erhalten zu können wußten, und sogar von einer Stube, die gewiß weder Gefühl noch Willen hat: Sie beließ keinen Zweifel, das Arbeitszimmer eines deutschen Gelehrten darzustellen. Nicht besser ist, was schon 1633 eine Priorin geschrieben hat: Der Kommandant gibt Antwort, sich zu wehren (statt er wolle oder werde sich wehren) bis auf den letzten Mann; denn da wird zwar der Inhalt der Nennform durch eine Gefühls- oder Willensäußerung gebildet, aber das regierende Zeitwort deutet dies nicht an, und darum muß dies im Nebensatze durch eine Konjunktion oder das Hilfszeitwort sollen geschehen. Ähnlich unklar müssen auch die Fügungen G. Kellers genannt werden: Kein Mann hatte mir gesagt, mich grad zu halten. Ich sah voraus, bald allein neben ihr durch die Landschaft zu reiten. Schleiermacher, der die Fügungsweise, wohl durch das Griechische verleitet, sehr häufig hat, schrieb sogar: Er hat sogleich bewirkt, unter die Boten aufgenommen zu werden.


Zweifelsfall

Infinitivgruppen und Konkurrenzkonstruktionen

Beispiel
Bezugsinstanz 17. Jahrhundert, Kirchensprache, Gerhard - Adele, Keller - Gottfried, Jensen - Wilhelm, Maurenbrecher - Wilhelm, Hönigswald - Richard, Schleiermacher - Friedrich
Bewertung

Ähnlich unklar, Frequenz/öfter, Frequenz/sehr häufig, muß es eine Vergewaltigung des guten Sprachgebrauchs heißen, Nicht besser, nicht gut

Intertextueller Bezug