Tintefaß oder Tintenfaß?

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 67 - 70
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Unsicherheit
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Zusammensetzungen aus zwei Substantiven wurden im Deutschen ursprünglich nur so gebildet, daß der Stamm des ersten Wortes, des Bestimmungswortes, an das zweite, das bestimmte Wort vorn angefügt wurde, z. B. Tagelohn; das e in Tagelohn ist der abgeschwächte Stammauslaut. Später sind zusammengesetzte Wörter auch dadurch entstanden, daß ein vorangehendes Substantiv im Genitiv mit einem folgenden durch einfaches Aneinanderrücken verschmolz, z. B. Gottesdienst. In manchen Fällen sind jetzt beide Arten der Zusammensetzungen nebeneinander gebräuchlich in verschiedner Bedeutung, z. B. Landmann und Landsmann, $Seite 68$ Wassernot und Wassersnot. Nun endet bei allen schwachen Femininen der Stamm ursprünglich ebenso wie der Genitiv, beide gehen eigentlich auf en aus, und so haben diese schwachen Feminina eine sehr große Zahl von Zusammensetzungen mit en gebildet, auch in das Gebiet der starken Feminina übergegriffen, sodaß en zum Hauptbindemittel für Feminina überhaupt geworden ist. Man denke nur an Sonnenschein, Frauenkirche (d. i. die Kirche unsrer lieben Frauen, der Jungfrau Maria), Erdenrund, Lindenblatt, Aschenbecher, Taschentuch, Seifensieder, Gassenjunge, Stubentür, Laubendach, Küchenschrank, Schneckenberg, Wochenamt, Gallenstein, Höhlenzeichnung, Leichenpredigt, Reihenfolge, Wiegenlied, Längenmaß, Breitengrad, Größenwahn, Muldental, Pleißenburg, Parthendörfer, Markthallenstraße u. a. Sogar Lehn- und Fremdwörter haben sich dieser Zusammensetzung angeschlossen, wie in Straßenpflaster, Tintenfaß, Kirchendiener, Lampenschirm, Flötenspiel, Kasernenhof, Bastillenplatz, Visitenkarte, Toilettentisch, Promenadenfächer, Kolonnadenstraße. Ein reizendes Bild in der Dresdner Galerie ist das Schokoladenmädchen.

Bei dem einfachen Zusammenrücken von Wörtern stellten sich aber nun Genitive im Plural als erster Teil der Zusammensetzung ein, und das hat neuerdings zu einer traurigen Verirrung geführt. Man bildet sich ein, das Binde-en sei überhaupt nichts andres als das Plural-en, man fühlt nicht mehr, daß dieses en ebenso gut die Berechtigung hat, einen weiblichen Singular mit einem folgenden Substantiv zu verbinden, und so schreibt und druckt man jetzt wahrhaftig aus Angst vor eingebildeten widersinnigen Pluralen: Aschebecher, Aschegrube, Tintefaß, Jauchefaß, Sahnekäse, Hefezelle, Hefepilz, Rassepferd und Rassehund, Stellegesuch, Muldetal, Pleißeufer, Gartenlaubekalender, Gartenlaubebilderbuch, Sparkassebuch, Visitekarte, Toiletteseife, Serviettering, Manschetteknopf, Promenadeplatz, Schoko- $Seite 69$ ladefabrik usw. In allen Bauzeitungen muß man von Mansardedach und von Lageplan lesen (so haben die Architekten, die erfreulicherweise eifrige Sprachreiniger sind, Situationsplan übersetzt), in allen Kunstzeitschriften von Kohlezeichnungen, offenbar damit ja nicht einer denke, die Zeichnungen wären mit einem Stück Stein- oder Braunkohle aus dem Kohlenkasten gemacht — nicht wahr? Wer nicht fühlt, daß das alles das bare Gestammel ist, der ist aufrichtig zu bedauern. Es klingt genau, wie wenn kleine Kinder dahlten, die erst reden lernen und noch nicht alle Konsonanten bewältigen können. Man setze sich das nur im Geiste weiter fort — was wird die Folge sein? daß wir in Zukunft auch stammeln: Sonneschein, Taschetuch, Brilleglas, Gosestube, Zigarrespitze, Straßepflaster, Roseduft, Hülsefrucht, Laubedach, Geigespiel, Ehrerettung, Wiegelied, Aschebrödel usw.//* Höhepunkt und Blütezeit haben wir ja schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet: Höhenpunkt, Blüten-// Sollten einzelne dieser Wörter vor der Barbarei bewahrt bleiben, so könnte es nur deshalb geschehen, weil man annähme, ihr Bestimmungswort stehe im Plural, und der sei richtig, also ein Taschentuch sei nicht ein Tuch für die Tasche, sondern — für die Taschen!

Wo das Binde-en aus rhythmischen oder andern Gründen nicht gebraucht wird, bleibt für Feminina nur noch die eine Möglichkeit, den verkürzten Stamm zu benutzen, der wieder mit dem eigentlichen Stamm der alten starken Feminina zusammenfällt und dadurch überhaupt erst in der Zusammensetzung von Femininen aufgekommen ist. So findet sich in früherer Zeit Leichpredigt neben Leichenpredigt, und so haben wir längst Mühlgasse neben Mühlenstraße, Erdball und Erdbeere neben Erdenrund und Erdenkloß, Kirchspiel und Kirchvater neben Kirchenbuch und Kirchendiener, Elbtal, Elbufer und Elbbrücke neben Muldental und Muldenbett. Vor dreißig $Seite 70$ Jahren sagte man Lokomotivenführer, und das war gut und richtig. Neuerdings hat die Amtssprache Lokomotivführer durchgedrückt. Das ist zwar ganz häßlich, denn nun stoßen zwei Lippenlaute (v und f) aufeinander, aber es ist ja zur Not auch richtig. Aber ein Wort wie Saalezeitung oder Solebad, wie man auch neuerdings zu lallen anfängt (das Solebad Kissingen), ist doch die reine Leimerei. Bei Saalzeitung könnte wohl einer an den Saal denken statt an die Saale? Denkt denn beim Saalkreis, beim Saalwein und bei der Saalbahn jemand dran?//* Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetzt Liebfraumilch lesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür schmuggelt man das en in den Niersteiner ein, der nun Nierensteiner heißt. Leider ist nur Nierstein nicht von der Niere, sondern vom Kaiser Nero genannt. Visitekarte, Manschetteknopf, Toiletteseife soll vielleicht Visittkarte, Manschettknopf, Toilettseife gesprochen werden — gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur gedruckt; aber wozu die französische Aussprache?// Die Amtssprache fängt jetzt freilich auch schon an, vom Saalekreis zu stammeln. Als 1747 das erste Rhinozeros nach Deutschland kam, nannten es die Leute bald Nashorn, halb Nasenhorn. Hätte man das Tier heute zu benennen, man würde es unzweifelhaft Nasehorn nennen.//* Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh. Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden die Parthenmühle als Pardemöl vor. Im Harz spricht man allgemein und wohl seit alter Zeit vom Bodetal und vom Ilsetal.//

Besonders bei der Zusammensetzung mit Namen wird jetzt (z. B. bei der Taufe neuer Straßen ober Gebäude) fast nur noch in dieser Weise geleimt. Wer wäre vor hundert Jahren imstande gewesen, eine Straße Augustastraße, ein Haus Marthahaus, einen Garten Johannapark zu nennen! Da sagte man Annenkirche, Katharinenstraße, Marienbild, und es fiel doch auch niemand ein, dabei an eine Mehrzahl von Annen, Katharinen oder Marien zu denken.