Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 5 - 6
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Substantiv: Genitivbildung

Genannte Bezugsinstanzen: Gesprochene Sprache, Schriftsprache
Behandelter Zweifelfall:

Substantiv: Dativbildung

Genannte Bezugsinstanzen: Sprachverlauf, Norddeutsch, Schulsprache, Süddeutsch, Alt, Schriftsprache, Gesprochene Sprache
Text

Ob in der starken Deklination die volle Genitivendung es oder das bloße Genitiv-s vorzuziehen sei, ob man lieber sagen solle: des Amtes, des Berufes, oder des Amts, des Berufs, darüber läßt sich keine allgemeine Regel aufstellen. Von manchen Wörtern ist nur die eine Bildung, von manchen nur die andre, von vielen sind beide Bildungen nebeneinander üblich; selbst in Zusammensetzungen stehen der Landsmann und der Landsknecht neben dem Landesherrn und dem Landesvater. Oft kommt es nur auf den Wohlklang des einzelnen Wortes und vor allem auf den Rhythmus der zusammenhängenden Rede an: die kurzen Formen können kräftig, aber auch gehackt, die langen weich und geschmeidig, aber auch schleppend klingen, je nach der Umgebung. Ich würde z. B. schreiben: die sicherste Stütze des Throns ist die Liebe und Dankbarkeit des $Seite 6$ Volkes, die täglich neu aus der Überzeugung geboren werden muß, daß die berechtigten Interessen des Volks ihre beste Stütze im Throne finden.

Sehr zu beklagen ist es, daß immer mehr die Neigung um sich greift (teils von Norddeutschland, teils von Süddeutschland aus), das Dativ-e ganz wegzuwerfen und zu sagen: vor dem König, in dem Buch, aus dem Haus, nach dem Krieg, im Jahr, im Recht, im Reich, im Wald, am Meer (statt Könige, Buche, Hause, Kriege, Jahre, Rechte usw.). Abgesehen davon, daß der Formenreichtum unsrer Deklination, der ohnehin im Vergleich zu der ältern Zeit schon stark verkümmert ist, immer mehr verkümmert, erhält auch die Sprache, namentlich wenn das e bei einsilbigen Wörtern überall weggeworfen wird, etwas zerhacktes. Ein einziges Dativ-e kann oft mitten unter klapprigen einsilbigen Wörtern Rhythmus und Wohllaut herstellen. Man sollte es daher überall sorgfältig schonen, in der lebendigen Sprache wie beim Schreiben, und die Schule sollte alles daransetzen, es zu erhalten. Besonders häßlich wirkt das Abwerfen des Dativ-e, wenn das Wort dann mit demselben Konsonanten schließt, mit dem das nächste anfängt, z. B. im Goldland des Altertums. Nur wo das Wort mit einem Vokal anfängt, also ein sogenannter Hiatus entstehen würde, mag man das e zuweilen fallen lassen — zuweilen, denn auch da ist immer der Rhythmus zu berücksichtigen; eine Regel, daß jeder Hiatus zu meiden sei, soll damit nicht ausgesprochen werden. Von Hause aus klingt sicherlich besser als von Haus aus.

An den Wörtern auf nis und tum und an Fremdwörtern wirkt das Dativ-e meist unangenehm schleppend; man denke an Dative wie: dem Verhältnisse, dem Eigentume, dem Systeme, dem Probleme, dem Organe, dem Prinzipe, dem Rektorate, dem Programme, dem Metalle, dem Offiziere, dem Romane, dem Ideale, dem Oriente, dem Manifeste, dem Archive usw. Man kann nicht sagen, daß diese Formen an sich häßlich wären, denn die Plurale, die die meisten dieser Wörter bilden, klingen ja genau so; aber als Dative des Singulars wirken sie häßlich.


Zweifelsfall

Substantiv: Genitivbildung

Beispiel
Bezugsinstanz Gesprochene Sprache, Schriftsprache
Bewertung

kräftig, gehackt, weich, geschmeidig, schleppend

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Substantiv: Dativbildung

Beispiel
Bezugsinstanz Sprachverlauf, Norddeutsch, Schulsprache, Süddeutsch, Alt, Schriftsprache, Gesprochene Sprache
Bewertung

sehr zu beklagen, stark verkümmert, zerhackt, besonders häßlich, sicherlich besser, unangenehm schleppend, häßlich

Intertextueller Bezug