Die teilweise Erneuerung

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 203 - 206
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Adverb: attributiv gebraucht

Genannte Bezugsinstanzen: Sprache der Politik, Alt, Urprünglich, Schriftsprache, Treitschke - Heinrich von, Gegenwärtig, Gesprochene Sprache, Wien, Zeitungssprache
Text

Mit wachsender Schnelligkeit hat sich endlich noch ein Fehler in der Attributbildung verbreitet, der für einen $Seite 204$ Menschen von feinerm Sprachgefühl etwas höchst beleidigendes hat, gegen den aber die große Masse schon ganz abgestumpft ist: der Fehler, die mit weise zusammengesetzten Adverbia als Adjektiva zu behandeln. Man schreibt jetzt frischweg, als ob es so ganz in der Ordnung wäre: die teilweise Erneuerung, die stufenweise Vermehrung, die ausnahmsweise Erlaubnis, die zwangsweise Versteigerung, die bruchstückweise Veröffentlichung, die heftweise Ausgabe, die stückweise Bezahlung, die auszugsweise Abschrift, die pfennigweisen Ersparnisse, die vergleichsweise Erledigung, die leihweise oder schenkungsweise Überlassung, der glasweise Ausschank, die probeweise Anstellung, die reihenweise Aufstellung, die versuchsweise Aufhebung, die abwechslungsweise Verteilung usw., ja nach einer Dorfversammlung läßt man sogar die Leute in ihre beziehungsweisen (!) Behausungen zurückkehren.

Es wird einem ganz griechisch zumute, wenn man so etwas liest. Die griechische Sprache ist imstande, das zwischen Artikel und Hauptwort tretende Attribut auch durch ein Adverb oder einen adverbiellen Ausdruck zu bilden.//* Die englische in einzelnen Fällen, wie: the now king, the then ministry, the above rule, the above heading, die aber nicht von allen englischen Grammatikern gebilligt werden.// Im Griechischen kann man sagen: das jetzt Geschlecht (to nyn genos) für: das jetzige Geschlecht, der heute Tag für: der heutige Tag, der jedesmal König für: der jedesmalige König, die dazwischen Zeit für: die dazwischenliegende Zeit, der zurück Weg für: der zurückführende Weg, die allzusehr Freiheit für: die allzugroße Freiheit. Mit unsern Adverbien auf weise lassen sich im Griechischen namentlich gewisse mit der Präposition kata und dem Akkusativ gebildete Ausdrücke vergleichen, wie: kata mikron (stückweise), kat enianton (jahrweise, alljährlich), kath imeran (tageweise), kath ena (einer auf einmal), i kath imeran trofi, die tageweise Nahrung. Im $Seite 205$ Deutschen sind derartige Verbindungen ganz unmöglich.//* Wenn eine Zeitung schreibt: das Bild zeigt den Kaiser in fast Lebensgröße, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (in fast statt fast in).// Dem, der sie gebraucht, fällt es auch gar nicht ein, in einer Verbindung, wie: die schrittweise Vervollkommnung das schrittweise als Adverb aufzufassen, er meint, er schreibe wirklich ein Adjektivum hin, er dekliniert ja auch: ein teilweiser Erlaß. Das ist aber eben die Verwirrung. Die mit weise zusammengesetzten Wörter sind Adverbia, die aus Genitiven entstanden sind. Man sagte zunächst: glücklicher Weise, törichter Weise, verkehrter Weise, wie man auch sagte: gewisser Maßen (die Maße hieß es ursprünglich). Dann dachte man nicht mehr an den Genitiv, sondern wagte auch andre Zusammensetzungen (versuchsweise ist eigentlich: nach oder auf Versuchs Weise), und endlich bildete man sich gar ein, vielleicht verführt durch den Gleichklang mit weise (sapiens), diese Zusammensetzungen wären Adjektiva. Das sind sie aber nicht; man kann wohl etwas teilweise erneuern, ausnahmsweise erlauben, zwangsweise versteigern, bruchstückweise veröffentlichen, man kann sich schrittweise vervollkommnen, aber die schrittweise Vervollkommnung ist eine Verirrung des Sprachgefühls, die nicht um ein Haar besser ist, als das entzweie Glas, der extrae Teller, der sehre Hunger, und die bisweilen im Scherz gebildeten Ausdrücke, in denen man Präpositionen wie Adjektiva behandelt: ein durcher Käse, eine zue Droschke, ein auses Heft (statt: ein ausgeschriebenes).//** Im Stephansdom in Wien ist etwas bei sogleicher Wegweisung verboten.//

Mancher wird einwenden: daß ein Adverbium zum Adjektivum wird, ist doch kein Unglück, es ist auch sonst geschehen. Mit zufrieden, vorhanden, ungefähr ist es ebenso gegangen. Erst sagte man: ich kann mir das ungefähr vorstellen, dann wagte man auch: ich habe davon eine ungefähre Vorstellung. Andre werden einwenden: dieser Mißbrauch (wenn es einer ist) $Seite 206$ gewährt doch unleugbar eine Bequemlichkeit, wo soll man einen Ersatz dafür hernehmen? Früher sagte man: partiell (die partielle Renovation), fragmentarisch (die fragmentarische Publikation), exzeptionell, obligatorisch, relativ, provisorisch. Nun meiden wir die Fremdwörter und sagen: die teilweise Erneuerung, die bruchstückweise Veröffentlichung, und da ist es wieder nicht recht.

Das sind hinfällige Einwände. Wer sich der adverbiellen Natur dieser Zusammensetzungen bewußt geblieben ist — und solche Menschen wird es doch noch geben dürfen? —, oder wer sie sich wieder zum Bewußtsein gebracht hat, was gar nicht schwer ist, der bringt Ausdrücke wie: teilweise Erneuerung weder über die Lippen noch aus der Feder.//* Heinrich von Treitschke, auch ein Meister in der Kunst, deutsch zu schreiben, haßte sie aus tiefster Seele.// Einzelne dieser Verbindungen sind ja nichts als Sprachschwulst oder Ungeschick: für schenkungsweise Überlassung eines Bauplatzes genügt doch wahrhaftig Schenkung, und statt: die teilweise Veröffentlichung der Briefe kann man doch sagen: die Veröffentlichung eines Teils oder von Teilen der Briefe. Alle aber lassen sich vermeiden, wenn man sich nur von der Manier freihält oder wieder freimacht, in der unsre ganze Schriftsprache jetzt befangen ist, der greulichen Manier, zum Hauptsinnwort eines Satzes immer ein Substantiv zu machen, statt ein Zeitwort. Wir müssen wieder Verba schreiben lernen, wir müssen vor allen Dingen einen Satz wieder mit dem Verbum anfangen lernen, was sich heute kaum noch jemand getraut, dann wird so mancher andre Unrat auch wieder verschwinden. Statt zu schreiben: es wurde eine Resolution angenommen, die die zeitweise Aufhebung der Kornzölle verlangte — schreibe man doch: die verlangte, die Kornzölle zeitweise aufzuheben, statt: ihre teilweise Begründung mag diese Gleichgiltigkeit darin finden — schreibe man doch: begründet mag diese Gleichgiltigkeit zum Teil darin sein — und alles ist in bester Ordnung.


Zweifelsfall

Adverb: attributiv gebraucht

Beispiel
Bezugsinstanz Sprache der Politik, alt, urprünglich, Schriftsprache, alt, Treitschke - Heinrich von, gegenwärtig, gesprochene Sprache, gegenwärtig, Schriftsprache, Wien, Zeitungssprache
Bewertung

Fehler, Frequenz/mit wachsender Schnelligkeit verbreitet, Frequenz/was sich heute kaum noch jemand getraut, für einen Menschen von seinerm Sprachgefühl etwas höchst beleidigendes, genügt, greulichen Manier, kein Unglück, lassen sich vermeiden, Mißbrauch, nicht um ein Haar besser, Sprachschulst, Ungeschick, unmöglich, Unrat, Verirrung des Sprachgefühls, verkehrte, Verwirrung

Intertextueller Bezug