Nachdem - zumal - trotzdem - obzwar

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 130 - 132
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Subjunktion: Semantik

Genannte Bezugsinstanzen: Alt, Schriftsprache, Gegenwärtig, Österreich, Ursprünglich, Schreiber guten Stils
Behandelter Zweifelfall:

Subjunktion: Auswahl

Genannte Bezugsinstanzen: Alt, Schriftsprache, Ursprünglich, Schreiber guten Stils, Volk
Text

Verhältnismäßig wenig Fehler kommen in den Nebensätzen vor, die eine Zeitbestimmung, einen Grund oder ein Zugeständnis enthalten (Temporalsätze, Kausalsätze, Konzessivsätze). In den Kausalsätzen ist vor allem vor einem Mißbrauch des Fügewortes nachdem zu warnen. Nachdem kann nur Temporalsätze anfangen. Es ist allerdings schon früh auch auf das kausale Gebiet übertragen worden (wie weil und da, die ja auch ursprünglich temporal und lokal sind); aber heute ist das nur noch in Österreich üblich. Nachdem der Kaiser keine weitere $Seite 131$ Verwendung für seine Dienste hat — nachdem für die Anschaffung nur unbedeutende Kosten erwachsen — nachdem bei günstigem Wasserstande sich die Verladungen lebhaft entwickeln werden — solche Sätze erscheinen als Provinzialismen. Falsch ist es aber auch, nachdem in Temporalsätzen mit dem Imperfekt zu verbinden, z. B. der Grund, warum Lassalle, nachdem seine Lebensarbeit zerbrach, doch immer deutlicher als historische Persönlichkeit hervortritt. Nachdem kann nur mit dem Perfekt oder dem Plusquamperfekt verbunden werden.

Ein andrer Fehler, der jetzt in Kausalsätzen fort und fort begangen wird, ist der, hinter zumal das Fügewort da wegzulassen, als ob zumal selber das Fügewort wäre, z. B.: der Zuziehung von Fachmännern wird es nicht bedürfen, zumal in der Literatur einschlägige Werke genug vorhanden sind. Zumal ist kein Fügewort, sondern ein Adverb, es bedeutet ungefähr dasselbe wie besonders, namentlich, hauptsächlich, hat aber noch eine feine Nebenfarbe, insofern es, ähnlich wie vollends, nicht bloß die Hervorhebung aus dem allgemeinen, sondern zugleich eine Steigerung ausdrückt; der Inhalt des Hauptsatzes wird, wenn sich ein Nebensatz mit zumal anschließt, beinahe als etwas selbstverständliches hingestellt. Soll nun, wie es sehr oft geschieht, der in einem Nebensatz ausgedrückte Gedanke in dieser Weise hervorgehoben werden, so muß zumal einfach davortreten, sodaß der Nebensatz nun beginnt: zumal wer, zumal wo, zumal als, zumal wenn, zumal weil, zumal da, je nachdem es ein Relativsatz, ein Temporalsatz, ein Bedingungssatz oder ein Kausalsatz ist, z. B.: das wäre die heilige Aufgabe der Kunst, zumal seit sie bei den Gebildeten zugleich die Religion vertreten soll. So wenig nun jemand hinter zumal das wer, wo, wann oder als weggelassen wird, so wenig hat es eine Berechtigung, das da oder weil wegzulassen, und es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: diese Maßregel erbitterte die Evangelischen, zumal sie hörten — schließlich ließ sich die Angelegenheit nicht länger aufschieben, zumal sich die Aussicht eröffnete usw. Leider ist die Nachlässigkeit schon so beliebt geworden, daß man bald wird lehren $Seite 132$ müssen: zumal ist ein Adverb, aber zugleich ist es ein Fügewort, das Kausalsätze anfängt.

Ähnlich wie mit zumal verhält sichs mit trotzdem; auch das möchte man jetzt mit aller Gewalt zum Fügewort pressen. Aber auch das hat keine Berechtigung. Auch trotzdem ist ein Adverbium, es bedeutet dasselbe wie dennoch; soll es zur Bildung eines Konzessivsatzes dienen, so muß es mit daß verbunden werden. Zu schreiben, wie es jetzt geschieht: trotzdem Camerarius den Aufgeklärten spielte — trotzdem die Arbeiten im Innern des Hauses noch nicht beendigt sind — trotzdem es an Festlichkeiten nicht mangelte — ist ebenfalls eine Nachlässigkeit. Wir haben zur Bildung von Konzessivsätzen eine Fülle von Fügewörtern: obgleich, obwohl, obschon, wenngleich, wenn auch. Kennt man die gar nicht mehr, daß man sie jetzt alle dem fehlerhaften trotzdem zuliebe verschmäht? Sie sind wohl zu weich, zu geschmeidig, zu verbindlich, nicht wahr? Trotzdem ist gröber, „schneidiger," trotziger, darum gefällts den Leuten.

Freilich sind alle unsre Fügewörter früher einmal Adverbia gewesen. Auch indem, seitdem, nachdem, solange, sooft, nun (nun die schreckliche Seuche glücklich erloschen ist) wurden zur Bildung von Nebensätzen anfangs gewöhnlich mit Fügewort gebraucht (indem daß, solange als). Aber warum soll man nicht einen Unterschied bewahren, wenn das Bedürfnis von vielen noch empfunden wird? Wer sorgfältig schreiben will, wird sich auch nicht mit insofern begnügen, wenn er insofern als meint.

Eine österreichische Eigentümlichkeit ist es, Konzessivsätze mit obzwar anzufangen. In der guten Schriftsprache ist das, wie alle Austriazismen, unausstehlich.


Zweifelsfall

Subjunktion: Auswahl

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Schriftsprache, ursprünglich, Schreiber guten Stils, Volk
Bewertung

fehlerhaften, so wenig hat es eine Berechtigung, unausstehlich, zu weich, zu geschmeidig, zu verbindlich, gröber, schneidiger, trotziger

Intertextueller Bezug


Zweifelsfall

Subjunktion: Semantik

Beispiel
Bezugsinstanz alt, Schriftsprache, gegenwärtig, Österreich, ursprünglich, Schreiber guten Stils
Bewertung

Frequenz/verhältnismäßig wenig Fehler, Frequenz/fort und fort, falsch, Fehler, Frequenz/beliebt, Frequenz/sehr oft, hat keine Berechtigung, Mißbrauch, Nachlässigkeit, Provinzialismen, so wenig hat es eine Berechtigung

Intertextueller Bezug